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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-21 · Heft 8 (21.2.1896) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 8 (21.2.1896)
Date
1896-02-21
Page
Seite 94 (sequence 10)
Language
German
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94 Nur der dicke Onufrij ver;og keine Miene. „Die Esel hoben sich nicht einmal erkundigt, wo die Schmiede ist!" sagte er verächtlich. „Von der Stelle, wo sie begonnen haben, ist es ja zu meinem Hause über die rothe Buche, wo sie jetzt sind, ein ungeheurer Umweg. . . Aber meinetwegen, — mein Geld wird ja da nicht zum Fenster hinausgeworfen!" Auch niahnte er die Anderen zur Geduld. Aber die Bauern waren unruhig geworden, zudem hatte sie auch der viele Schnaps erregt. Sie brachen auf, „mit den Herren ein Wörtchen zu sprechen". Niemand mahnte ab, auch der Richter ging mit, nur daß er dabei meinte. Aber das bewirkte nur der Schnaps, nicht etwa das Bangen vor den Folgen eines Auftritts. „Sie betrügen uns," schluchzte er, „rmd wenn wir sie todtschlagen, so ist's nicht unsere Schuld!" Bei dieser Stimmung hätte der Zusammenstoß mit der Staatsgewalt leicht schlimm enden können. Wenn es anders kam, so war dies nicht das Verdienst der Ingenieure — es waren Engländer und Deutsche, die nicht recht verstanden, was der Haufe, der da heranzog, ihnen znbrüllte — sondern des Vezirksrichters von Halicz, Jan Willczuk. Er war selbst Ruthene, und wenn er sich auch mit Haut und Haar polonisirt hatte, so kannte er doch seine Stammesgenossen und wußte sie zu behandeln. Ruhig ging er ihnen entgegen und fragte: „Was wollt Ihr? Aber Einer soll reden!" Sie schrieen deshalb doch zunächst alle wild durcheinander, da er jedoch fortfuhr, sie mit gekreuzten Armen und lächelnd zu messen, so wurden sie unwillkürlich stiller und schoben endlich den Richter vor. „Gnädigster," schluchzte Harasim, „es ist wegen der Gulden — der Gründe wollte ich sagen. Ist denn unser Boden für das eiserne Pferd nicht ebenso gut, wie der des Polen?" „Besser," erwiederte der Beaiute treuherzig. „Es ist Ackerboden; wir nehmen womöglich Haideland, das sonst zu nichts taugt. Für den Preis, den wir bezahlen, können wir guten Boden nicht fordern. Seht doch selbst, wie der Weg jetzt gelegt ist!" Sie folgten der Richtung seiner Hand und sahen sich verblüfft an; in der That war es grvßentheils unfruchtbarer Boden, wo die Pfühle steckten. Nur einer, der dicke Onufrij schmunzelte schlau vor sich hin. „Verzeih, Gnädigster." sagte er, „mich geht's ja auch nichts an. aber wenn es schlechter Boden sein muß, den Hütten wir Bauern auch!" „Natürlich," fielen Einige ein, „so schlechten Boden, als Ihr wollt! Warum wird er nur dem Polen abgekauft?!" Der Beamte wechselte die Farbe; das war ein kritischer Augenblick. So versuchte er es mit einem Scherzwort. „Aber so bedenkt doch, Ihr Leute," sagte er, „das eiserne Pferd kann nicht hin und her taumeln, wie einer von uns braven Ruthenen, wenn er seinen Durst gestillt hat. Ihm muß der Weg hübsch vorsichtig ausgesteckt werden. Die Herren hier" — er deutete auf die Jngenietire — „waren schon vor einigen Monaten in dieser Gegend, und dann haben sie auf der Karte den Strich gezogen, und nun sind wir da, den Weg abzustecken und die Ablösungen vorzunehme». Nämlich — weil es eilt —" Und er suchte den Leuten das Wesen des summarischen Enteignungs- Verfahrens klar zu machen. Das war abermals nicht gut. „Spare Deine Worte," unterbrach ihn Onufrij mit spöttischem Lächeln. „Wäre die Sache wirklich mit Ueberlegung gemacht, so hätten die Herren sich erkundigt, wo die Schmiede liegt — verstehst Du, Gnädigster?! — wo die liegt!" „Warum?" fragte der Beamte. „Aber wer anders kann hier iin Dorfe das