Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-28 · Heft 9 (28.2.1896) · p. Seite 101

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228158--52616-3258248
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

101 gegenständ sich seine Zukünftige „anheiligt" und die „Kethuba" verlesen wird. Im allgemeinen ist bei den persischen Juden Monogamie gebräuchlich. Im Falle der Kinderlosigkeii ist es gestattet, auch ein zweites Weib sich zu nehmen. — Die Scheintrauungen erinnern uns an einen ähnlichen Vorgang bei unseren Vorfahren der vormärzlichen Zeit, an die geheimen Trauungen der Juden, welche sich nicht im Besitze einer sogenannten „Familie" befanden, und die deshalb, verborgen vor dem Auge der nie schlafenden oder durch eine „Handsalbe" blind gemachten Obrigkeit, in irgend einem Verstecke, z. B. auf dem Dachboden stattfanden. Für uns Juden giebt es nach dieser Richtung wenig Neues unter der Sonne. Von der geringen Gelehrsamkeit der persischen Chachams, welche auch den Dienst in den Moscheen versehen, wurde bereits gesprochen. Die persischen Juden sprechen einen Jargon, ein Gemisch aus persischen, arabischen und chaldäischen Worten; sie haben eine besondere Schrift, die von rechts nach links geschrieben wird .und deren Züge ganz ähnlich der hebräischen Quadratschrift sind. — Herr Dr. Schwarz in Pera (Konstantinopel) hatte Gelegenheit, einige sehr alte Pergamentrollen zu sehen, aus denen die Schrift eingravirt und gebeizt war. Die Rollen enthielten einzelne Abschnitte aus der Bibel und den Propheten. Der persische Gewährsmann des Dr. Schwarz, Newrez, las geläufig unsere hebräische Druckschrift und übersetzte geläufig. Die Schriftzüge auf den Pergamentrollen zu entziffern, hat unser Glaubensgenosse, der Alterthumsforscher Dr. Makai in Petersburg, unternommen. Sonst wissen wir von diesen persischen Juden und Schein-Mohammedanern so wenig, während sie von der Existenz anderer Juden gar nichts wissen. Im Jahre 1884, aus welchem diese Notizen herrühren, hat ein jüdischer Reisender, welcher in Teheran die Prinzen unterrichtete, aufmerksam gemacht, daß in Khorasan geheime Juden leben, Näheres über sie hat er nicht angegeben. Die Kinder werden bis zu ihrem zehnten Lebensjahre in der mohammedanischen Religion erzogen, in diesem Alter werden sie in das Geheimnis; eingeweiht, das; sie Juden seien, und beginnen auch gleichzeitig Häbräisch zu lernen. Die Dienstboten sind alle geheime Inden, und nur in Ausnahmsfällen sind es Perser, welche aber nur den Tag über im Hanse bedienen, während sie Abends das Hans verlassen, denn am Tage ist der Hausherr nicht zu Hause, und erst am Abend, nach seiner Ankunft, wird gegessen; beim Mahle wird das rituelle Ceremoniell beobachtet, mW davon soll der persische Diener nichts wissen. — Sie haben einen Fleischer, der zugleich Schochet ist, und bei ihm kaufen Alle Fleisch. Am Sabbath sind zwar alle Geschäftsläden offen, nur trachtet der Eigenthümer des Ladens, so wenig als möglich in diesem sich aufzuhalten, und ist er anwesend, so vermeidet er cs, Geschäfte abzuschließen. Er verschiebt dies unter allen möglichen Vorwänden für den nächsten Tag. — Soviel über die geheime Sabbathheiligung. — . Was die Feste anlangt, so wird zu Passah in allen Häusern Mazza gebacken, nach Möglichkeit werden neue Hausmöbel, Teppiche und Strohmatten angekauft. — Am Rösch Haschaua wird mit einer kleinen Kjindertrompete Schofar geblasen, damit der Ton außerhalb des Hauses nicht in auffallender Weise gehört werde. Hier ist also das alte Heerhorn wirklich zur Trompete geworden. — Zu Sukkoth wird im Garten eine