Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-21 · Heft 8 (21.2.1896) · p. Seite 95

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 8 (21.2.1896)
Date
1896-02-21
Page
Seite 95 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228157--52605-3258236
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

95 (% Der Beamle war erstaunt; der Fall, daß Jemand die Gulden des Kaisers nicht haben mochte, war ihm noch nicht vorgekammen. „Ich lasse ihm befehlen, herzukommen," gebot er dann. „Ist er nicht zur Stelle, so stecken wir den Weg ohne ihn ab." Diesnial kehrten die Gerichtsboten rasch zurück. „Gnädigster," berichteten sie, „das ist ja ein wildes Thier. Er ist todtenblaß geworden, wie wir ihm Deinen Befehl ausgerichtet haben und hat vor Wuth gezittert. Dann ist ec zwar hinter uns hergegangen, aber in seine Hütte, offenbar um sein Gewehr zu holen. . . Wir müssen uns vorsehen. . ." Die Bauern drängten neugierig heran. „Er hat ja gar kein Gelvehr," trösteten sie. „Und wenn der Duckmäuser wirklich Streit anfangen will, so prügeln wir ihn mit Bergungen durch." Seine Nachbarn hatten Recht, ein Gelvehr hatte der Jauko nicht. Aber sein Beil; das hatte er geholt und eilte nun an das Thürchell, das aus feinem nmzännten Obstgarten auf ben Acker des Mroza führte. Dicht vor demselben hantirten eben die Jngeilieure und ihre Gehilfen. Als sie den tvdt blassen Mann mit der Hacke in der Hand erblickten, wichen sie zurück. Der Jailko sah übel aus; der furchtbare Austritt von gesterli hatte ihn jählings verwüstet; in dem verfallenen Gesicht loderten die Allgerr in unsteter Gtnth. Auch deill Beanlteu lvard es unbehaglich, deniloch trat er sofort pflichtgemäß vor. „Seid Ihr der Jauko Wygoda V‘ fragte er. „Durch Euren ©nuten mus; die Eisenbahn geführt werden." „Nein," erwiederte der Baller schroff und finster, „da wird sie nicht hiudurchgeführt. Sllcht Euch einen anderen Weg." „Das können wir nicht," erwiederte der Beanlte. „Nenllt Euren Preis, es soll ilicht Euer Schade sein." „Ich verkaufe nicht," war die Antwort. Seiil Gesicht lvurde llvch fahler. „Ich hab's geschworeil — dies und noch etwas," fügte er murmelnd hinzu. „Und ich halte meinen Schwur!" „Unsinll," sagte der Beamte ungeduldig, bezwang sich aber wieder. „Nehmt Berliunst all; ich stehe hier in des Herrn Kaisers Rainen und sage Euch: wir brallchen den Grund und nehmen ihn, auch gegen Euren Willen!" „Ja, ja! Dli Dllckmäuser." riefen die Bauern. „Gehorche, sonst prügeln wir Dich durch!" „Bersllcht's!" erwiederte der Jauko, stellte sich rückenfrei an einen Baum am Lhürchen nnb hob das Beil. Der Bezirksrichter bezwang den aufsteigenden Zorn. Er flüsterte einem der Diener einen Befehl zu und rief daml die Bauerll barsch mi, den Manu nicht zu reizen. „Ihr müßt doch einsehen," wandte er sich nun wieder in den sanftesten Tönen an den Jailko, «daß ich nicht anders kann. Versteht doch nur recht, mit was es sich handelt. Die Eisenbahn ist für alle Menschen von Bortheil.. ." Und er begann eine lange Rede über den Nutzen der Eisenbahn. Inzwischen aber hatten sich die Gerichtsdiener seinem Befehl gemäß ums Halls herum in den Garten mld an den Jauko herangeschlichen, ihn zu entwaffnen. „Und dann, wenn Ihr z. B. nach Lemberg wollt," sagte der Beamte, „früher drei Tage — jetzt sechs Stunden —" Das Wort stockte ihm; er schrie entsetzt auf. Der Janko hatte die Heranschleichenden nicht gewahrt, bis sie dicht hinter ihm standen. Da aber waildte er sich um rtnd im nächsten Augenblick wälzte sich einer der Diener in feinein Blute am Boden. Der Wüthende hatte ihm mit dem Beil aufs Haupt geschlagen. „Kommt nur!" schrie er außer sich. „Lebend betritt niemand meinen Garten!" Einen Augenblick standen Alle starr. Aber im nächsten hatten sich zwanzig Leute zugleich ans den Einen gestürzt, Bauern, Gerichtsdieiter, die Gehilfen der Ingenieure. Eine Minute später lag er geknebelt am Boden und sie traten ans ihm herum. . Vielleicht wäre in dieser Stunde noch ein anderes und schlvereres Verbrechen geschehen. Aber der Beamte warf sich dazwischen. „Zurück!" befahl er. „Der Todtschläger gehört dem Gericht!" (Fortsetzung folgt.) Fiiterarischl' Mittheilungen. — Dr. M. Braun, Geschichte der Juden in Schlesien, (l. Bon den ältesten Zeiten bis 1335.) Breslau, Schatzky 1896. 