Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1896)
- Date
- 1896-03-06
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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111 Kurz, das Gericht hat viel Zeit damit verloren, die That eines Ritualmordes aufzustellen. Nur eins ist vernachlässigt worden, die Gerechtigkeit. Wir haben absichtlich hier die wenigen Worte des russischen Beamten angeführt. Glaubt man nicht die Geschichte eines der Prozesse zn hören, die früher und auch vor kurzem noch gegen unglückliche Inden angestrengt wurden, welche man durchaus des Ritualmordes überführen wollte? Und hier handelt es sich nicht um Juden! Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 2. März. ie Sitzungen unserer Repräsentanz folgen einander — sogar ziemlich rasch — aber sie gleichen sich nicht. Die letzte war im Gegensatz zu der von voriger Woche von einer gewissen Kampfesstimmung erfüllt. Wenn das Gewitter noch nicht zur Entladung gelangte, so lag dies mehr an den Fragen, die behandelt wurden, als an Denen, welche sie behandelten. Alte, erfahrene Galeriebesncher machen dabei freilich ihre besondereil Bemerkungen über das Niveau der Versammlung, die wir aber nicht wiedergeben wollen, da nur ja hier nur ein Referat, aber keine kritischen Betrachtungen zu liefern haben. Schon der erste Punkt der Tagesordnung, wie seltsam dies auch erscheinen möchte, gab reichliche Gelegenheit zur Beurtheilung der neuen Majorität und der Art und Weise, wie sie die „Geschäfte des Landes" zu führen gedenkt. Es handelte sich um die Wahl verschiedener Kommissionen — also um eine sehr einfache Sache. Die Debatte zeigte aber, daß die Sache doch nicht so einfach sei. — Am Vorstandstisch waren die Herren Jacoby, Sanitätsrath Dr. Wiesenthal, Bämberger, Direktor Herrmann, Dr. Lachmann, I. E. Jsaac. Die Repräsentanten-Versammlung war fast vollzählig, auch die Galerie gefüllt. Zunächst theilte bei Beginn der Sitzung der Vorstand mit, daß er in die Kommission betreffend die Verhandlungen mit der Reformgemeinde die Herren Justizrath Meyer und Sanitätsrath Dr. Wiesenthal, in die Konuuission betreffend die Waisenverwaltuug die Herren Jacoby und Jsaac deputirt habe. In die Kommission zur Revision der Geschäftsordnung des Repräsentanten-Kollegiums wurden entsandt die Herren Dr. Tiktin, Dr. Weigert und Leonhard Sachs. Und nun kam alsbald ein Antrag des Herrn Professor Levin, an Stelle der bestehenden Kommission für die Wahl eines Rabbiners eine neue Kommission zn wählen. Der Antragsteller begründete seinen Antrag als eine uothwendige Konsequenz der durch die Wahlen hervorgernfenen Aenderungen in der Zusammensetzung der Versammlung. Die Majorität der Wähler habe durch ihr Votum bestimmte Wünsche kliudgegeben, und so auch den Wunsch auf Anstellung eines Rabbiners konservativer Richtung! Dies bezwecke auch sein Antrag, der übrigens kein Mißtrauensvotum gegen die bisherigen Mitglieder der Kommission vorstellen solle. (Wirklich nicht? Sehr gütig von dem Herrn Antragsteller!) Da er nun einmal am Worte war, wendete sich alsdann der Redner gegen einzelne Punkte aus der neulichen Einftthrungsrede des Herrn Justizrath Meyer, namentlich gegen dessen Behauptung von Einflüssen, die von außerhalb dieses Saales kämen, und gegen weitere Reformen im Kultus. Auch er wünsche, daß der Frieden in der Geineiude erhalten werde, und dazu solle sein Antrag dienen. Wir werden später hören, welcher Auffassung von Gemeindefrieden ans der Seite herrscht, auf welcher der Herr Redner Platz genommen. Von Seiten des Vorstandes bemerkte Herr Direktor Herrmaün, daß der Vorstand sich in dieser Angelegenheit, als einer rein internen der Versammlung, neutral verhalten müsse. Run folgte aber ein sehr interessantes Intermezzo: Herr Justizrath Tiktin, den man bisher als Vertreter der konservativen