Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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berufen werden soll. Dr. Gustav Gottheil, der demnächst sein 70. Lebensjahr erreicht, soll in den Ruhestand treten. Dr. Hirsch selbst hat von dem Gerücht in seinem Blatte bisher keine Notiz genommen. — In Chicago wurde am 4. und 5. Januar der neue Jsaiah-Tempel eingeweiht. Reden wurden von dem Rabbiner der Gemeinde, Dr. Joseph Stolz, von Dr. E. G. Hirsch und dem unitarischen Prediger Jenkin Loyd Jones gehalten. In der Zion-Gemeinde, wo Dr. Stolz früher fungirte, wird jetzt Dr. Emil Hirsch an Freitag-Abenden und Dr. Felsenthal, der pensionierte Rabbiner der Gemeinde, ein trotz seiner 74 Jahre geistig und körperlich rüstiger Greis, am Sonnabend predigen. Der Sonntagsgottesdienst wurde aufgelassen. — Die jüdischen Frauenvereine in Chicago beabsichtigen, eine Organisation zu bilden, welche durch Errichtung einer Arbeitsschule die Erwerbsfähigkeit der Frauen fördern soll. — Die Synagoge der Gemeinde Ansche Emeth in Peoria, Illinois, wurde am 5. Januar ein Raub der Flammen. Vier protestantische Gemeinden offerirten ihre Kirchen zur einstweiligen Benutzung, bis die Synagoge wieder hergestellt sein würde. — Die katholische Kirche hat eine Acquisition gemacht. Ein Herr Rosenfeld, angeblich bis vor drei Jahren Rabbiner in Böhmen, ist unter dem Namen Hilarius in das Benediktinerkloster zu Atchison, Kansas, ausgenommen worden. Hoffentlich machen die Herren nicht eine ähnliche Erfahrung wie die, welche den New-Iorker Baptisten bevorsteht, deren Judenmissionär, Reverend Aris Lichtenstein, demnächst wegen Bigamie prozessirt werden dürfte. — Die New-Iorker llrriteä Ilebrew Gharities weist für den Monat Dezember 11465 Dollars an Einnahmen aus, denen 14124 Dollars an Ausgaben gegenüberstehen. Die Gesammzahl der berücksichtigten Gesuche beläuft sich auf, 4913; Gesuche um Arbeitszuweisung wurden von 750 Applikanten eingebracht, und 531 Personen erhielten durch Vermittelung der Gesellschaft Stellungen. —''Die jüdische Freischule in New-Jork sorgte im abgelaufenen Jahre für den Unterricht von 5617 Kindern. Das Einkommen für das laufende Jahr ist mit 18 663 Dollars präliminirt. — Das im jüdischen Viertel New-Jorks gelegene Beth-Israel-Hospital weist eine Jahreseinnahme von 12 956 Dollars auf. Die Anzahl der behandelten Patienten betrug 488; in der Poliklinik wurden 22 353 Personen behandelt. — Das von der Union ok American Hebrew Congregations eingesetzte Komitee für Reiseprediger ließ ein Cirkular an die Rabbiner, ergehen mit der Bitte, statistische Daten über Orte, in denen zehn oder mehr jüdische Familien wohnen, zu sammeln. — Fräulein Ray Frank, die seinerzeit fälschlich zum ersten weiblichen Rabbiner der Judenheit er?' hoben wurde, ist von dem Gouverneur Jones in Nevada zu seinerü Privatsekretär ernannt worden. — Zwei Mitglieder der B'ne Israel- Gemeinde in Bombay haben um Aufnahme in das Rabbinerseminar in Cincinnati nachgesucht. — Eine neue Gemeinde wurde in Henderson, Nord-Carolina, gegründet. — Der Grundstein der neuen Synagoge Shaare Emeth in St. Louis wurde am 8. Dezember unter entsprechenden Feierlichkeiten gelegt. — Fräulein Joseph ine Lazarus hat ihre Aussehen erregenden Artikel „Der Geist des Judenthums" mit einem Nachworte in Buchform erscheinen lassen. Bei entschiedener Verwerfung des Ritualismus ist sie auf die Erfolge der Reformbewegung keineswegs günstig zu sprechen. Von Nah und Fern. — Der Kaufmann Karl Paasch, als Antisemitenführer wohl bekannt, wird wegen einer aus einem Erkenntniß des Landgerichts I Berlin vom 17. Mai 1893 wegen öffentlicher Beleidigung und wegen Preßvergehens vollstreckbaren Gefängnißstrafe von einem Jahr einem Monat von der Staatsanwaltschaft Berlin steckbrieflich verfolgt. Paasch, zuletzt in Leipzig wohnhaft, soll, wie im österreichischen Landtage am 5. d. Mts. der antisemitische Abgeordnete Schneider erklärte, von diesem persönlich aus Oesterreich in die Schweiz gebracht worden sein, weil die österreichischen Gerichte ihn wahrscheinlich nach Deutschland ausgeliefert hätten. Paasch befindet sich angeblich gegenwärtig in; Zürich. — Wie die „Antisemitische Korrespondenz" meldet, hat einr „Förderer des Deutschthums" zwei Preise von 3000 und 2000 Mark, ausgeseht für zwei antisemitische Werke. Das erste soll eine. „Zusammenstellung der geschichtlichen Judenverfolgungen und ihre' Ursachen" sein und das zweite ein „Lexikon der jüdisch-deutschen Mischhen." Wieder Einer! — Die in Leipzig am 7. Januar er. verstorbene^ Frau Lina