Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
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102 Kaisern! Fürbitte einzulegen, daß sie das Ausweisungsdekret zurücknehmen möge, womit sie die Prager Juden belegt, weil sie angeblich mit den Preußen konspirirt haben sollen. Koreff erlangte zwar durch Vermittelung einer hochgestellten Person die erbetene Audienz, aber bei derselben wurde eine spanische-Wand zwischen ihn und die Kaiserin gestellt; die Monarchin wollte den Juden nicht einmal sehen. Und als der Bittsteller, hingerissen vom Eifer, seine Stimme ein wenig zu laut erhob, herrschte ihn der mitanwesende Minister an: „Jud' schrei Er nicht," worauf Koreff antwortete: „Nicht ich bin's, der schreit, es ist die Schmach von vielen Tausenden Unglücklicher, die ans mir zuin Himmel schreit. Aus mir schreien zehntausend Juden heraus!" Wie eine Erlösung mußten daher unsere von der Beschränktheit, von unmenschlichem Fanatismus und nimmersatter Habgier herabgedrückten Vorfahren das Toleranz-Edikt begrüßen, welches Kaiser Josef II: am 8. Januar 1782 erließ, und merkwürdig bleibt das Vorgefühl, mit welchem die Prager Judeuschaft die Geburt dieses „Schätzers der Menschheit" feierte. Es erfüllte wohl ein unbeschreiblicher Jubel damals ganz Oesterreich, aber die Art und Weise, wie die Prager Juden dies Ereigniß feierten, wird stets denkwürdig bleiben, weil sich diese Feier durch ein eigenartiges, originelles Volksfest auszeichnete, wie es das Prager Ghetto noch nie gesehen. Am originellsten war wohl der Festzug, der einen Theil dieses Festes bildete. An dem hierfür bestimmten Tage war aller Handel und Wandel in der Judenstadt eingestellt, die Gassen wurden gereinigt, die Häuser geschmückt, die Fenster mit Teppichen behängt. Es herrschte schon in den Vormittagsstunden ein so fröhliches Treiben, wie es sonst nur am Purimfeste der Fall zu sein pflegte, wo das Ghetto halb Feenstadt, halb Zigeunerlager bildete, in welchem holde Judiths, Esthers und Preziosas von Haus zu Haus schlüpften und zwischen den Masken die Mägde kreischend mit der süßen Last des „Schalets" gegen einander rannten, jenem Nationalgerichte, das so heidnisch wohl schmeckt, daß Heinrich Heine sich dadurch mit dem Glauben seiner Väter aussöhnen ließ. Die drei Thore des Ghetto waren geschmackvoll dekorirt, mit Musikbanden besetzt, um die ankommenden Fremden mit Trornpeteu- und Paukenschall zu begrüßen. Um drei Uhr Nachmittags setzte sich der Festzug in Bewegung. Voran schritt ein jüdischer Post-Briefträger, zwei Trompeter folgten ihm und hinter diesen sechs jüdische Läufer in großer Gala. Dann kam der Anführer des Zuges, der Primator Frankl, auf einen! schulniäßigen Pferde mit einer silbergestickten Schabracke von Ponceaufarbe, in voller Grandezza, ihm zur Seite paradirten die stattlichen Heiducken, hinter ihm sein Unterkommandant David Löbl Kuh, ebenfalls von Heiducken begleitet. Hierauf kamen die Geschworenen, Gemeindeschreiber und Schulklopper, im höchsten Staat, unter den letzteren ein Greis von 88 Jahren mit einem zinnernen, und ein anderer mit vergoldetem Schulhammer. Diesen folgten die jüdischen Gelehrten, denen Musikanten vortraten, die auf Waldhörnern lustige Jagdstücke bliesen; hinter ihnen zwei Kolonnen jüdischer Studenten mit silberbeschlagenen Büchern, jede angeführt und beschlossen von Berittenen mit der Partisane im Bügel. Nun erschienen die fremden Lehrer, unterschieden durch besondere Barette mit dein Buchstaben P., hinter ihnen eine lustige Rotte zu zu Fuß, freudig in die Welt hinein jauchzend. An diese schloß sich. der Judendoktor Moses Salomon Gumpert, deckt