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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-28 · Heft 9 (28.2.1896) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 103 (sequence 7)
Language
German
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103 Abraham Geigers Briefe an I. VSrenbsurg. (1833 -42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. VIII. Wiesbaden, den 30. September 1833. -Die historische Richtung im Gebiete der Theorie erkennt an, daß, und zwar vornehmlich in positiven Wissenschaften, wie Jurisprudenz und Theologie, die Institute und Ansichten unserer Zeit nicht von ihr aus beurtheilt werden dürfen, daß eine Ansicht ihre Würdigung nicht erlangen könne, durch die Betrachtung wie sie ist, sondern wie sie geworden; es zeiget sich dann, daß diese Dinge die verschiedensten Modifikationen erhalten haben durch die herrschenden Ansichten der verschiedenen Zeiten, in denen dieselben ausgenommen waren, während allerdings noch die Grundlage aus der Zeit ihrer Entstehung herrührt. Wenn nun so die Ausbildung erklärt wird, ohne daß wir über die schrecklichen Ausgeburten unserer oder irgend einer früheren Zeit zu klagen hätten, da ja immer ein Stück überkommen war und entweder eine diesem heilig Gehaltenen entsprechende Fortführung oder eine Amalgamirung mit Zeitansichten unternommen wird, so gewinnt die Sache an sich dadurch nichts, Unsinn bleibt Unsinn, Schädliches bleibt Schädliches und magst Du auch noch so gelehrt beweisen, wie es so kommen mußte, so wird man dieser Gelehrsamkeit zu Liebe Unsinn nicht Weisheit und Schädliches nicht Nützliches nennen. Diese Verkennung aber, wo man die auch einmal nicht immer gerechte Entschuldigung der zeugenden Personen und Zeiten ans die von ihnen gezeugten Sachen überträgt, bringt uns in der Jurisprudenz die verkehrte historische Schule, die von einem philosophischen Recht nichts wissen will, so wie die verkehrte theologische Schule, der der Kirchenglanbe die einzige Wahrheit ist, beide sich auf den, wie mir scheint, von ihnen mißverstandenen Hegelschen Satz: Das Wirkliche ist vernünftig und gut, stützend, während dieser, wenn ich nicht irre, im System so viel sagen will, daß blos das wahrhaft Seiende das Vernünftige ist, oder umgekehrt, daß die der Idee entsprechende Natur auch in Wirklichkeit ein vollkommenes Abbild des Vernünftigen sei, das diesem Widerstreitende aber blos Schein, nicht wirklich, blos vorübergehend sei. Die wichtige praktischere Seite der historischen Richtung aber lehrt dieses: Der Mensch ist im Allgemeinen nicht fähig, von irgend einer Ansicht plötzlich zu einer anderen, dieser entgegengesetzten, überzugehen, er muß daher allmülig hingeleitet werden, auch sind alle Zustände sowohl im äußern als im inner» Besitze des Menschen nicht mit einem'Male zu ändern, weil dies eben die Ruhe und Sicherheit des Menschen gesührden würde, während bei einer allmäligen Hinleitung zur Rechtsnnd Wahrheitsidee und bei immerwährender Anbequemung an das Bestehende zwar langsamer, aber sicherer und begründeter das Resultat erlangt wird. Bei allen Aenderungen daher in Staat und Kirche wünscht man mit Recht den Weg des allmäligen Fortschreitens, weil beim Wege des plötzlichen Niederreißens eine Zeit lang eine Lücke entsteht, die nicht alsbald ausgefüllt wird, und dies ist der Weg der Reformen, ben man dem der Revolution entgegen stellt und den in seinen Schriften eingeschlagen zu haben, sich der vielschreibende, recht seichte PöliK) viel zu Gute thut, als wäre dieses eine so ungeheure Kunst, dieses zu erkennen. — Den 1. Oktober. — *) K. H. L. Pölitz, 1772—1838 geschichtlicher, nationalökonomischer und staatswissenschaftlicher, auch germanischer und theologischer Schriftsteller von außerordentlicher Fruchtbarkeit. Gemeint dürste seine vielverbreitete Weltgeschichte sein, die 1830 in 4. Auflage in sechs Bänden erschien, Einen solchen immerwährenden, ruhigen und allmäligen Fortschritt zu begründen, wäre