Interessen zu betrachten geneigt war, trat auf und bestritt dem Antragsteller das Recht, sich als Vertreter der Majorität hinzustellen, da die Majorität der Gemeindemitglieder sich an der Wahl überhaupt nicht betheiligt habe. Von 14000 Wählern hätten kaum 5000 ihre Stimme abgegeben, imb von diesen noch nicht 3000 für die sogenannte konservative Partei! Bis jetzt habe man über streitige Punkte sich immer noch einigen können, und das möge man auch in diesem Falle beherzigen. Einwirkungen von Außen und imperative Mandate dürfe es in dieser Versammlung nicht geben. (Bravo! So spricht Jeuiand, dem es wirklich um den Frieden zu thun ist.) Herr Louis Sachs lehnte mm seinerseits eine event. Wahl in diese Kommission ab, da er sich im Interesse des Friedens keinen Erfolg davon verspreche. Herr Mosse betonte, daß die verschiedenen extremen Richtungen bisher für ihre Bedürfnisse selbst gesorgt hätten. Wolle man nun einen orthodoxen Rabbiner anstellen, so müsse man vorher den Kultus der Reform von Gemeindewegen ordnen. Das oberste Prinzip müsse bleiben: Gleiches Recht für Alle! Im Uebrigen sei die Kommission bei ihrer Arbeit durchaus sachlich und unparteiisch vorgegangen. Herr Professor Senator, der seinen Maidenspeech hielt, schloß sich diesen Ausführungen durchaus an, — und dadurch erhielt die Situation eine ganz unerwartete Wendling. Auch er betonte den Standpunkt „Gleiches Recht für Alle" und bestritt, ein imperatives Mmrdat zu haben. Die jüdische Gemeillde müsse Raum haben für alle, die sich durch Dogma und Ethik zum Judenthunr bekennen. Er würde nur dann für die Anstellung eine» orthodoxeil Rabbiners stimmeil, wenn auch die Reformgemeinde als vollberechtigtes Mitglied der Hauptgemeinde angesehen würde. Herr Dr. Weigert wollte die Berechtigung des Antrages Leviil nicht bestreiten, konnte jedoch den einseitigen Parteistaudpunkt desselbeii auch nicht theilen. Herr Dr. Jastrowitz wünschte, daß in der Kommission auch noch einige andere prinzipielle Fragen zlir Erörternng gelangten, so z. B. hinsichtlich der Unterrichtsthätigkeit der Rabbiner lind der gesammten Seelsorge. Herr Dr. Kirstem, also auch ein Vertreter der konservativen Richtiilig, erklärte, voll der Wahl eines orthodoxen Rabbiners keinen Frieden in der Genleinde zu erwarten. Auch er nahm keine Wahl für diese Koinmission an! Herr Simon erklärte, aus praktischen Gründell der Reliwahl der Komulission zustimmen zli wollen, dmnit die späteren Vorschläge derselben auch Alissicht auf Annahme im Plenum bieten. Jni gleichen Sinne erklärten sich die Herren Leichtentritt und Fränkel. Herr SieSkind, einer von den neugewählten Repräsentanten, wollte für den Antrag stimmen, verwahrte sich jedoch ebenfalls sehr entschieden dagegen, ein imperatives Mandat von seinen Wählern angeliommen zu haben. Im Wege namentlicher Abstilnmung lvlrrde der Antrag Levin gleichwohl sodann mit elf gegen acht Slinlinen angenommeli. Nachdem die Herren Geh. Rath Marcuse, Rlldolf Mosse und Justizrath Tiktin eine Wiederwahl abgelehnt, wllrden in die Kommission hierauf gewählt die Herren Simon, Leonhard Sachs, Fränkel, Professor Levin, Dr. Blumenthal, Leichtentritt — also kein eiilziger Vertreter der liberalen Richtung! Und das nennt man in den Kreisen der neuen Majorität „die Erhaltung des Gemeindefriedens!" Zlir Allnähme gelangte alsdauli noch eine Vorlage, betreffend die Grenzmauer Gr. Hamburgerstraße 27, sowie ein Gebet bei Be-' stattung von Kindern. Damit schloß die öffentliche Sitzung. In der darauf folgellden geheimen Sitzling wurde, wie wir verllehnlen, u. A. die lebenslängliche Anstellung des Lehrers an der Knabenschule, Herrn Borchardt, genehmigt. Ferner wurde beschlossen, dell Reprüsentanten-Stellvertretern, welche den öffeiltllcheil Sitzungeil beiwohnen wollen, reservirte Plätze im Sitznngssaale anzuweisen.