Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 sammlung. Es sei noch bemerkt, daß p. Rosenbaum in seinem früheren Aufenthaltsort (Menden Reg. - Bez. Arnsberg) zwölf Jahre lang Mitglied des Landwehrvereins war und laut Bescheinigung des Vorsitzenden „seinen Verpflichtungen diesem gegenüber pünktlich nachgekommen" ist. Rosenbaum mußte sich über die Ablehnung seines Gesuches auch noch aus dem Grunde umsomehr wundern, als man ihn 51t dem gelegentlich der diesjährigen Kaisergeburtstagsseier stattfindenden Festessen seitens des Vereins schriftlich eingeladen hatte. 3GE Oberstein, 24 Februar. Am 18. Schwat trug man hier Herrn Elias Wolfs zu Grabe. In ihm verlor die Gemeinde ihren Vorsteher, welcher 16 Jahre lang mit beispielloser Uneigennützigkeit und unbeugsamer Gerechtigkeit waltete. Ein unübersehbarer Leichenzug, zusammengesetzt aus allen Ständen und Konfessionen der Stadt und Umgegend, bewies, welcher Beliebtheit der Verstorbene sich erfreute. Am Grabe entwarf Herr Landrabbiner Dr. Loevy-Birkenfeld in ergreifender Rede ein Lebensbild des Verstorbenen. Sein Andenken sei zum Segen. Oesterreich-Llrigarn. Wien, 24. Februar. Die bevorstehenden Wahlen in den Vorstand der Kultusgemeinde werfen schon ihre Schatten voraus. Man ist gegen den jetzigen Vorstand vielfach empört, weil unter seiner kraftlosen Leitung nichts geschehen, ja sogar eine gewisse Reaktion eingetreten sei. In Bezug auf den Gottesdienst und den Religionsunterricht sind diese Vorwürfe gewiß nicht unberechtigt. Die Neuorthodoxie hat es hier glücklich soweit gebracht, den größten Theil der Frauen und die gesammte Jugend dem gottesdienstlichen Leben völlig zu entfremden. Und wenn die Lobredner des obligatorischen Religionsunterrichts in Deutschland die Früchte sehen würden, die diese Institution hier gezeitigt hat, so wurden sie von ihrer Begeisterung rasch geheilt sein. Die gleichberechtigte Stellung des Religionslehrers, der Zwang, an dem Unterricht theilzunehmen, Inspektoren — Alles haben wir hier in bester Ordnung. Aber wer behaupten wollte, daß unsere Kinder einen guten Religionsunterricht erhalten, der sie stark und widerstandsfähig für das Leben machen würde, oder daß sie etwa mehr lernen, als bei Ihnen draußen im Reich, — der befände sich in einem bedauerlichen Jrrthum. Vielleicht sucht ein neuer Vorstand hier an der richtigen Stelle einzugreifen, um bessere Resultate zu erzielen. — Das Landesgericht hat die verfügte Beschlagnahme des Druckwerkes „Der wahre Israelit vor den Wiener Geschworenen" von Pfarrer Dr. Josef Deckert, in Kommission bei der Mechitaristendruckerei in Wien, bestätigt und auf die Vernichtung der saisirten Exemplare erkannt. — Hier fand vor dem Bezirksgerichte Mariahils die Verhandlung gegen den Landtagsabgeordneten Ferdinand Loquay in der Ehrenbeleidigungsklage des Holzhändlers Julius Ehrmann statt, deni Herr Loquay in einer offenen Korrespondenzkarte „jüdisches Vorgehen" zum Vorwurf gemacht. Der Richter verurtheilte Herrn Loquay zu einer Geldstrafe von 60 fl., mit der Begründung, daß in dem gegebenen Falle mit dem Worte „jüdisch" thatsächlich etwas Unehrenhaftes gemeint sei. — In Prag fand die Schlußverhandlung gegen den kroatischen Studenten Georg Jambrisak wegen Vergehens der Gutheißung ungesetzlicher Handlungen und Wachbeleidigungen statt. Derselbe hatte in der Nacht zum 15. November auf dem Graben und in der Obstgasse mehrere Juden insultirt, indem er ihnen zurief: „S . . juden. Alle Juden soll man todtschlagen. Die Juden sind keine Menschen." Den hiesigen Wechselstubenbesitzer Eduard Kisch bedrohte er gleichzeitig mit dem Stocke. Herr Kisch, der mit Gattin und Tochter eben von einer Tanzunterhaltung zurückkehrte, zog, als er sich angegriffen sah, einen Revolver. Daraufhin wich der Student zurück, setzte aber die Beschimpfungen fort. Auch zwei Mediziner und zwei Bankbeamte wurden von ihm insultirt. Bei der Verhandlung leugnete der Angeklagte und gab vor, er sei der Beleidigte gewesen, man habe ihm das Wort „S . . christ" zugerufen. Die Zeugen bestätigten jedoch die Anklage. Der Gerichtshof sprach Jambrisak schuldig und verurtheilte ihn zu sieben Tagen Arrests. — Baron Joseph Morpurgo, belgischer Generalkonsul, Verwaltungsrath hervorragender industrieller Etablissements und Präsident zahlreicher Wohlthätigkeitsanstalten, feierte dieser Tage in Triest in vollster körperlicher und