Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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befassen. Ein solcher Mann ist in unserer Gemeinde Herr Mühsam. Ein ausgezeichneter Mensch, ein begeisterter Jude, steht er bereits 33 Jahre an der Spitze der hiesigen Bezirks-Synagogen-Gemeinde und hat mährend dieser Zeit in derselben mit Umsicht und Energie, mit Liebe und selbstloser Hingebung eine Wirksamkeit entfaltet, die der hiesigen Judenheit für immer zum Segen gereichen wird. Die dankbare Gemeinde feierte darum den 13. v. Mts., an dem Herr Mühsam seinen siebzigjährigen Geburtstag beging, als einen Freudentag. Mußte auch wegen der Kränklichkeit des Jubilars jede offizielle Feierlichkeit unterbleiben, so wurde er doch sowohl durch ehrende Ansprachen und Adressen seitens des Herrn Rabbiner Blumenfeld und der Gemeindebehörden, als durch Ueberreichung von kunstvoll gearbeiteten Photographien, darstellend die innere und äußere Ansicht der wunderschönen hiesigen Synagoge, die ihre Erbauung und prachtvolle Ausstattung der unermüdlichen Thätigkeit des Herrn Mühsanr verdankt, ausgezeichnet. Möge der Himmel seine erschütterte Gesundheit wieoer Herstellen und ihn lange seines hohen . Amtes zum Heile der Gemeinde walten lassen. fg. Würzburg, 5. Februar. Die Israelitische Lehrerbildungs-Anstalt versendet den Rechenschaftsbericht über das 31. Jahr ihres Bestehens. Wie aus dem beigefügten Spendenverzeichniß ersichtlich ist, sind die Spenden im abgelausenen Jahre so reichlich eingegangen, daß nicht nur die laufenden großen Ausgaben gedeckt, sondern der Fonds der Anstalt vergrößert werden konnte. Die Anstalt steht nach wie vor unter Leitung des Distrikts--Rabbiners Nathan Bamberger, dem für die religiösen Disziplinen drei Seminarlehrer beigeordnet sind. Der Fachunterricht wird von mehreren Lehrern der hiesigen'städtischen Volksschule und der königlichen Realschule ertheilt. Bei Beginn des laufenden Schuljahres meldeten sich zum Eintritt in den ersten Kurs 14 Schüler, und zwar aus der Präparandenschule zu Burgpreppach vier und der zu Höchberg acht und aus der Talmud-Thora Schule zu Schwabach zwei. Im Ganzen hatte die Anstalt im abgelaufenen Schuljahr 30 Zöglinge, von denen einer freiwillig wieder austrat. Mit dem Schluffe des Schuljahres wurden zehn Zöglinge, welche die Austrittsprüsung am hiesigen königlichen Schullehrer-Seminar mit gutem Erfolg bestanden, in die Praxis entlassen. Die Zahl der seit dem Bestehen der Anstalt Ausgebildeten beträgt jetzt 266, die in den verschiedensten Gegenden Deutschlands und noch weiter hinaus wirken. II. Fürth, 8. Februar. Am Mittwoch, 5. d. Mts. feierte Justizrat h Gunzen Häuser hier seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlasse ließ ihin die israelitische Kultusgemeinde eine Dank- und Glückwunschadresse, ein kalligraphisches Meisterstück, in prachtvoller Mappe ruhend, durch eine Deputation überreichen. In der Adresse ist hervorgehoben, daß Gunzenhäuser seit Jahrzehnten als Vorstand der Kultusgemeinde sein vielseitiges Wissen und sein tiefes religiöses Gemüth in der uneigennützigsten Weise in deren Dienst jederzeit stellte. Eine Deputation des königlichen Landgerichts überbrachte die Glückwünsche dieser Behörde, eine weitere des freisinnigen Vereins gratulirte ihrem früheren vieljährigen Vorsitzenden und Leiter, eine fernere der Ludwigsbahn ihrem Verwaltungsmitgliede. Schriftliche Glückwunschschreiben langten an von dem geschästsführenden Ausschüsse des Landesausschusses der Deutschfreisinnigen Partei in Baiern, von der liberalen Fraktion der baierischen Abgeordnetenkammer, der er als Vertreter des Wahlbezirks Fürth von 1875 bis 1893 ununterbrochen angehörte, und von einer großen Anzahl'Privater. Möge dem Jubilar noch eine lange Reihe von Jahren in körperlicher Rüstigkeit und geistiger Frische beschieden sein! Oesterreich-Ungarn. Q Wien, 10. Februar. Die Szenen im Landtag spotten jeder Beschreibung. In der Sitzung vom 5. ds. beschimpfte Abgeordneter Gregorig, bei Besprechung einer Lokalbahngeschichte, den Abgeordneten Doktor Granitsch auf die unerhörteste Weise. Gregorig sprach unter Anderem von „Gaunern, die mau hinausschmeißen solle", und ein unerhörter Skandal entstand Der Landmarschall suspendirte schließlich die Sitzung. Die nächstfolgende Sitzung gab wieder dem Mechaniker Schneider und Genossen Gelegenheit, über die jüdischen Aerzte in ihrer bekannten Manier loszugehen. — In Wiener-Neustadt ist der bekannte antisemitische Agitator Franz Meitner, ein Badener Schuhmachermeister, der wegen Verbrechens des Betruges