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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-28 · Heft 9 (28.2.1896) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 reif wird, die also des Kampfes nicht werth ist.- Mit welchen Elementen soll nun das Werk in Angriff genommen werden? Aber Herzl schwärmt gar nicht für eine Rückkehr nach Palästina, und dadurch unterscheidet er sich von den Zionisten. Ihm erscheint Argentinien oder ein anderes freies Land ebenso paffend für einen künftigen Jndenstaat. Ja, dann hat er aber nicht nur die orthodoxe, die die Wiederherstellung nur durch den persönlichen Messias erwartet, sondern auch die ganze zionistische Richtung, die selbstverständlich nur an Palästina denkt, und daneben noch die trüben Erfahrungen gegen sich, die man mit der Kolonisation in Argentinien gemacht hat. Wir könnten noch eine Reihe anderer Voraussetzungen nennen, die geeignet wären, das Fundament des Judenstaates gewaltig zn erschüttern. Wenn der Verfasser die Möglichkeit und Notwendigkeit erörtert, unter den Juden aller Länder als Fonds für die Begründung dieses neuen Staates eine Milliarde zu sammeln, so verkennt oder überschätzt er die thatsächlichen Verhältnisse in einer Weise, die uns bei einem so welterfahrenen Manne geradezu in Verwunderung setzen muß. Wenn er aber auch nur den entferntesten Gedanken an Palästina hegt, so erscheint auch dies angesichts der Konstellation der politischen Verhältnisse und der Stellung der Mächte zu dieser Frage im letzten Grunde doch — wir können das Wort nicht unterdrücken — als eine utopistische Idee. Aber alle diese Voraussetzungen würden uns schon in die innere Organisation des Judenstaates führen, und wir muffen daher von ihnen absehen. Rur zwei Punkte, die Herzl seinem Plan vorausgeschickt, wollen wir noch erwähnen, weil uns dieselben der Widerlegung dringend bedürftig erscheinen. Der eine betrifft die Idee, welche auch vielfach von den Zionisten schon ausgesprochen wurde, daß der Antisemitismus nicht mit dem historischen Judenhaß verwechselt werden dürfe. Wir sind nicht dieser Meinung: wir glauben vielmehr, daß der Antisemitismus auch nur eine moderne Form derselben geschichtlichen Erscheinung sei; denn der alte Judenhaß, so gut wie der neue Antisemitismus, entsprang ebenfalls aus zwei verschiedenen Quellen: aus einer religiösen und aus einersozialen. Die Purim-Geschichte, die wir in diesen Tagen wieder aufrollen, könnte dies deni Verfasser in merkwürdiger Weise bestätigen, und wir sind überzeugt, daß er auf feine Frage, „ob es wahr sei, daß in beu Ländern, wo wir in merklicher Anzahl wohnen, die Lage der jüdischen Advokaten, Aerzte, Techniker, Lehrer und Angestellten aller Art immer unerträglicher wird", aus den nreisten Ländern, mit Ausnahme Rußlands und — Oesterreichs, eine entschieden verneinende Antwort erhalten würde. Denn die Frage konnte eben nur in Oesterreich und auch dort wiederum nur in Wien gestellt werden. Das erklärt Vieles, wo nicht — Alles! Und nun der zweite Punkt, die letzte der großen Voraussetzungen zu dem Plane eines künftigen Judenstaates! Als vor etwa zwanzig Jahren der entschiedenste und geistvollste Vorkämpfer der modernen Orthodoxie, Samson Raphael Hirsch, die Behauptung aufstellte, daß die Kluft zwischen Orthodoxie und Reform eine größere sei als zwischen Katholiken und Protestanten, da wurde diese Ansicht als Ausdruck eines starken Fanatismus von beiden Seiten zurückgewiesen. Einige Jahre später haben die orthodoxen Juden in Ungarn die Behauptungen Hirsch's ins Praktische übersetzt. Thatsächlich liegen aber die Verhältnisse so, daß heute zwischen dem