Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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9Ö vativeu Partei, sagte er, sei so groß geworden, daß sie kaum zu überbrücken sei, die Reformpartei werde sich immer inehr und mehr mit den Juden und Sozialdemokraten verbrüdern. — Das ist eine bittere Pille für die Judenhetzer, wenn es auch znuächst noch sehr komisch klingt. * Wir freuen uns, heute einen Jrrthum eingestehen zu können, den wir in der vorigen Wochenschau begangen. Nicht israelitische, sondern antisemitische Einwohner des Großherzogthums Hessen haben das Gesuch um Uebersetzung des „Schulchan Aruch" auf Staatskosten eingereicht. Nach den Mittheilungen des Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz lag, für die Regierung kein Anlaß vor. „das „Schulchan Aruch" betitelte israelitische Neligionsbuch auf Staatskosten übersetzen zu lasten, da nach den stattgehabten Ermittelungen dieses Buch von keinem israelitischen Religionslehrer des Landes als Lehrbuch bei Ertheiluug des Religionsunterrichts benutzt wird." Nach dieser Mittheiluug beantragte der Ausschuß, obigem Gesuche keine Folge zu geben. Mit Ausnahme des antisemitischen Abgeordneten Köhler stimmte die ganze Kammer der Ansicht des Ausschusses zu. * Der neue Kurs in Rußland deckt seltsame Vorgänge des alten Kurses auf. So hat der frühere Minister des Innern, Durnowo, kurz vor seiner Amtsenthebung verfügt, daß beim Bau der sibirischen Eisenbahn weder jüdische Techniker noch Ingenieure eingestellt, noch jüdische Unternehmer beschäftigt werden dürfen. Das Verbot war dadurch motivirt, daß die Strecken, welche unter der Leitung solcher Ingenieure ständen, dem Staat doppelt soviel gekostet hätten als die von den christlichen Ingenieuren gebauten und daß die Arbeiter, welche von Juden beaufsichtigt werden, von diesen ausgebeutet würden. Jetzt erst hat sich herausgestellt, daß dies alles erlogen war, und zwar ist es kein Geringerer als der gegenwärtige russische Verkehrsminifter Fürst Ehilkow, der diese Anklagen Punkt für Punkt widerlegt und nachgewiesen hat, daß eine unter Leitung eines jüdischen Ingenieurs erbaute Strecke um 800 000 Rubel weniger gekostet habe als die gleiche von einem christlichen Ingenieur erbaute Strecke, ferner, daß die Arbeiter die Rückkehr der entlassenen jüdischen Ingenieure geradezu dringend herbeiwünschen. Genau dasselbe ist bezüglich der Anschuldigungen der Fall, welche Durnowo gegen die jüdischen Ackerbaukolonien in Rußland erhoben hat. Auch hier sah sich der Ackerbauminister Jermolow veranlaßt, die Verfügungen Duruowo's aufzuheben. Hat der neue Kurs in Rußland auch die Politik gegenüber den Juden nicht geändert, so hat er doch wenigstens mit dem System des alten Kurses gebrochen, diese Politik auf.Lügen und Entstellungen zu basiren. Aus der Berliner Gemeinde. f B e r l i n , 25. Februar, ie erste Sitzung in der neuen Legislaturperiode! Am 23. d. Mts. fand dieselbe endlich statt und wurde ganz geschäftsmäßig um 10V- Uhr durch den wiedergewählten ersten Vorsitzenden, Herrn Hermann Landsberger, eröffnet. Vorstand und Repräsentanten waren vollzählig erschienen, auf der Tribüne, wo sonst nur sehr wenige Neugierige umherwimmeln, herrschte eine ungewöhnliche Betheiligung des Publikums. Aus den geschäftlichen Miltheilungen des Vorsitzenden heben wir hervor, daß nunmehr das revidirte Gemeinde-Statut die endgiltige behördliche Bestätigung erfahren hat, was wir