ein Läufer und zwei als alte, langbärtige Türken verkleidete Männer gravitätisch voranschritten; beiihm befand sich sein Sohn, der das Testimonium facultatis medicae des Vaters zur Schau trug. Neben dem Doktor ging der Apothekerssohn mit der jüdischen Apothekerbüchse, und alle Natioual-Bader folgten. Jetzt erblickte man den Schulkantor, dem eine Handorgel vorgetrageu wurde, worauf er an verschiedenen Orten Segenswünsche für das Kaiserhaus spielte. Arme Waisen, aus der Anstalt des Primators Frankl, stimmten dabei den 72 Psalm an: „Gott! Deine Rechte gieb dem Könige und Deine Gerechtigkeit dem Sohne des Königs!" Ein achtzigjähriger, jüdischer Spielmann, als alte Frau verkleidet, blies das Fagott, und alle anderen Spielleute folgten ihm, mit dein Vivat auf den Hüten und der großen Zunftkanne, dann schritten die jüdischen Metzger einher, ein dritthalb Ellen hoher Schlüssel wurde ihnen vorgetragen. Hierauf sah man zwei jüdische Gaukler, sie gingen auf den Händen statt auf den Füßen, setzten bloße Degen an die Brust und die Augen und machten die tollsten Sprünge. Ihnen angereiht waren die jüdischen Kürschner in kostbaren Pelzen, mit zwei Schilden von edelstem Rauchwerk, worin die Bilder Maria Theresiens mit Josef in der Wiege und der Schild Davids zu sehen waren; auch eine Menagerie kam zuin Vorschein, ausgestopfte wilde Bestien und ein Jäger dabei, der von Ort zu Ort lustig dreinknallte. Die jüdischen Schneider zogen auf mit Nesseln und klingendem Spiele, die Posainentirer, die Schuster mit einem riesenhaften, zinnernen Stiefel, ein prächtiger Zug ungarischer Lanzenreiter und ein anderer glänzender Husaren. Nach ihnen sah man einen Juden, als Dame kostbar gekleidet, auf einem schönen Zelter, neben ihr ein zärtlicher Ritter mit allen galanten Manieren seiner Zeit. Gleich hinter diesem zärtlichen Paare erblickte man den Hochzeitsnarren. über und über mit hölzernem Küchengeschirr behängen und statt des Hutes einen hölzernen Topf auf dem Kopfe, dann ein grüngekleideter Harlekin, hierauf mehrere Narren, deren einer, als Kindsmädchen gekleidet, einen Knaben von 40 Jahren an einem Gängelband führte und ihn von Zeit zu Zeit mit Brei fütterte. Ein Anderer machte mit einem falschen Pferde verschiedene lächerliche Posituren, dann folgten zwei Paare wilder Männer, ferner drei ungeinein dicke Vielfraße, Possirlich ausgestopft, hierauf Bachus auf einem Wagen mit Satyrn und am Schlüsse eine förmliche Bauernhochzeit. Der Zug ging aus dein jüdischen Gemeindehause, dem Tummelplatz vorbei, zum Pinkes - Schulthor hiuein, die daranstoßende Gasse hinunter, durch die goldene Gasse über den Platz bei den drei Brunnen des Primators vorbei, aus das jüdische Rathhaus zu. Am Abende war die ganze Judenstadt festlich beleuchtet, und die reicheren Mitglieder der Gemeinde bewirtheten die christlichen Standespersonen auf das Beste. Wie verwundert mögen die hohen, rauchgeschwärzten Häuser des Ghetto mit ihren hundertfach geflickten Dächern, den schmalen Thorwegen und finsteren Treppen, wo man am hellen Mittage gern eine Laterne trug, auf diesen abenteuerlichen Zug geblickt haben, und wenn heute ein alter Prager Jude seinen Enkeln am Sabbath nach Tisch erzählen wird von den lustigen alten Zeiten, wo es noch lebensgefährlich war, am Frohuleichnamsfest oder am Charfreitag das Weichbild des Ghetto zu verlassen, so wird er ihnen gewiß auch erzählen von dem Faschingszug der Prager Judenschaft zur Feier der Geburt Desjenigen, der diesen lustigen alten Zeiten ein Ende gemacht. Der Name des Kaisers Joseph wird aber in der Prager Judengasse als der eines Befreiers hoch und heilig gehalten.