französischen oder deutschen gebildeten Juden und dem polnischen Chassid eine größere Kluft gähnt als zwischen den räumlich und sprachlich am weitesten von einander entfernten Völkern. Wir haben weder in der Sprache noch in der Weltanschauung, noch auch in den sozialen Anschauungen irgend etwas Gemeinsames; ein einziges Band existirt, das uns mit allen Juden auf dem Erdenrund verbindet: das ist der Glaube an Gott und die Ueberzeugung, daß Israel seine Mission in der Geschichte noch nicht erfüllt hat. Das ist aber wieder jene religiöse Idee, mit der wir zu dem Ausgangspunkt unserer Betrachtungen znrückkehren. Wir halten an dieser Idee fest, denn sie ist der Lebensnerv unserer Existenz. Keine trübe Erfahrung, keine schmerzliche Enttäuschung kann uns von ihr abwendig machen, denn diese Idee hat drei Jahrtausende überdauert und wird auch alle Stürme und Verirrungen unserer wie der folgenden Zeiten überdauern. Es ist die Idee des Malchus Schaddai, des Gottesreiches hier auf Erden, die schon der größte unserer Propheten mit feurigen Zungen verkündet hat: Ein Gott im Himmel und ein Glaube hier auf Erden in der ganzen, in Recht, Freiheit und Bruderliebe geeinten Menschheit. Berlin, 25. Februar. uch in der konservativen Partei, die ja jetzt einen Mausernngsprozeß durchmacht, erheben sich gewichtige Stimmen gegen den Antisemitismus. So hat der bekannte Potsdamer Geheimrath v. Massow jüngst in einer Erklärung über den Fall Stöcker ausdrücklich gesagt: „Auch die Zahl Derer ist keine geringe, welche zwar jedwede Unlauterkeit, Unehrlichkeit im Handel und Wandel, im Leben wie in der Presse mit allen ihnen zu Gebote stehenden Kräften bekämpfen wollen, dennoch aber den Antisemitismus, wie ihn Stöcker zur. Geltung bringt, mit ihrem christlichen Standpunkt, mit dem Gebot der Liebe, welches uns der Heiland gegeben hat, nicht vereinigen können." Und auf der christlich-sozialen Konferenz in Neumünster erklärte der gleichfalls konservative Professor Titius aus Kiel vor einergroßen, hauptsächlich aus Geistlichen bestehenden Versammlung mit Bezug auf die Judenfrage: „Die Geschichte der letzten 20 Jahre gäbe ihm Recht, wenn er sage: man thäte in diesem Punkte gut, nicht mit Stöcker zu gehen, — er habe Wind gesäet und Sturm geerntet." * Ueberdie Verordnung des Provinzialschulkollegiums in Betreff der jüdischen Lehrkräfte wird hiesigen Zeitungen berichtet: Der wegen der Beschäftigung und Anstellung von jüdischen Lehrkräften an den hiesigen Gemeindeschulen unterm 27. Dezember v. I. an den Magistrat ergangene Erlaß des Kultusministers und die denselben Gegenstand betreffende Verfügung des Provinzial-Schul-Kollegiums vom 29. Januar d. I. unterlagen am Dienstag unter Vorsitz des Stadtverordneten Gerstenberg der Verathung des Ausschusses der Stadtverordneten-Versammlung zur Vorberathung des Antrags Dr. Preuß zu den neuerdings von den Staatsbehörden über das Kommunalschulwesen erlassenen Anordnungen. Allseitig war man der Meinung, daß dieser Erlaß nicht ruhig hingenommen werden dürfe, seine Beseitigung vielmehr mit allen nur irgend zulässigen Mitteln angestrebt werden müsse. In diesem Sinne soll eine Erklärung beschlossen werden, der Ausschuß hat aber die Feststellung des Wortlautes bis zur nächsten Sitzung Vorbehalten. * Klingt es nicht wie ein Purimscherz, wenn jetzt berichtet wird, daß der konservative Abgeordnete Opitz bei der Berathung des Wahlgesetzentwurfs in der sächsischen Zweiten Kammer am 12. d. Mts. von einer Verbrüderung der Antisemiten mit den Juden sprach! Die Kluft zwischen der deutsch - sozialen Reformpartei und der konser-

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