Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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93 Und bnmi zog die Deputation in ihren buntscheckigen Gewändern durch die von Narren schwärmenden Straßen, durch die Massen der Possenreißer, um vor dem Thron der Senatoren diese scheinheiligen Betheuerungen zu wiederholen. Spott-Prozessionen parodirten diesen Marsch der Juden. Die Fischhändler, durch ihre Nähe zum Ghetto mit seinen Gebräuchen vertraut, bereicherten den Karneval mit verschiedenen anderen Parodien; einmal war es die Travestie eines Begräbnisses eines Rabbiners, brnm eine lange Kalvakade von Juden auf Eseln, an ihrer Spitze ein Rabbi zu Pferde, mit dem Kopf nach dem Pferdeschwanz gerichtet, den er in einer Hand hielt, in der anderen eine Nachahmung der Thorarolle; zum höchsten Ergötzen des Pöbels. Ja, die Juden waren eine seltene Würze für die Lust des Karnevals; ihre Hüte wurden ihnen heruntergerissen, Schmutz in ihre Gesichter geworfen. Dieses Jahr hatte der Gouverneur von Rom verboten, sie mit etwas Anderem als Früchten zu bewerfen. Ein vornehmer Marquis erwarb sich witzigen Ruhm dadurch, daß er sie mit Ananas bewarf. Doch am dritten Tage, nach dem Wettrennen der Esel und Büffel, erduldeten sie den höchsten Grad der Beschimpfung, am Tage der Judenrennen! Der Morgen brach hell und klar heran, aber bald zogen Wolken herauf, die umherschwärmenden Schwelger erfüllte die Aussicht auf Regen mit Wonne. Am Bogen von San Lorenza in Lucina, in der langen Straße des Korso, wo Thorwege und Flügelfenster und Dächer und Fußwege mit Menschen angefüllt ivaren, versammelte sich ungefähr ein halhes Dutzend Inden auf einem Hausen. Sie hatten gerade ein herzhaftes Mahl erhalten, aber sie sahen nicht dankbar aus. Beinahe nackt, außer einem weißen Rock, der in seinem knappen Maß komisch unanständig aussah, mir Flittergold bedeckt und Lorbeer geschmückt, standen sie und erwarteten zitternd, das Kommando „Los", um durch diese schlimme Menge zu rennen, die von lang zurückgehaltenem Gift geschwollen, von Sticheleien und Bosheiten überschäumte. Endlich gab ein Offizier zu Pferde das Kommando, und unter einem koloffalen Freudengeschrei des Pöbels jagten die halbnackten, grotesken Gestalten mit ihren seltsamen, orientalischen, sorgenvergrämten Gesichtern in wildem Lauf den Korso hinunter. Schnell, schnell flogen sie, denn je eher das Ziel erreicht wurde, je eher fanden sie Ruhe vor diesem Hagel von Spott, mit schweren Steinen gemischt, vor diesen Stöcken der Zuschauer, vor der feinen Gesellschaft, welche dem Korso in Klitschen, trotz des Verbotes, beiwohnte. Und um ihren Lauf noch zu beschleuiligen, galoppirte der Offizier zu Pferde mit einer Schwadron Soldaten hinter ihnen her, dicht auf ihren Fersen und drohte, sie nieder zu reiten. Sie rannten, rannten, keuchend, schwitzend, schwer athmend, Schlaganfällen ausgesetzt; denn damit sie nicht nah' am Ziel durch Seitenstiche zusammenbrechen möchten, hatte ein brillanter Veranstalter der „Föte" sie reichlich mit Fleisch gestopft. O, wie komisch, wie köstlich! Ulld jetzt kam ein junger Mann, dessen abgezehrtes Gesicht und frühzeitige Kahlheit auffallend erschien, unter ironischem Beifall, an die Spitze. Und plötzlich brach ein Gewitter, ein fröhlicher Verbündeter des Festes, aus und dllrchnäßte spaßhaft die halbnackten Renner. Weiter, weiter rannten sie, athenilos, blindlings, keuchend, mit Schmutz beworfen, von Wurfgeschoffen verletzt, von den Hufen der Pferde gestreift; weiter, weiter, die tausend Ellen der endlosen Bahn entlang; weiter, weiter, ailfgedunsen und triefend und stolpernd. Sie waren nahe