Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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107 durfte Niemand gestehen, daß Miriam auch deshalb nicht nach Winkowze zurück wollte, um dem Jauko nie wieder zu begegnen. Der junge Bauer war an dem Tod ihrer Mutter mitschuldig und doch derselbe Mensch, mit dem sie von Kindheit auf vertraut gewesen und sie wollte ein ehrlich jüdisch Kind bleiben — oh, er verstand Alles! . .. Aber die Anderen?! „Warum schweigt Ihr?" fragte Meyerl womöglich noch schärfer. „Sollte cs wahr sein — um Himmelswillen" — er faßte Leib's Arm, und der Schrecken, der sich nun auf seinem Gesicht ausprägte, war nicht geheuchelt, — „sollte es wirklich wahr sein —" „Was?" fragte Leib. „Was die Kasia erzählt!" „Die Kasia?! . . . Was erzählt sie? Sie ist eine Lügnerin!" „Möge es Gott so fügen, daß sie auch da gelogen hat," erwiederte der Zwerg erregt, und der Wunsch war ehrlich gemeint. „Sie sagt der Jauko wäre —" „Nun?!" rief Leib allster sich und faßte den Zwerg 011 der Schulter. „Der Jauko — verzeiht — mail soll so was nicht über die Lippen bringen, uild ich hätt' auch geschwiegen, aber da Ihr mir nicht sagen wollt, warum sie nicht heim will, uild so verlegen seid — also: der Janko, sagt die Kasia, ist der Liebhaber Eurer Tochter!" „Lüge!" stieß der Kleine hervor, und sein Antlitz färbte sich dnukelroth vor Schmerz und Entrüstullg. „Elende Verlelimdung!" Der Zwerg athmete auf. Dieser Mensch war ja so dumm, niemals zu lügen, mib zudem war dieser Ton sicherlich echt. Eine chwere Last fiel ihm von der Brust: hätte die Kasia die Wahrheit gesprochen, daun wären die wenigen Heller, die voll dem Vermittlerlohn Meudele's für ihn abfielen, verloreil gewesen. Ein „Schadchen" gebraucht nlancherlei Mittel, um ein schwieriges Geschäft zu Stande zu bringen oder ein bedrohtes zu retten, aber einem ehrbaren Manlie listig eilie Entehrte als Braut zlizuführen, mit solcher Schllld belastet kein Mailn dieser Zunft sein Gewissen. „Gottlob!" murmelte er. Dann aber fiel ihm bei, wie weltfrenld lind leichtgläubig dieser Mailli sei. „Euer Wort in Ehren," sagte er, „aber könnt Ihr für Ellre Tochter — verzeiht," unterbrach er sich, „ich glaub ja nichts Böses, ich frage nur. . . Solche Fälle sind ja sehr selten, aber Mendele uild ich haben erst vor zwei Wochen eine solche Sach' gehabt. Die Tochter eines Sniatyner Holzhändlers — Nuben der Schneiderssohn hat sie vor einigen Tagen geheirathet, jetzt siild sie schon bei der Scheidung. . . Also — könnt Ihr dafür einstehen?" „Ja!" rief Leib entrüstet. „Ihr könnt es mir schwören?" „Bei Allem, was Ihr wollt! Mein Mirialnchen —" Und er brach in Thränen aus. Die Thüre der Kammer hatte sich geöffnet; sie merkten es Beide nicht. „Bei dem Grabe Ellres Weibes?" fragte der Zwerg. „Ja!" rief Leib. „Ich danke Dir, Vater." Da stand die Miriam, so blaß wie die Wand, an der sie lehnte, aber ihr Haupt war hoch aufgerichtet unb ihre Augen blitzten. „Die Kasia hat gelogen! Stellet sie mir gegenüber, fraget den Janko selbst?" Meyerl war betreten zurückgewichell, nun faßte er sich wieder. „Verzeiht," sagte er, „für Eure Ohren war das Gespräch nicht bestimmt. . . Der Kasia will ich schon ben Mund stopfen, Ihr braucht Glich damit nicht zu bemühen. Und den Janko würdeil wir auch nicht erst fragen, selbst wenli wir's könntell. Aber wir können ja nicht! Ihr wißt doch, was mit ihm geschehen ist?" „Nein!" rief Leib. „Er sitzt ja im Kerker, und gewiß für viele Jahre." „Barmherziger Gott!" schrie Leib allf. „Der