nun immer das Schönste und Wünschenswertheste, denn dann würde es niemals dahin kommen, daß die Zeit mit sich selbst, d. h. die vielen geläuterten Ansichten mit den vielen aus uugeläuterten hervorgegaugenen und auf ihnen fußenden verkehrten Verhältnissen, im Widerspruche wären. Aber dieser historische Fortschritt findet sich nicht in Wirklichkeit, auf der einen Seite giebt es in der Ideenwelt zuweilen eine plötzliche Umwandlung, die Wahrheit schreitet zu gewissen Zeiten mit Riesenschritten vorwärts, so daß die starren und einer solchen Beweglichkeit unzugänglichen Verhältnisse nicht Nachkommen können, auf der anderen Seite stehen oft Diejenigen, die die Leiter der Verhältnisse sind, entweder durch Jrrthum oder Eigennutz einem jeden Fortschritt entgegen und machen so, daß diese gewaltig Zurückbleiben. In diesem Falle wird ein Zwiespalt wahrnehmbar, der auf gewöhnlichem Wege nicht geheilt werden kann. Gerade so wie der menschliche Körper durch immerwährende Beachtung seiner Gesundheit und bei gewöhnlichen äußern Einflüssen sich auch wieder durch die gewöhnliche Weise gesund zu erhalten vermag, aber entweder durch Vernachlässigung jener oder durch den Ueberfall außergewöhnlicher Erscheinungen der Krankheit unterliegend, einem gewaltsamen Heilverfahren sich hingebeu muß, so auch gerade bei dem Staatsunb Kirchenkörper. Das gewaltsame Heilverfahren bei deni Körper mag wohl eine Zeit hindurch Schmerzen herbeiführen, die selbst der frühere kränkelnde Zustand nicht gekannt, aber das Ende wird die Wiederherstellung der Gesundheit sein, vorzüglich, wenn eine kräftige Natur Schutz leistet; bei Menschenverbiudnngen sind diese Heilverfahren — Revolutionen, es mögen durch diese manche gewaltsamen und ärgerlichen Auftritte Vorkommen, einzelne Glieder mögen gekränkt und schmerzlich affizirt werden. aber das Ganze kann nicht anders geheilt werden, wenn es irgend seiner Natur nach noch heilbar ist. die Narben der Einzelnen werden bedeckt werden, aber die schöne blühende Gestalt wird wieder hergestellt werden. Wie Du nun mit Deiner bis ins Allerkleinlichste verfolgten historischen Entwickelung — die der Idee nach vollkommen richtig ist, wo aber eine Zeit manchmal das, was ihre Vorgängerin versäumt hat, nachholeu muß, so daß im Allgemeinen dieselbe stattfindet, aber nicht so immer in einzelnen Zeiträumen — die Revolution von 1789 und 1830 und so viele andere kleine deutsche der neuesten Zeit ansiehst, habe ich nicht zu untersuchen; wahrscheinlich sagst Du den Koryphäen diesen Auftritte: „o, Ihr dummen, bösen Schulbuben, Eure Wünsche waren nicht rein, sonst hättet Ihr das Historische nicht überrumpelt, hättet Ihr mich gefragt, so hätte ich Euch gezeigt, wie man ganz bedächtig zu Werke gehen muß, ich hätte Euch gelehrt, wie man zuerst für eine jede bis jetzt giltige politische Institution entweder den wahren Grund nachweiset oder eine erfindet, damit die Sente auch ihren Druck mit Verstand tragen, dann hätte ich ihnen Vaterlandsliebe eingeprägt, so daß sie sich selbst achten und hätte endlich wohl auch Kleinigkeiten abzuschaffen gesucht, so wäre es ganz gut gegangen." Ich weiß nicht, ob Du so sprichst, aber konsequent mußt Du so sprechen. — Ist es aber wahr, daß eine Revolution dann vollkommen gerecht ist. wenn die Ansichten der Mehrheit mit den äußeren Verhältnissen in grellem Widerspruche stehen, so kann der Wunsch Dessen, der ein solches Verhältniß in Kirche oder Staat bemerkt, nach Ueberrnmpelung des Historischen, da bei solchem der historische Fortschritt nur krankhafte und das Mißbehagen keineswegs lösende Zwitterzustände hervorbringt, nur Billigung bei Demjenigen fiiiben, der, gleich der durch gewaltsame Erschütterungen die verpestete Luft reinigenden Natur, das Allgemeine im Auge hat, ohne ein jedes einzelne Geschöpfchen dabei zu berücksichtigen. Ich glaube nun, daß das Judenthum jetzt in einem solchen krankhaften Zustande sich

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