Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- Seite 91 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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91 Kbrmharrr Geigers Briefe an I. Dsrendourg. (1833-42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. - VI. Wiesbaden, 15. Juli 1833. ... Ich habe von einem guten Freunde das erste bis jetzt erschienene Heft der „Stunden der Andacht für Israeliten" mitgebracht bekommen, mir aber die vortrefflichen christlichen Stunden der Andacht gekauft, habe nun die Vorreden und eine Betrachtung verglichen. Sollen wirklich erbauliche Betrachtungen für Jsraelitem besonders geschrieben werden, so müssen sie auch in ihrer Anschannngs- und Ermahnungsweise, in der ihnen einwohnenden erbaulichen Kraft etwas speziell Jüdisches haben; es genügt hierzu nicht einmal eine kurze Anführung aus der Bibel oder auch vielleicht ans Talmud und Midrasch, sondern jüdisch-religiöse Ansicht muß darin leben, und die Idee des Judenthums muß ihren Geist denselben einhauchen, damit von ihr aus die echte Menschwerdung der Juden erzielt werde. Sehe ich auf die christlichen Stunden der Andacht, so ist wahrer vernünftiger Gemüthsreligion gar nichts vergeben, aber dennoch Manches, ja Vieles, voin christlichen Standpunkte aus darin betrachtet, vorzüglich die schöne Vorstellung der Liebe, die dem Christenthum eigen ist, und die schöne Anschauung des Musters, das in Jesus für Alle aufgestellt ist, trügt ihre Erbaulichkeit in alle Theite dieser Betrachtungen; aber was finde ich in der jüdischen Umarbeitung? Schon der Titel macht dies kund, die christlichen sind „zur Beförderung wahren Christenthums und häuslicher Gottesverehrung," aber die jüdische Umarbeitung „zur Beförderung religiösen Lebens u. s. w." Dies sollte nicht sein; wenn der gewöhnliche Jude kein erbauliches Judenthum hat, so hat er gar keine Erbauung: Ich selbst fühle in Predigten recht oft die erbauliche Kraft dieser Religion, aber ganz klar zum Begriffe bringen kann ich mir sie nicht. Gott steht uns etwas zu hoch darin; so lange er Nationalgott war, so lange er wenigstens die Juden bevorzugte, da lebte er in unserer Nähe und erhob uns doch auch zu sich, nimmt man aber dem Judenthum auch Dieses und hat es ferner jenes Annähernde der höchsten Liebe auch nicht, auch natürlich nicht die Vermittelung eines Menschen, daun steht uns der weise Herrscher, wenn er auch einige Milde hinzufügt, sehr ferne. Darum lasse ich auch gerne die gemüthlichen Vorstellungen vom Verdienst der Väter z. B. in Seelenfeier-Predigten walten, natürlich vernünftig modifizirt, kurz, das Judenthum ist als positive Religion etwas zu abstrakt, und der Rationalismus macht es noch abstrakter; dies Alles natürlich in Bezug auf eine Volksreligion. Welche jüdische Religion ich meine, wie ich von Offenbarung ganz abstrahire, wie ich ferner auch ganz von theoretisch theologischem Gehalt absehe, wird Dir wohl klar geworden sein. Gesetzt nun auch, es sei wahr, daß die jüdische Religion wegen ihres Dogmenmangels, der aber auch eben leider den Mangel der als das Höchste anerkannten religiösen Ideen anzeigt, weit entwickelungsfähiger sei als andere, was sich in der Erfahrung nicht zeigt, so will dies blos so viel heißen, als: es lassen sich die verschiedensten Ansichten mit dem Judenthum verbinden, eben ein Beweis, daß in ihm fast keine liegt, und wer preßt dann aus einer nackten Hülse der Art Erbauliches? Mein Urtheil über das Judenthum ist freilich bei weitem nicht so hart, als es hier aus manchen Ausdrücken scheinen könnte; aber ich will blos auf den Punkt Hinweisen, der dem jetzigen unbefangenen, praktischen, jüdischen Theologen eine recht große Sorge machen kann. — Ich bemerke nur noch, daß man die Propheten doch Glicht