Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Beaulieu setzte nun seine Mahmvvrte an die Antisemiten fort. Er sagte: Ich weiß nicht, ob Sie als Christen oder Franzosen hier so unzukömmliche Szenen aufführen. Sie'entehren sich! Der Geist des Evangeliums ist der Geist des Friedens und der Milde. Es scheint, .daß moderne Doktoren dies Alles geändert haben. Sie berauben das Christenthum seiner Krone, indem Sie es der Barmherzigkeit berauben. Euer Antisemitismus; ist auch entgegen dem französischem Geiste, dem Geiste der Humanität, Toleranz und Freiheit. Eure Doktrin ist geradewegs aus Berlin gekommen, Ihr seid Zöglinge Stöcker's. (Ein Theil des Saales applaudirt und ruft: Es lebe die Freiheit! Die Antisemiten zischen und lassen Drumont hoch leben) Als nunmehr Professor' Levy seinen Vortrag beginnen wollte, stürmten die Ruhestörer unter unbeschreiblichem Lärm gegen die Estrade los, und der Kommissär äußerte dem Vorsitzenden gegenüber' den Wunsch, die Sitzung aufzuheben. Aber Professor Levy fand das heitere Auskunftsmittel, den Vortrag im engeren Kreise ernster Zuhörer, die sich um ihn geschaart hatten, im Konversationstons abzuhalten. Die Zuhörer applaudirten, die Wnth der Antisemiten wurde hierdurch umsomehr gesteigert und es drohte eine neue Keilerei. Man schwang die Stöcke, diesmal aber wurde Niemand verletzt. Die Ruhestörer riefen: „Er wird nicht sprechen"; aber Levy entgegnete ihnen: „Doch, doch, ich werde sprechen! Ich war Feldwebel im 7. Jägerregiment und bin nicht so leicht zu entmuthigen." Er hielt auch wirklich seinen Vortrag zu Ende. In Anwesenheit zahlreicher Wachmannschaft verließen die Zuhörer den Saal ruhig, aber antisemitische Gruppen exzedirten johlend noch eine Weile auf der Straße. Amerika. C. H. New-Aork, in: Januar. Ahlwardt hat, soweit man aus seinen bisherigen Erfolgen Schlüsse ziehen kann, ein klägliches Fiasko gpmacht. In Brooklyn hat sein Impresario einen Saal unter dem Vorgeben eines jüdischen Vortrages gemiethet. Als der Pächter aus der Zeitung erfuhr, daß Ahlwardt diesen jüdischen Vortrag halten wollte, weigerte er sich, das Lokal zur Verfügung zu stellen,., wofür Ahlwardt ihn auf Schadenersatz verklagen will. Der angekündigte Bortrag wurde in dem benachbarten Jersey City gehalten und war nur von 125 Personen besucht. — Einzelne antisemitische Aeußerungen kommen auch hier in der Presse vor. Sv schreibt ein Feuilletonist in den: „Chicagoer Times Herald": Eine traurige Erscheinung in den südlichen Städten ist der stetige Zufluß jüdischer Bevölkerung. Der Jude schwingt sich rasch zum Herrn des Negers empor, und in vielen Fällen sind seine Methoden grausamer als die Peitsche des Sklavenhalters. Der einfältige Schwarze wird seine unsterbliche Seele für einen Vorschuß von ein paar Dollars verpfänden und wehe ihm, wenn der Tag der Abrechnung kommt. — Von Neuem wird, wie schon oft, der aussichtslose Versuch gemacht, den Glauben an „den Herrn Jesus Christus, als den Herrn der Nationen" in die Einleitung zu der Konstitution der Vereinigten Staaten zu interpoliren — In Baltimore wurden ein jüdisches Arbeitsnachweisungsbüreau und eine mit einen: Kindergarten verbundene Krippenanstalt gegründet. In der letzteren wird, um den Benutzern das Bewußtsein, daß sie Empfänger eines Almosens seien, zu ersparen, ein Cent per Tag für den Kindergarten und drei Cents für die Pflege der Kinder berechnet. — Herr Adolph Sutro, Mayor von San Francisco, veröffentlicht die Erklärung, daß er der Heilsarmee nicht als Mitglied beigetreten sei, sondern nur deren Wohlthätigkeitsfonds einen Beitrag gegeben habe. — Dem Kongreß: der Vereinigten Staaten liegt ein Antrag des Abgeordneten Frye vor,; den Sonntag als einen gesetzlichen Tag religiöser Feier zu erklären.' Auch dieser Antrag hat nicht die leiseste Aussicht auf Annahme. — Herr^ Max I. Köhler, Sohn des New-Iorker Rabbiners Dr. Köhler, ist' zum Assistant. vistriet Attorney (Staatsanwaltssubstitut) des südlichem Distrikts von New-Jork ernannt worden. — Die Erben des; verstorbenen Jacob Ottenheimer in New-Iork haben dem Wunsche' des Verstorbenen entsprechend ein Grundstück im Ausmaße von fünfzig; Acker (20 Hektar) für eine jüdische Sommerschule gestiftet. Das