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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-28 · Heft 9 (28.2.1896) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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105 Dies war ein beliebter Einfall, um den Spaß zu verlängern. Aber des Gewinners Augen leuchteten unheimlich. „Aber nein,, wir rannten wie losgelassene Falken!" „Sei still, sei still, gieb ihm das „Pallium", flüsterte ihm, ihn am Gewand zupfend, einer der Renner hinter ihm zu. Aber der junge Mann war furchtlos und unerschrocken und frug: „Warum hielt der Hauptmann uns denn da nicht zurück?" „Halt Deine Zunge zwischen Deinen Hundezähnen," erwiederte der Richter. „Auf jeden Fall muß das Rennen noch einmal gelaufen werden; denn das Gesetz befiehlt zum mindesten acht Renner." „Wir sind acht," erwiederte der junge Jude. Der Richter starrte den Rebellen an, dann zählte er, indem er jeden mit dem Stock berührte: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben!" „Acht," beharrte der junge Jude, als er zum ersten Mal den alten Juden hinter sich auf der Erde sah und sogleich versuchte, ihn aufzuheben. „Diese elende Kreatur! Basta! Er zählt nicht mit! Er ist betrunken." „Du gottloser Höllenhund!" Und Plötzlich richtete sich der junge Jude hoch auf und zog ein Kruzifix aus seinem Mantel. „Du hast Recht!" rief er mit Donnerstimme. „Es sind nur sieben Juden, denn ich — ich bin ein Christ. Ich bin Fra Guiseppe!" Und das Kruzifix verbreitete, rund umher geschwungen, Ehrfurcht. Voll Ueberraschung und Furcht wich der Richter zurück. Die Soldaten saßen versteinert auf ihren Pferden, die wogende Menge schwieg für kurze Zeit, ganz betroffen. Der Regenschauer hatte aufgehört, und schwache Sonnenstrahlen glänzten auf dem Kruzifix. „In Christi Namen brandmarke ich den Teufelsspott, den ihr mit Gottes rmserwähltem Volk treibt!" donnerte der Dominikaner. „Weicht alle zurück. Will Keiner diesem alten Mann ein Glas kaltes Wasser bringen?" „Hat der Himmel ihm nicht Wasser genug gegeben?" frug ein Spaßmacher in der Menge. Aber Keiner rührte sich. „Mögt Ihr alle in der Ewigkeit brennen," sagte der Mönch. Er neigte sich wieder nieder und erhob sanft des alten Mannes Kopf. Da wurde sein Gesicht weißer und strenger. „Er ist todt," sagte er. „Mög Christus, den er leugnete, ihn in seiner Barmherzigkeit aufnehmen." Sacht ließ er den Körper zurückfallen und schloß die glasigen Allgen. Die Umstehenden ergriff Schrecken. Der Tod verlieh auch dem alten Juden Würde. Er lag da, durch die erzwungene schlvere Mahlzeit von einem Schlaganfall getroffen, das Flittergold glänzte auf seinem weißen, beschmutzten Rock, seine nackten Beine waren kalt und steif. Dem Hauptmann der Soldaten wurde heiß und kalt. Zum besoilderen Ergötzen hatte er die Renner gehetzt, aber Mörder hatte er nicht werden wollen. Eine Woge der Zerknirschung ergriff die Zuschauer. Doch der Richter erholte sich schnell. „Ergreift den abtrünnigen Priester," rief er. „Er ist ein Abtrünniger. Er ist zu seinem Volke zurückgekehrt. Er ist wieder Jude geworden, er soll lebendig geschunden werden." „Zurück im Namen der heiligen Kirche!" rief Fra Guiseppe, sein Gesicht denr Hauptmann zuwendend, der jedoch, ohne sich zu rühren, zu Pferde saß. „Ich bin kein Jude. Ich bin ein so guter Christ wie der -heilige Vater, der eben an jenem Fenster saß und seine Augen an diesem heidnischen Schauspiel ergötzte." „Waruni liefest Du denn mit den Juden? Du hast Dich verunreinigt