Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228159--52632-3258265- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
112 Von einer gleichen Vergünstigung der Presse gegenüber hoben wir bis jetzt noch nichts gehört. — In Allgelegenheit des Reskripts,, betreffend die jüdischen Lehrkräfte an den städtischen Schuleil, wurde zllr Vorberathung weiterer Schritte eine gemischte Kommissiom eingesetzt, in welche seitens der Versaminlung die Herren Justizrath Tiktin, Louis Sachs, Stadtrath Weigert und Sanitätsrath Jastrowitz deplltirt wurden. Nie Kiiberjntretfeier der „Amicitia". Von Bernhard Traubenberg. fie „Amicitia" beging in zwei festlichen Kundgebungen, die beide erhebelld verliefen, ihr 25 jähriges Jubiläum. Die Amicitia ist bekaniltlich ein Hort der Enterbten der Gesellschaft, die nicht mir arm am Gelde, sonderil auch arm am Geiste finb. Doppelt elend, muß Ulan sie, nach des Dichters Wort, doppelt mit Erquickung füllen. Das Institut läßt denen seine Förderung angedeihen, die es verabsäumt haben, auf der Stufenleiter der Erkeuiltlliß bis zur gewöhnlichen Elementarbildung emporzuklimmell. Jedoch begnügt sich die „Amicitia" nicht mit der Darreichung voll Bildungselementeil, sonderil sie arbeitet auch auf Stärkung der wirthschaftlicheil Position ihrer Pflegebefohlenen hin. Ihre Zöglinge rekrutiren sich zumeist aus dem Handwerkerstände. Die wirthschaftliche Hebling wird dlirch techilische Weiterbildung erstrebt. Viele Handwerker wurden im Laufe der Zeit in Kurse entsandt,' in bencn sie ihre Sachkenntnisse ergänzen und vervollkommnen konilten. Welch ein gewaltiges Arbeitspeilsum innerhalb der 25 Jahre bewältigt werden mllßte. das wissen liur die Eillgeweihten, d. h. die Mitarbeiter an dem humanell Werke. Für alle Anderen deckt der Schleier sorgsamer Diskretion das wohlthätiges Wirken der „Amicitia". Sie waltet im Stillen, llnd die Allßellwelt erfährt von ihrem Dasein nur wenig. Nun, gelegentlich eines Sitberjubitäuills ist es wohl erlaubt, darüber öffentlich zu sprechen. Umsomehr als die wohlthätigen Zwecke eine Kräftigung des Vereills durch Hillzugewiinlung neuer Gönner lvohl verdienen. Am vergangenen Mittwoch wurde eine dem Gedenken an die Hingeschiedenen Mitglieder geweihte Feier abgehalten. Der Vorsitzende, der um die „Amicitia" sehr verdiente Herr Dr. Ungerleider, gab ein anschauliches uild scharfgezeichnetes Bild voll dem bisherigen Entwickelungsgallge des Instituts. Er bezeichnete das Ergebniß als ein durchaus befriedigendes und wies auf das zuilehmende Gedeihen innerhalb der dem Verein von Natur gezogeilen Grenzen hin. Aus unscheinbaren Anfällgen sei er hervorgegangen. Viel Noth und Elend habe die steigende Zuwanderung in Berlin zusaminengehäuft. Da traten einige Männer, denen Gott ein Herz dazu gegeben, zusammen, um nach ihren Kräften das Möglichste zur Linderulig der jammervollen Lage, in der sich damals viele Juden hier befanden, zu thun. Die Kräfte waren zwar gerillg, aber der Wille war stark. Die Stifter der „Anlicitia" waren selber aus dem Mittelstände. Ihre Mittel reichteil ilicht weit, ja die Beiträge beliefen sich nur .auf wenige Thaler. Aber die Gründung der „Amicitia" war doch eine That. Es war etwas gescheheil, und die Aermsten, deren geistiger Horizoilt zu schmal war, um am Kampf ums Dasein mit Erfolg theilzunehinen, sahen, daß nlan nicht gleichgiltig ihrer Noth mit verschränkten Arnlkll zuschaue. Sie gewannen die Ueberzeugnng, daß lnail ihnen helfen wolle. Und diese Ueberzeugung wirkte schon erlösend und erfrischte die erniattende Hoffnung. Mn gründete eine Schule. Doch waren die Mittel so gering, das; an die Besoldung einer Lehrkraft nicht zli denken war. Diejenigen, die den Verein ins Leben gerufen hatten, ertheilten auch Abends den Unterricht. 