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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-28 · Heft 9 (28.2.1896) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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106 funben, ihre Ruhestätte auf Erden habe, wenn sie ängstlich die verlassenen Lieben umflattert und hilflos zusehen mutz, wie sie ohne sie das Leben auf dieser harten Erde fortfristeu müssen. Leib Weihnachtskuchen war ein frommer Mann, dem jeder Aberglauben fern war; er wußte wohl, daß Er, der Allgütige, die Seele der Todten in seinen Himmel anfgenonnnen nnd daß nun alle Leiden und Sorgen der armen Chane zu Ende seien. Dennoch krampfte sich sein Herz zusammen, so oft das Lichtlein im Windzug flackerte, und Mirimn vollends begann zu zittern und schlug sich au die Brust. Daun legte der Vater den Arm uni sie und drückte sie fest an sich Er fragte nicht, was in der Seele des geängstigten Kindes vorging auch sie sprach es nicht aus. Aber zu einer solchen Aussprache kain es auch nicht, als die Trauerwoche vorüber war. Für Leib und seine Tochter war sie noch nicht vorüber, und es war ihnen beiden zu Muthe, als sollte sie nie wieder zu Ende gehen. Aber die Leute, bei denen sie Aufuahine gefunden, Schwester und Schwager der Verstorbenen, traten in derselben Stunde, wo die von der frommen Satzung vorgeschriebene Zeit abgelaufen war, vor sie hin und fragten, was es nun mit ihnen werden solle. Noth macht hart. Die blutarmen Leute hatten die Beiden bei sich ausgenommen, weil dies heilige Pflicht war, und hatten dies nicht einmal allzuschwer empfunden, weil die Trauernden selbst die kürgliche Speise, die sie ihnen vorletzten, fast unberührt ließen, aber mm brauchten sie ihre Kammer und das Wenige, was sie selbst zu verzehren hatten. „Ich weiß nicht . murmelte Leib, als sie ihn fragten. „Ich . . . Laßt mir noch eine Weile Zeit zum Ueberlegen . . ." Noth macht hart. „Was ist da zu überlegen?" sagte der Schwager, Schwul Ledermann. „Ihr habt ja Eller Geschäft in Winkowce. Krumm-Schimmele wird llicht ewig für Ellch draußen bleiben lvolteu. Ulld wenn allch?! Das ist doch Euer Brod unb nicht seines; Ihr müßt hin!" Die Miriam hatte bisher kaum Zugehört; nun aber verstand sie lind zuckte angstvoll zusammen. „Nicht heim . . stieß sie bebend hervor und schloß die Auzeu. „Was soll das heißen?!" rief ihre Tante Rachel ulld stemmte die Arule in die Hüften. „Wer bezahlt'denn für Euch, wenn Ihr hier bleibt? Der Alte drüben? Es soll mir recht sein, mir müßt' cr's uns sagen!" „Der Alte?" fragte das Mädchen erstaunt unb strich sich das Haar aus dem blassen Antlitz. „Welcher Alte?" Die Frau wurde verlegen. Es siel ihr nun bei, daß Miriam ja noch immer nichts von ihrer Verlobung wisse. Auf diese Weise, in dieser Stunde durfte sie es nicht erfahren. „Ich dachte . . .", stotterte sie, „Neb Froim, der uns gegenüber wohnt ... Er war zwar beim Begräbuiß voll Mitleid, aber bezahlell kanll er für Elich nicht. . ." „Später . . .", bat Leib nochmals. Schmu! Ledermaun zuckte die Achseln. „Wie Ihr wollt," sagte er. „Aber was soll da beim Warten Vernünftiges herauskommen?" Als die Beiden wieder allein waren, faßte Leib die Hand, der Tochter mit der Linken, mit der Rechten strich er ihr leise das Haar aus der Stirn. Er fragte nicht, warum sie nicht an die Stätte zurückkehren wolle, wo ihr ein so furchtbares Bild vor der Seele gestanden, warum sie dem Janko nicht mehr begegnen wolle; er verstand es ohnehin. Alles verstand er, und in seinem weichen, schmerzdurchwühlten, mitleidsvollen Gemiith hallte es wieder. Sie aber wußte, daß