und Dein Kutte entweiht." „Nein, ich trage meine Kutte nicht. Bin ich nicht halb nackt? Sollte ich dies Kleid achten, diese bunten Lumpen, welche Eure Mitbürger Zllr Zielscheibe des Schmutzes, der Schmach gemacht haben?" „Du hast es Dir selbst zuzuschreiben," fiel der Hauptmalin milde ein. „Warum ranntest Du mit diesen! verpesteten Volk." Der Dominikaner beugte sein Haupt. „Es ist meine Buße," sagte er mit Zitternder Stimme „Ich habe gegen meine Brüder gesündigt. Ich habe ihre Leiden verschlinnnert. Darum mußte ich in der Stunde ihrer tiefsten Demüthigung bei ihnen sein, und um ihr Martyrium theilen zu können, erbat ich von einem der Nenner seine Stelle. Aber Buße ist nicht allein mein Beweggrund." Und er erhob seine Angen, die schrecklich erglühten, und seine Stimme wurde wie Donner, welcher durch die Menge weit den Korso entlang rollte. „Ihr, die Ihr inich kennt, treue Söhne und Töchter der heiligen Kirche, Ihr, die ihr so oft meiner Stimme gelauscht habt, in deren Häuser ich den Trost des göttlichen Wortes gebracht habe, vereinigt Euch mit mir, das lange Martyrium der Inden, unserer Brüder zu enden. Nicht durch Haß, sondern durch Liebe regiert Christus die Welt. Ich wähnte, daß es Euch rühren würde, mich, den ihr, wie ich weiß, liebt, bedeckt mit Schmutz zu sehen, den ihr niemals geworfen haben würdet, wenn ihr mich in dieser seltsame!! Verkleidung erkannt hättet. Aber ach, dieser arme, alte Mann predigt eindringlicher wie ich. Seine tobten Lippen erschüttern Eure Seelen. Geht heim, geht fort von dieser heidnischen Freude, kleidet Euch in Sack und Asche und betet zu Gott, daß er Euch zu besseren Christen mache." (Fortsetzung folgt.) Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) s war drei Wochen später, eine Nacht im Oktober, eine kalte, aber klare, helle Herbstnacht. Zwanzig Tage und Nächte hatte der Regen vom Himmel herabgeströmt, dicht, endlos in betäubender Wucht, wie ein Strafgericht des Himmels, als sollte alles Leben in den armseligen Flecken und Dörfern der Ebene ansgetilgt werden. Die Straßen waren unwegsam geworden, die Aecker um Haliez und die Gäßchen des Marktfleckens ein schlannniges Meer, durch das Mensch und Thier trübselig watete. Der Dniester war ausgetreten, die Schiffbrücke. dieHalicz mit dem jenseitigen Ufer und der Dampfsäge verband, stand seit einer Woche' unter Wasser: Kähne vermittelten den Verkehr. Graue, kalte Fluth. wohin das Auge blicktel; sie stürzte vom Himmel nieder, schwoll dräuend ans der Erde empor. In dumpfem Bangen hatten die Menschen vor sich hingebrütet, bis sich endlich an einein Freitag Morgen die Nebel geklärt und die Sonne wieder bervorgebrochen. Sie beschien ein trostloses Bild, aber heitere Mienen. Nur zwei Menschen in Haticz blieben trotz der Sonne noch immer in derselben dumpfen Betäubung, wie bisher: Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Wie eine einzige, sternenlose Nacht waren ihnen diese drei Wochen vergangen, nicht allein die erste, wo sie in der armseligen Kanuner der Schwester der ^Verstorbenen bei geschlossenen Laden, mit zerrissenem Gewand, auf der Erde hockend, die Todtenwacht gehalten und mit trüben Augen, die schließlich kaunr noch Thränen fanden, in das Todtenlicht gestarrt. Acht Tage und, Nächte innß diese Leuchte brennen; zur Erinnerung an die Todten sagen die Einen und die Anderen meinen: damit die Seele, die ihre Wohnstätte hienieden verlassen und jene im Himmel noch nicht ge-

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