und der Wechselfälschung 3 - in kreis gerichtlicher Untersuchungshaft ist, von Tobsucht befallen worden. — Vorgestern ist hier der Professor der analytischen Chemie an der Technik, Dr. Rudolph Benedikt, im Alter von 44 Jahren gestorben. Professor Rudolph Benedikt hatte sich in der Gelehrtenwelt einen hervorragenden Namen erworben- Bereits im Alter von 38 Jahren erlangte er im Jahre 1890 die Professur und bekleidete in den Jahren 1893 und 1894 die Würde eines Dekans an der Technik. Er war der Schwager von Karl Emil Franzos. In gesellschaftlichen und Gelehrtenkreisen giebt sich -die regste Theilnahme an dem Hinscheiden des ausgezeichneten Gelehrten kund, der sich besondere Verdienste um die chemische Technologie erworben. Man verdankt ihm ein Handbuch der Chemie der künstlichen Farbstoffe und wichtige Studien über die Analyse der Fette und Wachsarten. Andere Arbeiten von ihm haben die Kalksacharate, das Phloroglucin, Phlorein, Haematein, die Azophenole, die Resorcinsarbstoffe, das Hydrochinon, Morin, Liguin u. a. m. zum Gegenstände. Viel bemüht hat sich Benedikt darum, die Grundbegriffe die Chemie weiteren Kreisen in gemeinverständlicher Form zu überliefern. — Ferner ist am 4. d. M. der Abgeordnete Heinrich Popper, Vertreter der Czeri! nutzer Handels¬ und Gewerbekammer, im Alter von 54 Jahren gestorben. Bei der Beerdigung, die vorgestern stattfand, hielt Dr. Güdemann dem Verblichenen einen warm empfundenen Nachruf. Heinrich Popper stand seit 1868 an der Spitze einer von der Galizischen Aktien-Hypothekenbank errichteten Filiale in Czernowitz. Im Jahre 1877 wurde er -um Vorstande der Frucht- und Produktenbörse in Czernowitz gewählt; er hat sich auch um den Bau mehrerer Bukowinaer Lokalbahnen verdient ge.nacht. Seit 1879 war Popper Mitglied der Bukowinaer Handelskammer. Von dieser Körperschaft wurde er im Jahre 1884 in den österreichischen Eisenbahnrath und 1885 in den Reichsrath gewählt. Er schloß sich dort der liberalen Partei an und war ein überzeugungstreues, eifriges Mitglied derselben. Rednergabe besaß er nicht, er sprach selten und nur dann, wenn ihn ein besonderes fachliches Interesse oder lokale Wünsche dazu veranlaßten. Als Eisenbahnfachmann war er sehr geschätzt; er gehörte auch dem Eisenbahnausschusse an und hat eine Reihe von Referaten mit der bei ihm gewohnten Gründlichkeit ausgearbeitet. Persönlich war Popper bei Allen, die ihn kannten, beliebt; er war eine friedliche, gutmüthige Natur, der alles Gemeine zuwider war. — Schließlich ist auch in dieser Woche einer der Mitchefs der bekannten Firma Jakob und Joseph Kohn, Herr Adolph Kohn, hier im Alter von 76 Jahren gestorben. Der Verblichene, ein hochgebildeter Mann, der sich am politischen Leben aus das Regste betheiligte, war eiuer der hervorragendsten Industriellen Mährens und hat namentlich in der Gegend von Wsetin großartige Fabriken zur Erzeugung von Zündhölzchen und von Möbeln aus gebogenem Holz ins Leben gerufen. Frankreich. igg Paris, 8. Februar. Ueber einen antisemitischen Skandal wird von dort berichtet: Im Verein für sozialen Fortschritt war für gestern Abend in einer von dem berühmter! Natio.ralökonomen Leroy- Beaulieu präsidirten Versammlung ein Bortrag des Professors Raphael Georges Levy über das mobile Vermögen in Frankreich angekündigt. Da Levy Jude ist, verabredeten die Antisemiten, den Vortrag zu stören. Man sah unter ihnen auch einige Frauen und Priester, welche „Nieder mit den Juden!" riefen und ein antisemitisches Lied intonirten. Der andere Theil der Zuhörerschaft rief „Nieder mit den Jesuiten!" Dann wurde von beiden Seiten gezischt und gepfiffen. Der Tumult dauerte fünf Minuten. Mit Mühe verschaffte sich der Vorsitzende Leroy-Beaulieu das Wort. Er sagte unter Anderem: Wir bitten die Ruhestörer, welche behaupten, Franzosen zu sein, sich etwas französischer durch ihre Lebensart zu zeigen. (Erneute Rufe: Nieder mit den JudenM Gegenrufe: Nieder mit den Jesuiten!) Leroy-Beaulieu: Ich werde nie zugeben, daß man eine ganze ethische oder religiöse Gruppe im Namen einer Rassentheorie wegen einer Art von Abstammungssünde verurtheile, die ich in keinem Katechismus finde. Das ist unmoralisch, unchristlich und unfranzösisch. Die Rede wurde durch einen neuen Tumult unterbrochen, und es entstand eine Balgerei. Man schwang Stöcke und hieb auf einander los. Ein junger Mann erhielt hierbei einen Hieb auf den Kopf, blutete, und wurde endlich von seinem Bruder befreit und hinausgeführt. Die beiden jungen Leute sind royalistische Antisemiten Namens Duchemin; der Verletzte ist Rechtshörer. Leroy-