Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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90 Jüdische Litteratnrbriefe. i. a, lieber Freund, Sie haben den wunden Punkt getroffen, cm dein das Herz des modernen Judenthums krankt. Und auch darin haben Sie Recht, dasz gerade an diesem Punkte eine kühne und schnelle Operation erfolgen muß, wenn nicht Alles zu Grunde gehen soll. Die Theilnahmslosigkeit der modernen Juden, und zwar der gebildeten zumeist, an den Kultur- und Litteratnrbestrebungen ihrer Glaubensgenossen ist in der That der wundeste Punkt in unserem Genleinschaftsleben. Aber Sie haben Unrecht darin, daß Sie diesen Fehler blos den modernen Juden znschreiben. Lesen Sie doch die delitschen litterarischen Zeitschriften, und Sie werden dort die ständige Klage finden, daß die Deutschen keine Bücher lesen Mld noch weniger solche kaufen. Ja, selbst die Franzosen, welche man lange Zeit immer als Mllster und Beispiel einer Bücher kaufenden Nation aufgeführt hat, haben in den letzten Jahren einen großen Verlegerkrach erlebt. In Amerika ertönt dieselbe Klage w>e in Deutschland. Kurz, die ganze Welt hallt wieder von dieser Klage, und es wäre ungerecht, öie Juden allein deshalb zu beschuldigeil. Die Zeitung hat das Buch verdrängt. Der Malln, der im Getriebe des Lebens steht, findet Tags über kaum Muße geillig, lim seine Zeitung dnrchzlilesen. Ulld iu dieser Zeitnllg silidet er alles, was in Kunst, Litteratlir nnö Wissenschaft vorgeht, hübsch beisammen. Bei unseren Glaubensgenossen liegt die Sache insofern freilich anders, als sie, d. h. in ihrer überwiegenden Majorität, leider auch keine jüdischen Zeitschriften lesen. Also weder eine Zeitung lioch ein Buch! Ja, ich habe jüdische Familieil kennen gelernt, die nicht einmal eine Bibel besaßen. Da klingt es wirklich fast wie eine Ironie, wenn man liest, daß die alten mnhammedanischen Schriftsteller die Judeir einst „das Volk des Buches" genannt haben. Sie waren aber auch einmal das Volk des Buches. Und nicht blos einmal, sondern das ganze Mittelalter hindurch, unter den größten Schwierigkeiten und Entbehrungen. Wir besitzen leider keine Statistik darüber, lvie viele Bücher die Juden früher gekauft haben, aber Anhaltspunkte für eine solche Statistik ließen sich wohl geben. Die Geschichte der vielen jüdischen Druckereien in allen Ländern Europas, seit Erfindung der Buchdruckerknnst, wäre ein interessanter Beleg zu diesem Kapitel; nur für die Hälfte eines Jahrhunderts und nur für ein Land — nämlich für Oesterreich — werden folgende Zahlen angegeben: Nach authentischen Berichten wurden damals alljährlich allein von den Juden Oesterreichs Talmude für 40 000 Gulden, Werke, die in dies Studium einleiteten, für 56 000 Gulden, Religionsbücher für 60 000 Gulden, Andachis- und Gebeibücher für 70000 Gald-ri), Bibeln für 40 000 Gulden, exegetische Werke für 18 000 Gulden gekauft. Und in einem Zeitraum von 250 Jahren steter Verfolgungen wurden von den drei bis vier Millionen Mitgliedern verarmter, zersplitterter und bedrängter Judengemeinden mehr als 6000 verschiedene Druckwerke hergestellt und verbreitet. Solche' Zahlen reden eine deutlichere Sprache als die eingehendsten Untersuchungen; sie sind charakteristisch für das allgemein rege geistige Leben jener Zeiten; sie sind ehrend für unsere alten und beschämend für unsere modernen Inden. Woher kommt rum dieser Jndiffereutismns unserer Generation gegenüber dem jüdischen Schriftthum? Außer den allgemeinen Ursachen, die in der Zeit liegen, ließen sich noch manche besonderen Gründe anführen, deren Erörterung vielleicht nicht ganz ohne Nutzen wäre. Ich will heute nur einen Punkt berühren, hoffe aber im Verlaufe unserer