Janko? Er ist ja ein braver Mensch! Wie ist das zngegailgen?!" Die Miriam aber schrie leise auf und wankte. Dann umklammerte sie die Thürklinke und hörte bebend zu, wie Meyerl die Szene an der Gartenpforte erzählte- Nach seiner Darstellung hatte der Rasende ein halbes Dutzend Bauern und Gerichtsdiener schwer verwundet; eines der Opfer war nach seiner Versicherung bereits verschieden. „Mall sagt", schloß er, „er wird überhaupt nie mehr freigelaffen werden; Andere meinen, er bekommt zehn oder fünfzehn Jahre Zuchthaus. Aber weniger gewiß llicht!" „Füllfzehn Jahre!" jannnerte Leib. Miriam aber schwieg, nur ihr Athem ging hörbar aus unb ein. Die Dämmerung war immer dichter hereingebrochen; es war ium im Flur fast finster; Meyerl konnte ihre Gesichtszüge nicht mehr unterscheiden. Das war vielleicht gut für ihn, sollst hätte er wohl wieder lim seinen Vermittlerlohn zu bangen begonnen. „Ihr bedauert ihn noch?" fragte er nur vorwurfsvoll, zu Leib gewendet. „Uild um die Leut', die er erschlagen oder verwundet hat, thnt es Euch nicht leid?" „Gewiß," betheuerte Leib, „aber die kenn' ich nicht, und er war unser Freund. Nicht wahr. Miriam?" Sie erwiederte ilichts, sondern trat schweigend wieder in die Kammer zurück. „Eure Tochter ist vernünftiger als Ihr!" sagte Meyerl. „Aber Euch lverd' ich nicht cinbeni. Seid wenigstens in der Hauptfach' so wie andere Meilschen! Ueberlegt Euch, ob Ihr die zehn Gulden lischt doch nehmen wollt. Ich frag' morgen wieder an. Gut'Nacht!" Er ging . . . Als Leib in die Kammer zurücktrat, in der es nun, da auch das Todteulämpchen nicht mehr branllte, völlig Nacht war uild leise den Namen seiner Tochter rief, erhielt er keine Ailtwort. Sie hatte sich wohl schon in die anstoßende Kammer begeben, wo neben dem Bette der Tante ihr Lager aufgeschlagen war. In der That hörte er. als er an Thüre dieser Kammer trat, von drinnen ihr leises Schluchzeil. Er suchte sie nicht zu trösten, er rief sie nicht an. Auch dieser Schmerz war ihm verständlich. . . . Er wollte ins Freie treteil, das Uilwetter scheuchte ihn zurück. So saß er denn auf benx Schemel nieder, auf dem er die Wache beim Todtenlicht gehalten, und überließ sich den Gedanken, die allf ihn einstürmten. Aber sie betrafen nicht seine lind feiner Tochter Zukunft. Er wußte nicht, wohin er in morgiger Nacht sein unb ihr Haupt betten, welche Ailtwort er Meyerl geben sollte, wenn dieser fragte, ob er die Partie zurückgehen lassen wolle, aber an dies alles dachte er allch nicht. Nur an ben Jauko dachte er. . . Dies Furchtbare also hatte sein Trauill vom Beil voraus verkündigt; der Hieb war llun niedergesaust, allf Anderer Haupt unb vor allem auf das Haupt des Unglücklichen selbst . . . fünfzehn Jahre Zuchthaus — ein verlorenes Leben! — Daß dieser Mensch ihm sein Kind bedroht, daß er mit Recht vor ihm gezittert und nun befreit aufathmen durfte, dies alles huschte ihm nur zuweilen wie ein Blitz durchs Hirll, und bann schlug er sich au die Brllst und murmelte: „Herr, rechne es mir nicht zlnn Bösen an, wenn ich auch daran denke!" Aber das waren nur Augenblicke; stundenlang hingegen und unablässig verfolgte ihli ein anderer Gedanke: „Wäre ich doch dabei gewesen, dann hätte ihn dies Unglück llicht ereilt. Ich hätte vernüllftig mit ihm gesprochen, hätte ihm erklärt, was man eigentlich von ihin will und daß es nur zu feinem Guten ist. Aber so — da schreien sie auf ihll ein, bis er den Verstand verliert und zu rasen allfängt, — nur um seinen Schwlir zu halten!" (Fortsetzung folgt)