Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- Seite 92 (sequence 8)
- Language
- German
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92 einander geradezu auf den Kopf stieß. Aber selbst MaimonideS ging auch bei seinem Verfahren immer schon mit der festen Ueberzeugnng der Wahrheit des Judenthnms an seine Forschungen, ließ es also nicht von seinen Untersuchungen abhängen, ob er demselben Glauben schenken solle oder nicht: sondern es waren hier zwei nothwendig wahre, richtige Elemente, die zu einem einzigen verbunden werden sollten, während sie bei Saadias blos nicht gegen einander streiten sollen; bei Maimonides sollen sie einander durchdringen, bei Saadias sollen sie im Gegentheil so viel wie möglich ans einander gehalten werden. Maimonides stand also keineswegs über dem Glauben. Maimonides und überhaupt die von Dir bezeichnete zweite Richtung ging auch nicht von der Vieldeutigkeit biblischer Stellen ans, so , daß, durch sie aufmerksam gemacht, die Vernunft erst Boden gewann für ihre Behauptungen als Entscheiderin unter vielen möglichen Auslegungen, sondern die Vernunft war durch die griechische Philosophie emanzipirt und sie, als demokratisches Prinzip im Menschen, stand der positiven Religion als dem Aristolratischen gegenüber; hätte nun diese nicht die Hand zur Vereinigung geboten, so wäre die Gewalt jener nöthig gewesen, um ganz und gar diese zu vernichten; so ließ es sich aber anders machen. Ich glaube also nicht, daß.diese zwei Parteien von der Möglichkeit zweier verschiedenen Jnterpretationsweisen ausgegangen sind, sondern daß sie sich nur au jene angelehnt haben, eigentlich aber aus der verschiedenen Geistesrichtuug, indem sie entweder Alles aus der Vernunft entwickeln oder blos Alles mit ihr begreiflich machen wollten. Es sind dies zwei verschiedene Richtungen, die zu jeder Zeit und unter jeder Religion sichtbar sind, selbst bei Gläubigen, denn dies waren beide. Den eigentlichen Super- Naturalismus finde ich in beiden nicht, vielmehr möchte ich Saadias' Richtung den rationalen und Maimonides' den philosophischen Supernaturalismus neunen. — Die Vergleichung dieser beiden jüdischen Philosophen mit zwei christlichen Kirchenvätern habe auch ich einmal vorgenommen, nur daß ich statt Origenes den Clemens zum Seitenstücke des Maimonides nahm; ich erinnere mich, Frensdorff einmal mündlich etwas hiervon mitgetheilt zu haben, so wie ich auch in meinem Tagebuche vom 10. Juni 1831 Weniges darüber verzeichnet finde; jedoch sind Origenes und Clemens beide ganz einer Richtung zugethan. nur daß Jener Diesem in der Zeit und Meinung gefolgt ist. Vergleichungen der Art halte ich für sehr zweckmäßig, eben weil sie eigentlich klar 'machen, was das Streben einer positiven Religion mit der Philosophie und vorzüglich mit der damals überkommenen griechischen zu vereinigen für verschiedene Wege an und für sich zuläßt und bedingt, daun zeiget sich durch den Unterschied, der, obgleich bei gleicher Geistesrichtung, aber durch die Verschiedenheit der positiven Religion, innerhalb welcher die Forschenden ihre Forschungen anstellten, sich bei den Resultaten herausstellte, der Einfluß dieser Religion, sowie z. B. vorzüglich die Vergleichung des Saadias mit Tertullian, als welche beide den Religionsschriften eine größere Entscheidung zulassen, hierin fdjr wichtig ist. Rur daß natürlich die Zeitphilosophie, die der Religion entgegen war und gegen welche gekämpft