Unterhaltungen noch manche anderen Momente anführeu zu können, die diesen Jndifferentismus erklären, vielleicht auch manche, die ihn beseitig?n könnten. Die Wissenschaft des Judenthnms hat in diesem Jahrhundert eine wunderbare Renaiffance erlebt. Nur Sachkenner sind in der Lage, zu beurtheilen, was auf diesem Gebiete allein in der Zeit von 1820 bis 1870 geschaffen wurde. Und diese Arbeit mußte sozusagen ab 000 beginnen, da es an Vorarbeiten so gut wie gänzlich fehlte. Für jeden einzelnen Zweig dieser Wissenschaft mußten erst die Grundlinien gezogen werden, dann mußte die Kleinarbeit beginnen. Das dauerte länger als ein halbes Jahrhundert. Die Wissenschaft des Jndenthruns nimmt nunmehr eine Achtung gebietende Stellung ein; sie hat mehr geleistet und geschaffen, als ihre Feinde auch nur zu beurtheilen vermögen. Aber ein Moment ist bei dieser Riesenarbeit, bei all diesen Forschungen und Untersuchungen unberücksichtigt geblieben: die Bildung des Volkes. Wir haben keine jüdische Volkslitteratnr, wir haben keine Jugendschriften, wir haben keine populären Werke, ans denen der gebildete Jude sich Aufklärung holen könnte, über den Inhalt und die Bedeutung seiner Religion, über den Verlauf seines Geschichtslebens, über den Werth des alten Geisteslebens. Ludwig Philippson tvar der Erste, der diesen Mangel erkannt und ihm nach Kräften abzuhelfen versucht hat, Geiger, Sachs, Graetz, Kayserling n. a. tarnen ihm dabei zu Hilfe. Aber mit dem Tode Philippson's hatten diese Bestrebungen ihr jähes Ende erreicht. Seither ist so gut wie nichts für die Volkslitteratnr geschehen. Ja noch mehr. Die Wissenschaft schließt sich in den letzten Dezennien ziemlich eigensinnig und noch strenger als vorher von aller Berührung mit dem Volke ab. Ein wissenschaftliches Werk erscheint heute um so gelehrter, je weniger verständlich es ist, und ein Ballast von Citaten und Noten versperrt schon von vorherein dem Eindringenden den Weg in ein solches Werk. Der große Gedanke, daß die Wissenschaft um ihrer selbst willen da sei. schließt doch keineswegs den Gedanken aus, daß ihre Früchte und Resultate auch dem Volke Nutzen bringen sollen. Dafür scheinen aber viele unserer Gelehrten gar kein Verständnis; zu haben. Ich kenne einen hervorragenden Gelehrten — Gott erhalte ihn uns noch lauge! — der jeden populären Schriftsteller auf diesem Gebiete wie einen Verbrecher behandelt. Ein solches Beispiel wirkt natürlich nach, und die jüngeren Gelehrten fürchten fast nicht für voll gehalten zu werden, wenn sie allgemeinverstündlich schreiben. Und doch haben einzelne Forscher vor allem als klassische Muster Steinthal und Lazarus, sodann aber auch Fachgelehrte, wie Joel, Kaufmann, Güdemann u. a., gezeigt, daß man sehr wohl verständlich, sogar schön schreiben könne, ohne seiner Wissenschaft auch nur das Geringste zu vergeben. Ja, in der allgemeinen Wissenschaft ist dieser Grundsatz längst anerkannt worden; nur in unseren Kreisen ist eine solche Erkenntniß noch nicht zum Durchbruch gelangt. Ein einziges Buch, das im Vorjahre erschienen, die Schrift von Prof. Lazarus über den Propheten Jeremias, könnte nach dieser Richtung als edles Muster und als schönes Vorbild dafür gelten, wie man die höchsten Forderungen der Wissenschaft mit der feinsten Rücksicht ans die Bedürfnisse eines größeren Leserkreises sehr wohl vereinigen könne. So lange wir aber keine Volkslitteratnr besitzen, die die mühsam errungenen Resultate der strengen Wissenschaft weiteren Kreisen zugänglich macht, vor allem aber, so lange wir keine würdige Jugendlitteratnr besitzen, die vernehmlich zu dem Geiste und dem Herzen unserer Kinder spricht, so lange ist auch keine Aussicht auf Beffernug vorhanden. G. K.