eiserne Pferd ausbessern als ich!" rief der Schmied. „Hahaha?" brach der Beamte los, und die Diener der Kommission stimmten ein. Das klang so taut imö herzlich, baß die Bauern zunächst verblüfft dreinsahen und dann verlegen mitlächelten. „O Du Weiser!" rief Herr Willczuk endlich und wischte sich die Thronen aus den Augen, „auf Dich haben wir gebaut! . . . Das eiserne Pferd kann ja hundert Meilen laufen, ohne aiizuhalten, und bleibt gesund und bei Athem, denn es ist von Eisen, Onufrij! Verstehst Du, von Eisen!" Und wieder lachte er schallend los, denn er fühlte, wie viel es auf diesen Augenblick ankam. In der That stimmten nun die Bauern ein, und der Beamte benutzte die gute Stimmung. „Leute!" rief er treuherzig, „ein Ruthene belügt den andern nicht! Ich schwöre Euch, der Weg ist mir aus dem Grunde so und nicht anders bestimmt, damit das Pferd rasch und sicher durch Euer Dorf rennen kann. Denn läuft es langsam, daun stinkt es wie die Pest, und purzelt es um, so bleibt auf drei Meilen im Umkreis fein Stein auf dem anderen! Ader ebenso schwöre ich Euch: es werden heute auch Grundstücke eingelöst, die Bauern gehören!" „Welche denn?" fragten die Leute, nicht mehr mißtrauisch, nur noch neugierig. Der Beamte zog eine pfiffige Miene. „Unerwartete Freude ist doppelte Freude." sagte er. „Bleibt doch hier, Gevattern, und seht uns zu!" Das thaten die Bauern eine Weile, aber da es auf der Haide nichts zu trinken gab, so zog einer nach dem andern ab und zur Schänke; als die Herren zum Mittagessen in den Gutshof gingen, folgten auch die Hartnäckigsten ihren Genossen, und als die Kommission die Arbeit wieder aufnahm, war sie wieder so ungestört, wie sie es irgend wünschen konnte. Als die Herren am Nachmittag, gegen die vierte Stunde, einen der Bauern wirklich brauchten, mußten sie ihn erst durch die Gerichtsdicner holen lassen und hatten lange zu warten, bis er vor ihnen erschien. Das war nicht seine Schuld. der gute Szymko Mroza wollte gern kommen, die Gulden des Kaisers eiuzustreicheu, nur trugen ihn seine Füße nicht mehr. Die Diener mußten ihn vor die Kommission schleppen; wer noch gehen konnte, gab ihm das Geleite. Aber die Neugierde sollte geringe Befriedigung finden, Der Bezirksrichter fragte den Trunkenen, ob er einen Streifen seines Ackers für die Eisenbahn abtreteu wolle. „Ja!" gröhlte der Szymko, „aber die Gulden —" „Natürlich," war die Antwort, „aber wie viel?!" —„HundertGulden die Quadratklafter," war die Antwort, oder zehn — oder tausend —Er wußte nicht mehr, was vorher beschlossen worden. — „Schön," war die Antwort, „Ihr sagt uns in den nächsten Tagen Euren Preis. Und werden wir nicht einig, so sollen Schiedsrichter entscheiden!" Und die Pflöcke wurden über den Acker des Szymko gesetzt, gegen den Obstgarten des Janko zu. Die wenigen Zuschauer, die noch ihrer Sinne mächtig waren, sahen dies mit Groll und Neid. Dem „Geizkragen", dem „Duckmäuser", dem „häßlichen Tölpel" gönnten sie das Glück, „ein Geschäft mit dem Herrn Kaiser zu machen," fast noch weniger als dem Polen. Hohnlachend vernahmen sie, wie der Beamte den Auftrag gab, nun den Janko Wygoda aus der Schänke zu holen. „Der Lump ist ja gar nicht dort," riefen sie, „sondern auf seinem Acker." Der Beamte befahl, ihn von dorther zu holen. „Ihr könnt ihm sagen," rief er tien Gerichtsdieuern nach, „welches Glück seiner harrt, nur muß er sich sputen." Aber es währte lange, bis sie wiederkamen, und den Janko brachten sie nicht mit. „Gnädigster," berichteten sie, „das ist wirklich ein Tölpel! ,Jch komme nicht', sagt er. .Michh sagt er, .geht Euer eisernes Pferd nichts an und Euch mein Garten nichts!' Und >vie wir ihm daraus zuzureden beginnen, jagt er uns davon."

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