'Was die historische Kommission für die Geschichte der Juden in Deutschland erstrebte und, wie es leider den Anschein hat, nicht zu erreichen verrnochte: die Abfassung einer aus wissenschaftlicher Grundlage beruhenden Geschichte der Juden in Deutschland — hat M. Braun wenigstens für einen Theil der Juden Deutschlands durchznführen begonnen. In dem soeben erschienenen Jahresbericht des jüdischen theologischen Seminars zu Breslau, dessen Lehrkörper er als Nachfolger von Grätz angehört, sinden wir eine vortreffliche Darstellung der ersten Ansiedlungen der Juden in Schlesien von Braun, der hoffentlich bald die Schilderung der weiteren wechselreicheu Lage der Juden in den Landschaften östlich und westlich der oberen Oder folgen wird. Vertraut mit der Methode der wissenschaftlichen Forschung und der g e - s a mmt en einschlägigen jüdischen und profanen Litteratur, fußend auf zahlreichen eigenen Vorarbeiten und gestützt auf die sorgfältige Malerialiensammlung des der Wisfenschast allzufrüh entrissenen Dr. H. Kohn aus Eidlitz, giebt uns der Verfasser ein umfassendes Bild der politischen und sozialen Verhältnisse unserer Glaubensbrüder in Schlesien, das durch Jahrhunderte ein Spielball in der Hand der polnischen und böhmischen Machthaber gewesen war, später von eigenen Herzogen regiert wurde, um daun wieder der Krone Böhmens, zuletzt der habsburgischen und preußischen Herrschaft unterthan zu werden. Der wiederholte Wechsel der Herrschaft blieb naturgemäß auf die Verhältnisse der Juden nicht ohne Einfluß, und da die neuen Herrscher zumeist die Stellung der Juden in dem neu erworbenen Gebiet mit der ihres Stammlandes in Einklang zu bringen sich bemühten, so eröffnet sich uns in der Schilderung der Geschichte der schlesischen Juden zugleich ein werthvoller Blick aus die Lage der Juden in dem gesanimten östlich der Elbe gelegenen Gebiete. In einem besonderen Anhang finden wir eine Untersuchung über die schlesischen Judenprivilegien, die in dem Nachweis gipfeln, daß bei Abfassung der Schutzbriefe Herzog Heinrichs IV. die böhmischen und polnischen Privilegien als Grundlage gedient haben; in einem zweiten Anhang theilt der Verfasser die hebräischen Grabinschriften schlesischer Inden ans dem 13. und 14. Jahrhundert mit. Dr. S. Adler. --- David Philipson: Old European Jewries. Philadelphia 1894. The Jewish Publieation Society of America. Ein liebenswürdiges und interessantes Buch, dessen Lektüre uns herzliches Vergnügen gemacht hat. Was in Europa noch Niemand versucht hat, nämlich eine Geschichte und Charakteristik des Ghetto zu schreiben, das hat ein jüngeramerikanischer Prediger und Gelehrter hier mit großem Eifer und mit ebenso großem Geschick durchgeführt. Nach einer kurzen geschichtlichen Einleitung über die Juden in Europa, schildert er die Institution des Ghetto überhaupt vom 13. Jahrhundert bis aus die neue Zeit. Sodann führt er uns das Ghetto in der kirchlichen Gesetzgebung vor. Und nun erst öffnet er die Thore desselben und führt seine wohl orientirten Leserin die Judengasse hinein. Er schildert mit Kennerblick unb feinem Verständlich die Judengaffe zu Frankfurt a. M., die Judenstadt in Prag, das Ghetto in Nom und schließlich das russische Ghetto. Im achten Kapitel giebt er die Resultate seiner Beobachtungen. Der Verfasser ist ein durchaus moderner Mensch, aber von inniger Siebe zu seinen Stammesgenosfen erfüllt. Es mar seine Absicht, die Erinnerung an das Ghetto festzuhalten, bevor noch die letzten Spuren von demselben in Europa verweht sind. Diese Absicht ist ihm gelungen. Auch Diejenigen, die niemals einen Blick in eine Judengaffe geworfen haben, erhalten durch seine lebendigen und fesselnden Schilderungen ein treues Bild von dem Lebe"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.