Sukkah errichtet und dort 7 Tage gespeist. — Der Gewährsmann, dem wir diese Nachrichten über die Persischen Glaubensgenossen verdanken, der öfter genannte Newrez, trägt am rechten Oberarm eine Mesusa und ein kleines Psalmformat umgebunden; dasselbe findet sich auch bei seinen anderen Glaubensgenossen. Am Passah aß er nur Pilaf (Reis) und redete sich bei seinem Diener damit aus, der Arzt hätte ihn; den Brodgenuß verboten. Sowie Newrez auch einen jüdischen Namen Nisan führt, erhalten alle Kinder persische und jüdische Rainen. Die Frauen sind ganz unwissend, können weder lesen noch schreiben und lernen nur die nöthigen Benediktionen auswendig. Sie werden wohl darin manchen' unserer Frauen und Mädchen „über" sein. Keuschheit ist ihre Haupttugend, und als Kuriosum mag hier angeführt sein, daß oben genannter Newrez die Farbe der Haare seiner Frau nicht anzugeben wußte, obwohl^er schon viele Jahre verheirathet ist. Von der Außenwelt wissen Männer und Frauen nichts, sie spielen nicht und trinken nicht, und jede alltägliche Erscheinung macht auf sie bedeutenden Eindruck. So leben diese geheimen Juden seit dem Blutbade von 1838 in einer eigenen Welt. Wir aber freuen uns, daß diese Bekenner des Judenthums einen Beweis dafür abgeben, daß die Kraft des Glaubens, welche in den verschiedensten Ländern und zu den verschiedensten Zeiten unter den mannigfaltigsten Umständen unsere Stammesgenossen zusammenhielt, auch hier in diesen Ländern Asiens sich bewährt hat, in den Ländern, die uns bekannt und geläufig sind durch eines der volkstümlichsten Bücher der Bibel, durch das Buch Esther, welche die Gemahlin war des Achaschwerosch, des Königs von Medien und Persien. Gin Faschingszug im Prager Ghetto. Von Rudolf Kars. chon manch tüchtiger Geselle ist aus der Judenstadt Prags hervorgegaugen, und manch rührende und heitere Geschichte hat von hier ans den Weg gefunden — in die weite Welt. Die neueren Verhältnisse haben zwar den malerischen Wirrwar, das phantastische Farbenspiel des Ghettolebens weggefegt, aber jene Ereignisse und die Sagen, die sich an die Entstehung desselben und seine Glanzzeit knüpfen, werden stets fortleben in dem Gedächtnisse der Bewohner dieses durch Komperts Werke einst zu so poetischer Berühmtheit gelangten Judenviertels, dessen Ursprung sich weit zurückverliert in die Heidenzeit und dessen Geschichte auch eine Geschichte ist der vielfach abwechslungsreichen Schicksale der Juden in Oesterreich. Noch im vorigen Jahrhundert, unter Karl VI., durfte kein Christ einem Juden ein Nachtquartier bieten, und da es doch manchmal vorkam, daß Juden sich in Christenhäusern aufzuhalten vermaßen, erließ der Kaiser ein Patent, nach welchem jeder christliche Hauseigenthümer oder Inwohner, der einem Juden auch nur über Nacht Unterstand geben würde, „mit einer unnachlässigen Strafe Eintausend Reichs-Thaller belegt werde, so auch mit allem Ernste von ihnen eingetrieben werden solle". Unter der Regierung feinet Tochter Maria Theresia erging es den Juden anfangs auch nicht besser. Sie mußten, wenn sie den Schutz der Gerichte anriefen, doppelte Gerichts- und Kanzleitaxen bezahlen, durften an christlichen Feiertagen während des Gottesdienstes nicht auf die Straße sehen, geschweige denn dieselbe betreten, sie mußten die Erlaubniß, Wiener -oder Prager Luft einzuathmen, mit schwerem Gelde erkaufen und mußten sich nicht nur den Haß des Volkes, sondern auch den der Regierung gefallen lassen. Bezeichnend hierfür ist die Audienz des, Prager Juden Salomon Koreff, welcher nach Wien ging, um bei der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.