wird und von welcher sich zu entfernen man oft das Gegentheil zu sehr ausdachte, wohl ins Auge gefaßt werden muß, so wie z. B. der Kampf gegen den damals herrschenden Dualismus den Tertullian, hingegen der gegen das Christenthum mit seiner Trinitätslehre und der gewissermaßen darin involvirten Lehre von einer körperlichen Persönlichkeit Gottes, den Saadias in seinen Gegenbehauptungen leitete. -II—II- Hl—II- FEUILLETON Josef der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Iba Wedelt in Düsseldorf. rö VIII. war es Karneval. Die tolle, unheilige Woche voll Saus und Braus, voll Teufelei. Die Straßen waren angefüllt mit buntscheckigen Trachten und hallten wieder vom Lärm und Gelächter der Menge, die durch den Zuwachs der Fremden vermehrt wurde; aus den Fenstern, von den Dächern, schwarz von Köpfen, warfen ausgelassene Hände Honig, schmutziges Wasser, faule Eier iiub sogar Lochendes Oel auf die Fußgänger und Kavaliere unten. Blutige Tumulte brachen aus. Schwärme von Masken drangen in die Kirchen ein. Sie schmähten und verspotteten alle irdischen und göttlichen Dinge; die Peitsche und der Galgen, freigebig ausgetheilt, vermochten nicht die volksthümliche Zügellosigkeit im Zaum zu halten. Jedes Verbot war ein todter Buchstabe! In solcher Zeit hatten die Juden, dem Spott der Christen ausgesetzt, Grund zu zittern; von jeher Schleifsteine des Witzes, waren sie in Karnevalszeiten eine ganz besondere Beute desselben. Am ersten Tage marschirte eine Deputation der hervorragendsten Juden, drei Bannerträger und die Rabbiner, angeführt von dem Cortege des Senats und in buntfarbige Gewänder roth und gelb gekleidet, durch die ganze Stadt, vom Volksplatz zum Kapitol, durch ein doppeltes Feuer von Possenreißeren. Am Kapitol angekommen, marschirte die Prozession tu die Thronhalle, wo die drei Konsekratoren und der Prior der Kaporiani auf rothen Sammetsesseln saßen, in schwarzer Toga und Sammetbarett. Der Oberrabbiner kniete auf den ersten Stufen des Thrones nieder und sprach, sein ehrwürdiges Haupt bis zur Erde neigend, die traditionelle Formel: „Erfüllt von Respekt und Ehrfurcht für das römische Volk, beugen wir, die Aeltesten und Rabbiner der demüthigeu jüdische!! Gemeinde uns vor dem erhabenen Thron Eurer Eminenzen, um gehorsamst Treue und Huldigung im Namen unserer Gemeiudemitglieder darzubringeu und Euer gütiges Mitleid anzurufen. Wir werden nicht verfehlen, zum Allmächtigen zu flehen, daß er Friede und lange Ruhe dem erhabenen Pontifex gewähre, der zur Glückseligkeit Aller regiert, für den apoflolischeit heiligen Stuhl wie für Eure Eminenzen, für den berühmten Senat und das römische Volk." Hierauf erwiederte der Ober-Konsekrator: „Wir nehmen mit Vergnügen den Ansdruck Eurer Treue, Eurer Dienstbarkeit, Eures Respekts entgegen, den Ihr heute im Namen der ganzen jüdischen Gemeinschaft erneuert, und überzeugt, daß Ihr die Gesetze und Verordnungen des Senats respektiren werdet und daß Ihr, wie in früheren Jahren, die Steuern und Lasten, welche Euch auferlegt sind, bezahlen werdet, bewilligen wir Euch unseren Schutz in der Hoffnung, daß Ihr einseht, wie werthvoll dieser für Euch ist." Dann setzte er seinen Fuß auf den Nacken des Rabbi und rief: „Aiidate!“ (Hebe Dich hinweg!) Dann erhob sich der Rabbi und überreichte den Konsekratoren ein Bouquet und einen Kelch, der zwanzig Dukaten>nthielt, und erbat die Erlaubniß, den Sitz der Senatoren auf dem Volksplatz zu schntttcken.