Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
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104 befindet, so wie es allen eine lange Zeit abgeschlossenen und dem Einflüsse des allgemeinen Fortschrittes unzugänglichen einzelnen Gemeinschaften' geht, besonders, wenn man noch bagn nimmt, daß die kirchliche Judengesellschaft ein durchaus aus fremden Landen mitgebrachtes fremdartiges Religionssystem überall zu bewahren gesucht hat. — Später. — Eine große Deduktion wird hier nicht nöthig sein, da Du wohl selbst hiermit übereinstimmen wirst, und blos der Hinblick auf die Einrichtung des Kultus und wie selbst denkende Juden, denen die Bearbeitung des religiösen Elementes im Judenthum das Leben füllen soll, keine es durchdringende und belebende Idee zu finden wissen und wie sie hiermit doch jedenfalls zugestehen, daß es in seiner jetzigen Ausübung fast bloße Werkheiligkeit ist, mag einen Jeden überzeugen, wie es in schneidendem Widerspruche mit unserer denkenden Zeit steht und wie sehr nöthig daher eine Radikaländerung demselben ist, da eben das Fortbestehen immer wieder neuerdings die Idee erzeugt, die zu verbannen ist. Ob nun die Natur des jetzigen Judenthums wirklich so kräftig sei, eine Revolution zu ertragen, dies ist eine Frage, die ich ebenso auf Portugal, Spanien und Italien anwenden möchte; wo nicht genug gesunde, nachhaltige Kraft vorhanden ist, um die schmerzliche Operation siegreich bestehen zu können. da geht der Körper zu Grunde, und seine einzelnen Stoffe kehren dorthin, von wo sie genommen sind, und werden zu andern Körpern verwendet. Das Judenthum ferner, als die Religion der Minorität, muß schon einen weit kräftigem Gehalt in sich haben, da die, wenn auch blos religiöse Abschließung immer ihren besondern Grund haben muß, der mich der Majorität abzuwenden, die doch überall als die Norm menschlicher Wahrheit betrachtet wird, veranlaßt. Während also z. B. der Christ sich weiter gar nicht über seinen Glauben zu fragen hat, während er, möge seine Religion noch so schlecht sein, von ihr ganz unberührt bleiben kann, da er als Mensch dieses Staates lebet und in diesem Staate zufällig fast alle Menschen Christen sind, so muß dem Juden immer Jüdisches eigenthümlich werden, da ja nur die Liebe zum Judenthum ihn abhalten kann, unter der Menge zu sein, er muß seinen Glauben, als eine Ueberzeugung, besser begründen, eben weil er von der Mehrheit abweicht; thut er dies nicht und kann er es nicht, so behauptet er, es stehe als ein krankhafter Ueberrest früherer Zeiten da, deffen Auflösung blos verzögert werde. — Die Stellung nun, die der Jude, sobald er auf die Juden, die sich wohl noch sehr lange erhalten werden, wirken will, einnehmen kann und wirklich einnimmt, ist eine zweifache. Entweder er will nun eben der Revolutionär sein, will diesen Umsturz des mit der jetzigen Zeit Unverträglichen herbeiführen, oder er will der heilende Menschenfreund sein, feste, gediegene Grundlagen legen, das Bestehende diesen nahe und näher zu bringen, Deutungen, die darauf hinzuweisen scheinen, vorsuchen, auch wohl die Blößen manches Bestehenden Nachweisen, doch wird er sich freuen wenn ihm der Erstell! Hilfe kommt. Die Stellung des Ersten in den jüdischen Gemeinden nimmt der Vorsteher, des Zweiten der Geistliche ein. So wie aber ein jeder Revolutionär zuerst sehen muß, ob er auch die Kräfte zum Umstürzen hat, und zwar ob die Mittel entweder durch die vereinigte -Gesinnung des größten Theils oder durch die Klugheit seiner Unternehmungen genügend sind, so wie er ferner sehr Unrecht hat, wenn er über Verstocktheit oder bösen Willen