Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- Seite 89 (sequence 5)
- Language
- German
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89 anszuschließen wären, wenn diese Grundsätze maßgebend würden, ja, das; die Durchführung dieser Grundsätze zu.einer eingehenden Prüfling der Anschauungen jeder einzelnen Lehrkraft führen müßten; sodann gehört eine eingehende Erörterung über jbic Allsbreitung und Bedeutung des Christenthums nicht in ben geschji ch tli-chen, sondern in den christlichen Religionsunterricht; was schließlich die Darsteüung der Geschichte der Kreuzzüge betrifft, so wird sie voll jeder gewissenhaften und gut vorgebildeten Lehrkraft in der Form erfolgen, wie sie durch die Arbeiten Wilkell's, Sybel's und Kngler's festgestellt und in die neueren Lehrbücher für ben Geschichtsunterricht Eingang gefunden hat. Ob es aber „im Jilteresse der jüdischeil Lehrkräfte" liegt, sie von dein Unterricht in einzelneil Fächern allszuschließen, darüber hat sich u. a. die „Wissenschaftliche Bereinigung jüdischer Schulmänner" zu Berlin in ihrer Petition vom 5. November v. Js. klar uiib deutlich ausgesprochen, namentlich soweit die Beschränkung den geschichtlichen und deutschen Unterricht betrifft: „In gleicher Weise wie Misere christlichen Kollegen vorgebildet," — heißt es in der Petitioil — „voll den gleichen ethischen Idealen erfüllt, haben wir niemals andere Ziele in den einzelnen Unterrichtsgegenständen gekawit als diejenigen, die sich aus der pädagogischen Forschung ergebeil haben und von den hoheil Behörden in ben Unterrichtsplan ausgenommen worden sind. Jnsbesoildere silchteii lvir, ebenso wie die anderen Lehrer, durch den Ullterricht in der Geschichte in den Kindern das Berständiliß der Gegenwart zu erschließen, sie mit Liebe zu unserem erhabenen Herrscherhause zu erfüllen llild auf das kindliche Gemüth sittlich veredelnd einzuwirken, indem wir die Jugend mit der allmäligen Entwickelung des Menscheilgeschlechts linier der erziehenden Hand Gottes bekannt machten. — Wie unsere Kollegen suchten wir durch die deutsche Lektüre die Schüler und Schülerinnen mit einer Anzahl der besten Spracherzeugnisse der deutschen Litteratur vertraut zu machen und sie auf die Werthschätznng und Pflege der Güter und Gaben, die Gott unserer deutschen Nation verliehen hat, hinzmveisen. Wir wußten uns in diesen unseren Bestrebungen in voller Uebereinstimmuug mit den „Allgemeinen Bestimmungen" vom 15. Oltober 1872, die ausdrücklich die Sprachstncke konfessionellen Inhalts in den Netigionsunterricht verwiesen und gerade in der deutschen Lektüre eine gemeinschaftliche Grundlage für die nationale Erziehung der deutschen Jugend zu schaffen sich bemühten (No. 26)." Wir sind mit unseren Betrachtungen zu Ende. Die Verfügung des königlichen Provinzialschulkolleginms vom 29. Januar — das muß für jeden Borurtheilslosen aus unseren Bemerkungen hervorgehen— ist mit der Gleichberechtigung aller Deutschen, wie sie durch die Verfassung gewährleistet ist, nicht verträglich; ebensowenig läßt sie sich mit dem Ministerialerlaß vom 8. Juli 1875, der in dem Reskript des Herrn Kultusministers vom 27. Dezember v. Js. als „maßgebend" bezeichnet wird, vereinbaren. In der schweren Zeit, die durch diese Verfügung über die jüdischen Lehrkräfte hereingebrochen ist, werden diese zwar nachdrücklich gegen jede Verkümmerung ihrer Rechte Verwahrung einlegen, aber nach wie vor ihre Pflicht erfüllen; bei der unverminderten Liebe zum Vaterland, bei der unwandelbaren Treue im Dienst wird und muß auch für sie der alte Wahlspruch unserer