schon wissen. Viel interessanter ist die zweite Mittheilung,das; das Provinzial-Schulkollegium ein Schreiben an beii Vorstand gerichtet, in welchem Anzeige gemacht wird, daß mit dein 1. April dieses Jahres die vom Gemeindevorstande beim Kultusminister beantragte Einrichtung des Religionsunterrichtes au den höheren Lehranstalten in Kraft treten wird, und zwar soll in drei Kursen wöchentlich je zwei Stunden Unterricht ertheilt werden. Hierauf ertheilte tdie Versammlung, was sie immer sehr gern thut, ihre Genehmigung zur Annahme einer Schenkung in Höhe von 12000 Mark seitens des Herrn M. Jarislowsky an die Altersversorgungs-Anstalt, ferner eines Legates von gleicher Höhe seitens der verstorbenen Röh maun'schen Eheleute au dasselbe Institut, sowie des Herrn Max Jaffa von 0000 Mark au das Hospital (Siechenhaus). Nun kommt die neue Synagoge an die Reihe! Herr Leonhard Sachs berichtete über eine Vorlage des Vorstandes, in welcher 10 000 Mark zu Preisausschreiben für den Bau der Synagoge Lützowstraße verlangt werden. Der Ausschuß hat die Vorlage abgelehnt und wünscht die Anfertigung der Baupläne definitiv der Firma Cremer & Wolfenstein zu übertragen. Referent motivirte eingehend den Beschluß des Ausschuffes, welcher bei einem Preisausschreiben fürchtet, daß man wiederum zu einem luxuriösen Prunkbau kommen würde. Nach längerer Diskussion, an welcher sich die Herren Dr. E. Lachmann als Kommissar des Vorstandes für dessen Vorlage, I. Bodenstein, I. Frankel und der Referent betheiligten, acceptirte die Versammlung den Vorschlag des Finanz - Ausschusses mit großer Mehrheit. Der Antrag auf Einsetzung einer gemischten Deputation zwecks Berathung über den Anschluß der Reformgemeinde wurde nach kurzer Befürwortung durch den Referenten, Geheimrath Dr. Kirstein, ohne Debatte angenommen, was freilich noch nicht viel sagen will. In die Kommission wurden gewählt die Herren Stadtrath Weigert, I. Oppenheim, Martin Simon und Josef Fränkel. Ueber die Einrichtung von Jugendgottesdiensten an den hohen Feiertagen, eine Angelegenheit, die wir wiederholt schon angeregt und besprochen haben, referirte gleichfalls Geheimrath Kirstein. Derselbe empfahl diese Institution nicht allein für die Herbstfeiertage, sondern auch für die sogenannten Wallfahrtsfeste. Sodann sprach er den sehr berechtigten Wunsch aus, daß auch die sabbathlichen Jugendgottesdienste häufiger veranstaltet werden als es augenblicklich der Fall sei. In die gemischte Deputation zur Vorberathung der Angelegenheit wurden entsandt die Herren Geheimrath Kirstein, L. Sieskind, S. Leichtentritt und Sanitätsrath Jastrowitz. Schließlich gelangte wiederum der Antrag des Vorstandes, der bereits wiederholt die Versammlung beschäftigt und erregt hat, auf Einsetzung einer gemischten Deputation behufs Feststellung der Grundsätze in der Waisenverwaltung zur Diskussion. Als Referent fungirte Justizrath Tiktin. Wesentlich Neues konnte von keinem der Redner, als welche sich Justizrath Meyer, I. Jakoby, Sanitätsrath Blnmenthal, M. Simon betheiligten, vorgebracht werden. Die Versammlung erklärte sich schließlich einverstanden mit der Niedersetzung einer gemischten Kommission, lehnte jedoch die gleichfalls vorgeschlagene und den Streitpunkt bildende Hinzuziehung von zwei Mitgliedern des Kuratoriums der Waisenhäuser mit 13 gegen 8 Stimmen ab. Damit war der interessanteste Theil der Sitzung geschlossen. Es folgten nun Bewilligungen und Wahlen.