'Es warell keine Fachmänner, aber Männer von selbstständigem Denken und Urtheilen uild von thatkräftigem Willen. Es waren Kanfleute. die sich in jeder Weise dieser von doppelter Armuth Heimgesnchten annahmen, sie belehrten, ans der Knechtschaft der Unwissenheit emporzogen, sie mit einigen Mitteln versorgten und bei Lehrherren unterbrachten. In dieser Zeit leisteten Dr. Lüpschütz auf der einen und der bekallnte Wohlthüter I. Reumann auf der anderen Seite dem Verein unschätzbare Dieilste. Ferner gedachte Dr. Ungerleider der verstorbenen Mitglieder, die in hervorragender Weise sich um deil Verein verdiellt gemacht haben. So des Geheimraths Dr. Oestreich, des Herrn I. Bodenstein, des Herrn Tansk. Erhob sich diese Gedenkfeier auf den einem solchen Akt angemessenen ernsteil Grnlldton, so erfüllte die Silbcrfestfeier am Purim behaglicher Frohsinn nild nach Aufhebung des offiziellen Theils sogar Heller Jubel. In sinniger Weise brachte Dr. Ungerleider die Grundgedanken des Purinifestes und der „Amicitia" in schölle harnlonische Verschlingung. Wie nach dem Vibelworte die traurigen Lose, unter bene» die Menschen seufzeil, llimmer völlig zerrissen lverden, so wird auch die Anlicitia ilimmer untergehen. Solange Noth und Mailgel. Kummer und Sorge ihre grauen Fittiche über die Menschenkinder breiten, solailge werdeil anch Mitgefühl und Bruderhilfe, Nächstenliebe uild Erbarmen hillieden nicht schwinden. Darum feiert die „Amicitia" ain Purim, am Tage des schwarzen Loses, ihr Fest der Nächsteilliebe. In knappen aber gedankenreichen Sätzen zeigte Dr. Adler seine freundliche Gesinnung und sein Ullvermindertes Interesse an dem segensreicheil Jllstitut. „Ahawa w'ach'wa", „Liebe imb Brlldersinil" so heißt der Vereiil. Mitempfindell und Helfen, Erbarmen und Retten, lebendiges Mitleiden uild wirksalnes Uilterstützeil niüssen in schönem Verein zu gegebeller Zeit zll gutem Gelillgen iileinandergreifen. Die Ahawa, die Liebe, sei die Saat, aus der der Baum thatkräftigeil Brudersinnes zu immer schönerem Gedeihen hervorreife. Ohne die Achawa, ohile werkthätige Hilfe sei die Ahawa, die liebevolle Theilnahme wie Versprechen ohne Halten, wie Hoffinnlg ohne Erfüllllng, wie Same ohne Frllcht. In der „Alilicitia" habe er aber die beiden höchsten Gruildsätze des Judenthums, eifernde Liebe, ellergische Bethätigung, ill einem solchen Maße in praktischer Anwendung allgetroffen wie in keinem andereil hiesigen Verein, uild darum habe er seine Kraft mit Freudeil in den Di eilst der Allstalt gestellt, und um so lieber, je mehr die Schranken, die die Nationen von einander trenneu, in den HiutergrlNld dabei treteil. Dalill wurde den drei Vorstandsmitgliedern, beit Herren Chaini, Dorn und Wedell, eine besondere Ehrung zu Theil. Wegen ihrer Verdienste um den Vereiil wurden sie zu Ehrenmitgliedern ernannt und ihnen die entsprechenden Diplome überreicht. Noch eine große Zahl launiger Reden unterhielt die heitere Stimmulig. Zwei Amicitiaschüler führteil dann eiile Festdichtlmg in formvollendeten und flüssigen Verseil von Gustav Jacobsohn vor. die wegen ihres reichen Inhalts und Packenden Vortrags lauten Beifall fand. Besoildere Ueberraschungen bereiteten den Zuhöreril die gesanglichen Vorträge und humoristischen Alifführungen der Zögliilge. Dieselben zeigten niehr als dilettanteuhafte Uebung; man glaubte sich beiliahe geschulten Schanspieleril gegenüber; die Purimstücke ließell interessante Bilder alls dem Kulturleben Halbasieils vor unseren Augen anschaulich erstehen. Ein Humor und eine Selbstironie wohnt