Hohenzollern zur Geltung kommen: „Simm cuique!" Aus Oderschlefien. Von einem Eingeweihten. f er vor Kurzem von Ihrem geschätzten Blatte gebrachte, mit warmem Herzen geschriebene Aufsatz über das in Rybnik bestehende Waisenhaus erfordert doch eine Ergänzung, zu der wir uns nur deshalb entschließen, weil wir hoffen, daß das gute Beispiel, von dem wir berichten wollen, mit Gottes Hilfe Nachahlner finden werde. Daß die Errichtung eines Waisenhauses der Initiative des Oberschlesischen Synagogen-Gemeinde-Verbandes entsprungen ist, ist zweifellos. Bei allem Verdienst, das sich der Verband hinsichtlich der Förderung der Kultur unter den Juden in den entlegensten, auf Landkarten nicht auffindbaren Dörfern und Dörfchen durch Anstellung und Besoldung von Wanderlehrern erwirbt, endlich durch die stete Fürsorge um die Unterbringung der Waisen in der von ihm errichteten Anstalt, muß doch darauf hingewiesen werden, daß das geplante Werk nach menschlicher Berechnung erst in Jahrzehnten seiner Ausführung entgegengereift wäre, da die Mittel'des Verbands allein bei weitem nicht gereicht hätten. Auch die Hilfe des verstorbenen Herrn Ferdinand Haase in Rybnik sollte erst nach dessen Tode eintreten. Da war es nun der in allen Fragen der Wohlthätigkeit mit Herz und Hand an erster Stelle stehende Herr Stadtrath Prager in Rybnik, der die überauswichtigeWaisenhausangelegenheit demZiele nahe brachte. Er wußte dem greisen Herrn Haase die Freuden zu schildern, die ihm erblühen würden, wenn er es mit ansähe, wie die unschuldigen Kinder — dem Elend entrissen — in gute Obhut gestellt würden. Und der gute Rath fand eine gute Statt: Herr Haase änderte jsein Testament, schenkte 20,000 Mk. und einen sehr geeigneten Platz mit der Bedingung, daß das von dem Oberschlesischen Synagogen-Gemeinde-Verband geplante Waisenhaus auf diesem errichtet werde. Mit Freuden ging der Verband auf dieses Anerbieten ein, und so kam das Waisenhaus nach Rybnik. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die da meinten: Die Eröffnung eines Waisenhauses in irgend einer anderen größeren Stadt Oberschlesiens hätte dem späteren Fortkommen der Zöglinge dienlicher sein können. Dem soll entgegengehalten werden, daß man für die Waisen auch in einer größeren Stadt nicht mehr leisten kann als in Rybnik geschieht. Die Leitung der Anstalt ist unausgesetzt bemüht, die Neigung der Kinder zu erproben und ihnen derart zu)Hilfe zu kommen, daß die Kinder beim Verlassen des Instituts ein klares Lebensziel vor Augen haben. So wird beispielsweise allen Zöglingen ein l and wirthsch östliches Interesse beigebracht durch Beschäftigung im Garten und Feld. Einige Knaben werden allwöchentlich einigemal von Handwerkern unterrichtet, und wieder aildere, geistig gut veranlagte Kinder, besuchen von Ostern an die höhere Knabenbezw. Töchterschule, dank des edlen Entschlusses einiger hochherziger Damen, die die Unterrichtskosten zu tragen sich erboten haben. Indes;, wenn auch für die untergebrachien Waisen aufszdenkbar beste Sorge getragen ist, noch harren ungefähr 60 Waisen der Aufnahme. Raum für alle hat das Haus, aber die Mittel nicht. Ein oberschlesischer Landsmann, Herr Ferdinand Schlesinger in Berlin, hat sich durch eine Spende von 10000 Mk. um seine engere Heimath verdient gemacht. Es leben aber noch viele Glaubensbrüder in Berlin und anderen großen Städten des weiten Deutschen Reiches, die in ihrer oberschlesischen Heimath ihr Glück begründet haben. An diese wenden wir uns nun nochmals mit der Bitte: Gedenket der zahllosen Waisen in Eurer Heimath: Oberschlesien