Derjenigen klagt, die seinen Ansichten entgegen sind, da sie eben durch die bestehenden Verhältnisse, denen gemäß sie nun einmal zu leben gewöhnt sind, ihm nicht Nachkommen können: so muß auch.hier blos das Mögliche unternommen werden, und zwar mit so weniger Kränkung wie möglich, da die Leute diese nicht verdienen. Der Geistliche aber hat immerfort aus dem Partikularismus zum Universalismus der Menschenreligion hinzuleiten, aber gestützt auf jenen; seine Wirksamkeit ist die Gegenwart und der Kreis, in dem er lebt, er muß daher an das Bestehende immer anknüpfen wollen, jedoch dieses, falls es nun einmal durchaus nichtig oder schädlich, separatistisch u. s. w. ist, mit Stillschweigen übergehen, zuweilen, wenn er kann. d. h. wenn er nicht fürchten mnß, sein Zutrauen zu verlieren, gegen solche schädlichen Jrrthümer zu Felde ziehen. Ich habe also niemals als meinen Zweck betrachtet, zum Judenthlun zu führen, auch nicht die Juden zu Christen zu machen, obgleich Du, natürlich in unserer Gegend, weiter nichts vor Dir siehst als solche, sondern sie zum allgemeinen Menschenthuine hinzuführen und das Judenthlun iimnec von dessen Ansichtenlzu durchdringen, mag es dann später gehen wie es geht, aber,ich weiß dann, daß ich befördert habe die Zeit, da Gott einzig und sein Name einzig sein wird. Ich dringe auf Deilken und Begründen bei sich selbst, auf Kräftigung des Willens und Verbannung jeglichen Leichtsinns, damit die Handlung dem Gedachten entspreche, auf Eingehen in sich selbst, in das Jnilere des eigenen Herzens, wo sich einem Jeden jener volle Schatz und jene tiefe Bedeutung des Menschenlebens ergeben wird, benutze hierzu das Judenthum, gehe von ihm ans zur beabsichtigten Regel, nicht aber von. einem als wahr angenommenen Satze zll einem jüdischen Gebrauche, dessen Heilighaltung ich empfehle, ich gehe von ihm alls, lveil ich zu Juden spreche imb Juden zll Menschen machen will, llicht aber, weil ich in ihnl die höchste Weisheit verehre und Menschen zu Judeil machen will. Es giebt, soviel ich mich noch aus alten Zeiten erinnere, einen kontradiktorischen uub einen konträren Gegensatz, Dll hast bei Nichtjuden diesen, ich jenen im Sinn, wohl wissend, daß es zu ihm nicht kommt, auch für die jetzige Bildnngsstlife nicht kommen soll, aber zu ihm hinleitend. Weiln wir also vom Standplnikte des Geistlichen aus in den anzuwelldendell Mitteln nicht sehr verschieden sein sollten, so macht doch die Grlmdidee eine wesentliche Verschiedenheit in der Benutzung derselbell, sowie der von außen gebotenen Hilfe. «-1 ii—-i n----i 1-1 ||-' L i FEUILLETON 1 --1 1- # IltlmluOT 1 1 Josef der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Ueberfetzung von Frau Dr. Jda Wedel! in Düsseldorf. (Fortsetzung.) fie Erregung der Menge wuchs. Tausende spottende Stimmen feuerten die Rivalen an. Der alte, dicke Jude lief schneller, jetzt, wo er so nahe war, begierig, sich den Preis von sechsunddreißig Kronen, der ausgesetzt war, zu sichern. Aber der Andere holte zu einem mächtigen Anlauf aus. Er passirte das Fenster des Papstes, — und sein war der Tag! Lautes Gelächter erfüllte die Luft, als die anderen Kandidaten keuchelld anrückten, eiiUJubelschrei begrüßte den Fall des alten, dicken Mannes. der [ciuf dem Wege zusammengebrochen war. , Ein Beamter überreichte dem Gewinner das „Palliuill", den Preis, ein Stück rothes, venetianisches Tuch. Der junge Jude ilahm es uild besah es mit seltsameni, llnergründlichem Blich; doch Iber Richter legte Verwahrung ein. „Der Hauptmaun sagt mir, daß siesnichtlordenllich von dem Bogen an losrannten. Sie müssen morgen noch^einmal rennen."