zu sehr als Weltbürger betrachten darf, da sie vielmehr immer noch fest in ein nationales Gewand sich wickelten; ob der &ebg ßövoq nothwendig ein Gott der Liebe ist, beweifle ich ebenfalls, da den gewöhnlichen Menschen die vielen Übeln Erscheinungen des Lebens auf einen nicht sehr guten Urheber schließen lassen; hat er einen Dualismus, so ist ihm der Urheber des Guten immer der Stärkere, aber er glaubt, das; er bis jetzt das böse Prinzip, das das Uebel hervorruft, noch nicht besiegt habe, und er hat einen Gott der Liebe, aber der Monotheist? — Wie die Meinungen so verschieden sind, höre jetzt qu§ einem Beispiele! Ich möchte behaupten, daß der Mangel der Unsterblichkeitslehre dem Judenthum gewissermaßen einen Vorzug giebt. Alle Völker, bei denen die individuelle Existenz in der des Staates und Volkes anfgeht, die ihr eigenes Leben gleichsam blos als einen Theil des ganzen Volkslebens betrachten, und dies sind nun im strengen Sinne die sogenannten klassischen Völker gewesen, aber auch die Israeliten bedurften dieser Lehre nicht, ihre persönliche Unsterblichkeit war die Fortdauer ihres Staates und Volkes. Schon die letzte römische Sittenverderbniß, sowie auch die philosophische Aufhebung dieses Aufgehens in einem verderbten Staate (wie bei Sokrates) bedurfte der persönlichen Fortdauer. Kommt aber einmal der Mensch dahin, sich als einen Theil der Menschheit zu betrachten und seine Fortdauer in ihr zu finden, und dies ist das Ziel, dann wird vielleicht diese Lehre schwinden. Ferner, wenn der Mensch durch die Achtung vor sich die Anforderung eines stets sittlichen Lebens an sich macht und nur in ihm eine Befriedigung findet — und dies ist das Ideal eines guten Menschen —, wozu bedarf es daun der Uusterblichkeitslehre? Ueberhaupt hat das Christenthum den Menschen herausgerissen aus der Gemeinschaft, hat ihn ganz auf sich zurückgewiesen, und dies liegt natürlich in den Umständen, welchen es theils seinen Ursprung verdankte und welche theils seine Entstehung begleiteten, so hat es ihn zum leidenden Wesen gemacht, dem an und für sich die Tugend keine Freude gewährt, als blos um der Gemeinschaft mit Gott willen, zu welcher er dadurch gelangt. Vielleicht hat das Judenthum gerade dieses Moment mehr, den Menschen sowohl als Individuum als auch als Theil der Menschheit (freilich eigentlich der Judenheit) zu betrachten. — Daß Erscheinungen, welche innerhalb der Judenheit sich zeigen, nur dann als Vorzüge angerechnet werden können, wenn sie auf eine Idee des Judenthuuis zurückgeleitet werden können, ist offenbar. VII. Wiesbaden, 15. August 1833. Zuerst also zu Maimonides und Saadias. Auch ich gebe zu und sah es auch schon Anfangs ein, daß meine Gegenüberstellung des De- und Offensiven die Sache nicht genau ausdrückt, obgleich ich mit Dir nicht ganz darin übereinstimme, wenn Du sagst, dies gebe höchstens die Form ihres Verfahrens an, wahrend die Verschiedenheit ihrer Sünresart hiermit nicht angegeben wäre. Wenn auch dieser Tadel insofern begründet ist, als die angegebenen Worte dies ausdrncken, so läßt sich doch ganz leicht daraus die Sinnesart bestimmen; Maimonides hatte philosophische Begründung seiner Sache nöthig, denn so gebot es ihm sein streng philosophischer Geist, und mußte daher ein religiös-systematisches Gebäude aufzustellen suchen, neben welchem kein anderes bestehen könne, Saadias wollte blos nichts aus der Philosophie dagegen eingewandt haben, da der Glaube an das Judenthum bei ihm fest genug stand und er blos den' manchmal sich dagegen erhebenden Verstand sowohl seiner selbst als Anderer zu beschwichtigen suchen mußte, und dieses Alles, weil er kein systematisch in sich einiger Kopf war, wohl manches Verschiedenartige neben einander in sich bestehen ließ, wenn es nur nicht