geistiger Frische seinen 80. Geburtstag, bei welcher Gelegenheit dem verdienten Manne, dessen Wirksamkeit auf dem Gebiete der Philanthropie die allgemeine Anerkennung findet, die herzlichsten Beweise der Werthschätzung entgegengebrach wurden, woran sich die offiziellen Kreise Triests, sowie alle Klassen der Bevölkerung betheiligten. B. Budapest, 15. Februar. Der königliche Gerichtshof in Jpolysäg hat die in Angelegenheit der sattsam bekannten Garam-Kis-Salloer Blutanklage eingeleitete Untersuchung eingestellt, nachdem sich herausstellte, daß das Mädchen, welches die krankhafte Phantasie eines Geistlichen zu rituellen Zwecken schlachten ließ, das Opfer eines tödtlichen Unfalles wurde. — Zahlreiche Gemeinden richten an die Regierung und die Vorkämpfer der Rezeption Dankschreiben, in welchen sie der Freude über die Jnartikulirung der Aufnahme der jüdischen Religion in die Reihe der gesetzlich anerkannten Konfessionen Ausdruck geben. — Seitdem der Uebertrrtt zum Judenthum in Ungarn gestattet ist, sind zwei Christinnen zum Judenthum übergetreten. — Der Notar VernhardWeiß in Vartfeld wurde durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz- Josef-Ordens ausgezeichnet. Großbritannien. z. London, im Februar. Am Sonntag den 16. d. M. wurde die hier kürzlich begründete jüdische Kn ab en tru p pe (Jewish Lad? Brigade) von Oberst Goldsmid gemustert, dem bei dieser Gelegenheit der Major- Lewis Leonad und Lieutenant Sebag Montefiore assistirteu; außerdem war das Komitee des Klubs der Makkabäer, welches diese Knabentruppe geschaffen hat, mit anwesend, sowie eine Menge von Zuschauern. Die jungen Rekruten marschirten wie erwachsene tüchtige Soldaten und machten auch die anderen Uebungen in vorzüglicher Haltung, so daß sie sich das Lob der anwesenden Offiziere im vollen Maße erwarben Unverkennbar ist der günstige Einfluß, den diese militärischen Uebungen auf die ganze Haltung der Knaben ausüben, und das hier gegebene Beispiel sollte anderwärts Beachtung finden. — Aus Süd-Afrika wird mitgetheilt, daß irr Johannesburg ein Raubanfall auf den Reverend M. L. Harris viel Aufsehen erregt hat. Mr. Harris ist der Prediger an der alten jüdischen Gemeinde in Johannesburg, er ist schwer verwundet, doch hofft man, daß er von seinen Wunden genesen wird. — In Kapstadt wurde bei der kürzlich abgehaltenen Generalversammlung der jüdisch-philanthropischen Gesellschaft Herr David Jsaacs zum Vorsitzenden gewählt. Mr. M. Baumann, der seit langem in Ceres ansässig war, jetzt aber sein Domizil nach Kapstadt verlegt erhielt vor seinem Fortgang eine feierlich überreichte Adresse seitens seiner bisherigen Nachbarn, auch der Pfarrer und die übrigen Geistlichen des Ortes haben sich dieser Ehrenbezeugung angeschlossen. — „Jewish Chronicle" bringt eine interessante Zuschrift des berühmten Malers Holman Hunt über die Wiederherstellung eines jüdischen Staates in Palästina. In diesem Briefe erklärt der berühmte Maler, ein jüdischer Staat sei allein möglich in dem heiligen Lande und spricht seine Zuversicht aus, daß die Zeit nicht mehr fern sein werde, wo die Mächte aus Gründen der Klugheit und der Aufrechterhaltung des inneren und äußeren Friedens den Juden das heilige Land übergeben werden, dann würde der jüdische Staat die civilisirte Welt in Erstaunen setzen durch die Erfolge, die er bei seiner Kulturmission im Orient erreichen würde! — Lieutenant H. M: Jessel, Mitglied des Parlaments und Schwiegersohn des verstorbenen Julian Goldschmidt, ist zum Kapitän befördert worden. Amerika. 6. B. New-Dort, im Februar. Ahlwardt ist vollständig verschollen. Seit drei Wochen hat keine Zeitung von ihm Notiz genommen. Es scheint, daß sein Mißerfolg in New-Jork auf weitere Reisen abschreckend gewirkt hat, obwohl einzelne Juden das Ihrige dazu beigetragen haben, ihn populär zu machen, unter Anderen ließ ein Herr Dr. Reis in Chicago eine Aufforderung ergehen, dem Ex-Rektor aller Deutschen bei seiner Ankunft in dieser Stadt einen warmen Empfang zu bereiten. — Der Wohlthätigkeitsbazar in New-Jork hat einen Reinertrag von 145 000 Dollars bei einer Einnahme von 165 000 gebracht, welcher der jüdischen Gewerbeschule und dem Institut zur Fortbildung der Einwanderer zufällt. — Einzelne Blätter enthalten die Nachricht, daß Dr. Emil G. Hirsch von der Sinai-Gemeinde in Chicago an den Tempel Emanuel in New-Jork mit einem Gehalt von 18 000 Dollars