Lustig, geb. Schlesinger, gebürtige Oberschlesierin, hat. dem Waisenhaus zu Rybnik 10 000 Mark hinterlassen. — In Straßburg (Westpreußen) ist. am 24. d. Mts. der dortige Rabbiner Dr. Stiebe! im 55. Lebensjahre nach kurzen, schweren Leiden gestorben. - Der Postassistent Schulze, genannt „Antisemiten - Schulze" in Wohlau, hat einen Selbstmordversuch gemacht und ist seiner Wunde erlegen. Er war vor seiner Versetzung nach Frankenstein und darauf nach Wohlau der Organisator und Führer der Breslauer Antisemiten. Auf Schutzes Einladung kam Ählwardt nach Breslau, um in einergroßen Versammlung unter Schutzes Vorsitz einen Vortrag zu halten. Bis zu seiner Versetzung hat Schulze dann hier die Partei geführt. Ebenso stand er darauf in Frankenstein und jetzt in Wohlau an der .Spitze des dortigen antisemitischen Vereins. Schon vor einiger Zeit waren auf dem Postamt in Wohlau mehrfach Unregelmäßigkeiten vorgekommen, ohne daß der Thäter hätte ermittelt werden können. Die jedesmal eingeleitete Untersuchung blieb stets ohne Erfolg. Ta wurde vor einigen Tagen mit großer Bestimmtheit aus Wohlau hierher gemeldet, daß Schulze verhaftet worden sei. Die Meldung war verfrüht. Schulze hatte es verstanden, den Verdacht von sich abzulenken. Er sandte den Zeitungen, die die Meldung seiner Verhaftung verbreitet hatten, scharfe Berichtigungen zu und veröffentlichte in dem dortigen antisemitischen Blatte eine lange Erklärung, worin er seine Unschuld betheuerte. Indessen scheint die Postbehörde an der Unschuld ihres Beamten gezweifelt zu haben, denn die Untersuchung gegen ihn wurde fortgeführt und Schulze sollte in Wohlau verhaftet werden. Als der Postinspektor dem Schulze im Dienstzimmer davon Mittheilung machte, zog er einen schon bereit gehaltenen Revolver hervor und tödtete sich in Anwesenheit des Vorgesetzten. Schulze soll in Wohlau über seine Verhältnisse gelebt und verhältnißmäßig bedeutende Schulden hinterlassen haben. — In der öffentlichen Sitzung der zweiten badischen Kammer am 13. ds. erklärte der Abgeordnete Pfisterer (Antisemit), daß er für die Forderung des jüdischen Kultus nicht stimmen könne (Heiterkeit.) Dieselbe Erklärung gab er unter erneuter Heiterkeit des Hauses bei der Forderung zur Aufbesserung gering besoldeter Rabbiner ab. Bei der Abstimmung über diese Forderung stand Abgeordneter Pfisterer allein da, was erneute Heiterkeit hervorrief. Gegen die Zuschüsse der Kültusausgaben aller Konfessionen haben auch die Sozialdemokraten Geis und Dreesbach gestimmt. — Die Hilfskasse für französische Rabbiner versendet ihren Jahresbericht. Das Gesammtvermögen beläuft sich auf 70 011 Frs. Die Gesellschaft zählt gegenwärtig 42 Mitglieder, also sämmtliche Rabbiner Frankreichs mit Jahresbeiträgen von 25 bis 110 Frcs. Die Einnahmen d. I. betrugen 6949 Frcs. Warum haben wir in Deutschland noch nicht eine solche Organisation. — M. Haymanu, Avantageur der Marine- Infanterie, der Sohn eines Pariser Kantors, ist den Tod fürs Vaterland bei Andriba (Madagaskar) gestorben. — In Panti n bei Paris ist Dr. L. Halbronn, Oberstabsarzt I. Klasse, im 60. Lebensjahre gestorben. Derselbe hat sich bei der Epidemie iu Toulon vielfach ausgezeichnet. Nach der Schlacht bei Bourget wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. — Das Kuratorium der jüdischen Schulanstalten in Livorno hat folgende Preisfrage zur öffentlichen Bewerbung gestellt: „Ob der Mosaismus nach Art der übrigen Religionen des Alterthums nur das Volk, welches sich zu ihm bekannte, im Auge hatte, oder vielmehr im Gegensatz zu dem gesammten Alterthum allein eine merkwürdige Ausnahme bildend, das ganze Menschengeschlecht umfaßt hat." An der Preisbewerbung können die Gelehrten aller Länder theilnehmen; die Arbeiten müssen bis zum 16. November bei dem Direktorium der jüdischen Schulanstalten eingereicht und in französischer oder italienischer Sprache abgefaßt sein. Der Preis beträgt 2700 Lire. — Am 24. Januar hat in Tunis ein Eingeborener Achmed Ben Flah, eine junge Jüdin im Alter von 14 Jahren Namens Meziana entführt und sie veranlaßt, den mohamedanischen Glauben anzunehmen. Auf Beschwerde der jüdischen Eltern ist die Ortsbehörde eingeschritten und hat das junge Mädchen einstweilen in Gewahrsam genommen, um festzustellen, ob dasselbe dem Entführer freiwillig gefolgt ist; leider hat sich an dieser Affaire eine lebhafte Agitation der Juden und Mohamedaner geküpft, die zu Streitigkeiten geführt hat und das Einschreiten des Gouverneurs von Gabes, General Alegro, nöthig gemacht hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.