sie ihm nichts zu sagen brauche, sie lehnte den Kopf an seine Brust und weinte sich wieder einmal aus. wie so oft in diesen Tagen. Während die Beiden noch so beisammen saßen, hörte Leib eine Helle, quiekende Stimme draußen nach ihm fragen. Er erkannte sie sofort, es war Meyerl Spazierstock. Sanft machte er sich aus den Armen der Tochter los und trat vor die Thür. „Reb Leib," empfing ihn Meyerl herablassend, „ich bring' Euch was. Zehn Gulden bring' ich Euch." Er holte seine Brieftasche hervor und hielt ihm die Papiernote ausgebreitet entgegen. „Welches Glück Ihr hab't! — Reb David denkt doch an Alles! „In Trauer sein," sagt er, „ist bitter, und in Noth sein, ist bitter — aber Beides zusammen ist zu viel für einen Menschen. Bring' ihm das Geld," sagt er, „und wenn er mehr will, so kann er's auch haben. Und das Begräbuiß," sagt er, „ist schon bezahlt, und will sein Schwager Schmul für die acht Tage Kost und Wohnung eine Entschädigung, so will ich sie ihm auch geben. . ." Ja, so sagt er," schloß Meyerl gönnerhaft, „Ihr seid zu beneiden, Reb Leib!" Der unglückliche Mann stand mit gesenkten Augen da; seine Lippen bebten. „Ich danke . . .," murmelte er, „aber das Geld... Es ist ja . . . noch Alles ungewiß. . . Ich muß doch erst mein Miriamchen. . ." Meyerl that, als traute er seinen Ohren nicht, vielleicht war es wirklich so. „Was?" schrie er gellend auf, „was ist ungewiß?! . . . Und worüber müßt Ihr erst Eure Tochter fragen?! . . . Woll't Ihr die Partie —" die Stimme schien ihm zu versagen — „zurückgehen lassen?!" ergänzte er dann schreiend. Leib hob beschwörend die Hände. „Still," bat er. „Sie hört sonst jedes Wort. Und wenn Ihr wüßtet, wie ihr jetzt zu Muth ist, wenn Ihr sie sehen würdet — es *aun einen Stein erbarmen. . . Jetzt kann und soll sie es nicht erfahren," fuhr er mit festerer Stimme fort. „Und was das Geld betrifft — ich laß' mich bei Reb David herzlich bedanken, aber ich hoff', es geht auch ohne dieses. . . Es wär' zum ersten Mal in meinem Leben. . . Krumm-Schimmele ist ein ehrlicher Mann, er ist aus „Mizwe" (um ein frommes Werk zu thun) hinausgezogen, ich hoff', er hat Geld für mich und bleibt auch länger draußen, wenn ich ihn darum bitte. . ." Meyerl hatte sich gefaßt; desto verblüffter stellte er sich. „Verzeiht," sagte er und legte die Hand auf die Stirne, „aber mir scheint, Euch hat der Trauerfall Euer bischen Verstand — Verzeiht, aber was soll man davon denken?! Ihr weiset das Geld zurück, Ihr habt auch ohnehin genug, sagt Ihr! Und woher kommt Euer plötzlicher Reichthum? Weil Krumm-Schimmele inzwischen Euer Verwalter war und auch noch länger dort bleiben will! Bisher hab't Ihr allein nicht von der Schänke leben können, und jetzt soll's plötzlich für zwei Familien reichen, Euch und Euren Verwalter?! Das ist verrückt, Reb Leib, verzeiht, aber da paßt kein anderes Wort. . Der Aermste schwieg und blickte dann den Ztverg hilflos an. „Ihr mögt Recht haben," murmelte er. „Ich will's ja auch ordnen. . . Aber jetzt . . . jetzt weiß ich nur Zweierlei: ich kann kein Almosen anuehmen und kann nicht in die Schänke zurück." „Warum?!" fragte Meyerl, und sah den Anderen lauernd an. „Weil mein Miriamchen sich davor fürchtet/ war die Anwort. „Ihr müßt bedenken, welche furchtbare Erinnerung der Tod der Mutter für sie ist. ." „Und ist das der einzige Grund?" fragte der Zwerg, und die quieckeude Stimme klang scharf, wie ein Messer. Leib schlug den Blick zu Boden und erröthete. Lügen konnte er iücht und diesem Menschen die volle Wahrheit sagen auch nicht. Er

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