am Ziel. Sie hatten beinah' San Marco, das alte Ziel, erreicht. Der junge Jude hatte noch die Führung, aber ein alter, dicker Jude kam ihm nahe bei. (Fortsetzung folgt.) Leib Weihnachtskuchen und fein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) m nächsten Morgen fand sich in der That der krnnnne Schiiunlele pünktlich ein, mit ihm als Wirtschafterin die Kasia. „Ihr Leute," erzählte sie, „seit dreißig Jahren bin ich ja dazu verdammt, bei Juden zu dienen, aber was für ein hartherziges Volk dies ist. weiß ich doch erst seit gestern. Die Miriam thut, als ob sie verzweifelt wäre, aber das ist ja nur die Furcht vor Gott. Ich kann ja nicht darüber reden, aber die Alte ist vor Schreck über eine Liebschaft des Mädchens gestorben. Und nun gar der Leibko! Wißt Ihr, was er den Leuten geantwortet hat. als sie ihn trösten wollten? Ich würde es keinem anderen Menschen glauben, aber das habe ich mit eigenen Ohren gehört. „Der Herr hat gegeben," sagt er, „der Herr hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt!" Als ob er seine Ziege verloren hätte. O diese Gottlosen!" Aber sie fand nur Wenige, die ihr zuhörten; die Leute hatten heute Wichtigeres zu bereden. Alle Hausväter waren in der Schänke versammelt und harrten, bis die „Kommissija" erscheinen würde, um mit ihnen zu verhandeln. Wer eine Fußbreit Bodens besaß, war zur Stelle, nur den Janko ausgenommen, der wieder einmal stumm brütend in seiner Kannner saß. „Ihr Leute!" sagte der Richter, „jetzt heißt es schlau sein! Zunächst werden sie kommen und fragen: Wer giebt den Boden ganz billig? Und darauf ich: Keiner billiger als der Andere: Tausend Gulden die Quadratklafter! Und da mögen sie nun handeln! Aber viel lassen wir nicht herunter!" „So soll es sein!" stimmten alle ein, nur der Schmied lächelte still vor sich hin; er wollte die Qnadratklafter, wenn sie gerade darauf bestanden, um achthundert Gulden lassen, aber zur Ausgleichung für jeden Hammerschlag einen Gulden verlangen. Die Geduld der Harrenden sollte auf eine harte Probe gesetzt sein. Erst gegen neun Uhr kamen die Herren zum Gutshof gefahren und da stärkten sie sich zunächst durch ein Frühstück, das ihnen der gastfreie Paterski anbot. Und als sie endlich um elf Uhr wieder den Wagen bestiegen, da fuhren sie nicht zur Schänke, sondern vor's Dorf, zum Grenzrain gegen Halicz. „Was sie dort thun mögen?" fragten die Leute erstaunt. „Es nützt ihnen ja nichts, sich den Boden auszuwählen, zuerst müssen sie doch wissen, ob er zu haben ist!" — „Freilich." meinten Andere, aber vielleicht sind sie so dumm oder halten uns für dumm!" Als jedoch die Mittagsglocke läutete und die Herren noch immer nicht sichtbar waren, wurden Boten ansgesandt, die erspähen sollten, was sie eigentlich trieben. Die Ausgesandten brachten einen Bescheid, der die Leute in nicht geringe Aufregung brachte. Die Herren waren bereits mitten in der Arbeit; die Einen guckten in Papiere und schrieben, die Anderen richteten dreifüßige Gestelle auf, die sie mitgebracht, und maßen die Entfernungen ab und riefen sie einander zu; die Dritten, ihre Diener, rammten Pfühle ein. Dies Alles aber auf Grundstücken, die dem Polen gehörten. Die Pfähle bezeichueten nun eine große Kurve, die das Wäldchen, das der Gemeinde gehörte, umging. Es schien, daß sie nun zunächst auf den Grundstücken des Paterski bleiben wollten. „Betrug!" schrieen die Bauern erregt. „Der Pole hat sie bestochen. Zuerst müssen sie doch fragen, wer Grundstücke oerfanfen will und zu welchem Preis, und darnach ihre Wahl treffen. Das ist ein Geschäft des Herrn Kaisers — das muß öffentlich sein, und Alle sind gleichberechtigt."