Grundstück ist in einem herrlichen Park an dem See Tamanend in der Graf-; fchaft Pike in Pennsylvanien gelegen. Bedingung ist. daß die nöthigen- Gebäude in: Laufe der nächsten zwei Jahre errichtet werden. Dr Gottheil in New-York hat zum Zwecke der Beschaffung der nölhigen Mittel eine Versammlung einberufen, die im Laufe des Monats Dezember in: Tempel Emanuel tagen soll. Usn Nah und Fern. — Der Reichstag hat dem Ansuchen des Abg. Bindewaldt widerspruchslos zugestimmt, das gerichtliche Verfahren gegen den Abg. Hirsche! wegen des von demselben herausgegebenen Flugblattes „Kaust nicht bei Juden" während der Dauer der Session einzustellen. — Der Fabrikbesitzer Julius Marlin Friedländer Hierselbst ist zum Kommerzienrath ernannt worden. — Das Ahlwardt-Böckel-Bodecksche Organ Deutsches Volksrecht ist nunmehr eingegangen. Auch der „Deutsche Gastwirth" hat es nicht länger halten können. Den „noch verbliebenen kleinen Abonnentenstamm" versucht Herr v Mosch in Hamburg für seine „Reform" anznwerben. — Ein hervorragender Agitator der sächsischen Konservativen, ein Kämpfer für Religion, Sitte und Ordnung. Freiherr von Schorlemer, ist wegen Wechselfälschungen, deren Gesammtbetrag sich auf SO 000 Mark belaufen soll, in Großenhain verhaftet worden. Er ist schon vor einiger Zeit durch Ehrengerichtsbeschluß aus dem Offizierkorps ausgeschlossen worden. — Bei der unter Borsitz des königlichen Regierungskommissars Landrath Dr. Meister stattgehablen Wahl eines ersten Vorstehers bis Ende Juni 1900 in Homburg v. d. H wurde mit 38 von 49 abgegebenen Stimmen "d^r Stadtverordnete Eduard Emmerich an Stelle des verstorbenen Wolf Ackermann gewählt. — Die Kultusgemeinde zu Waid Hofen a. d. Thaya hat Herrn Dr Kahan aus Leipzig einstimmig zum Rabbiner gewählt. - Dr. M. Le wir:, ein Zögling der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, ist zum Rabbiner in Grodno gewählt worden. — Die rumänischen Behörden haben das Ausweisungsedikt gegen den Redakteur des „Eve>:i:nentul", M. Honigmann in Jassy, nunmehr zurückgenommen. — Das französische Rabbinat hat seinen Doyen verloren. Rabbiner Moses Dürkheim, der in Epinal mehr als ein halbes Jahrhundert gewirkt, ist daselbst in: Alter von 94 Jahren gestorben. — Bei der Verleihung der Weill'schen Tngendpreise in Elsaß-Lothringen wurden ausgezeichnet: Frau Braun-Kaln: in Brumath, Frau Jonas Bollack in Weißeuburg, der Kultusbeamte Frank in Nieder bagenthal, Frl. Mathilde Geismar in Türkheim, sowie die Wittwen Raphael in Mittelbrunn und Aaron in Groß-Elmingen. — Der Oberrabbiner von Rom, Dr. Moses Ehrenreich, hat wegen seines hohen Alters sein Amt niedergelegt. In Anerkennung seiner Verdienste um die Genieinde wurde er zum Ehren-Oberrabbiner ernannt. — Der neue italienische Generalkonsul in London hatte jüngst in Rom eine Privataudienz beim König von Italien, der denselben sehr freundlich und leutselig aufnahm. Mr. Joseph Sebag-Montefiore ergriff die Gelegenheit, um dem König für seine humanen Gesinnungen gegenüber den Juden in Italien zu danken. Darauf antwortete der König: „Haben wir nicht alle einen und denselben Gott?" Der König fügte hinzu, daß die Ernennung Montefiore's als Generalkonsul in London überall sympathisch begrüßt worden ist. — Während der Unruhen in Zeitun haben die Führer der Armenier den Juden die Versicherung gegeben, daß ihr Leben, ihre Ehre und ihr Eigenthum vollständig unangetastet bleiben sollen. Die Zusage wurde auch während der ganzen Zeit streng innegehalten. Der armenische Klerus schärfte den Aufständischen besonders scharf ein, gegen die armenischen Juden nichts zu unternehmen. Es verdient dabei besonders erwähnt zu werden, daß viele armenische Kinder die Schulen der Alliance in der Türkei besuchen. — Der „Cape Argus" vom 10. v. Mts. bringt ein Interview mit M. Cohen, Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu Krügersd orp, über die letzten Unruhen in Transvaal. Herr Cohen ist einer der angesehensten Männer der Stadt, während der letzten Krise verhielt er sich als persönlicherFreund des Präsidenten Krüger streng neutral. Um Neujahr machte er einen Besuch in Johannesburg, und auf der Rückreise wurde er von den Boers gefangen genommen und verhaftet. Er brachte eine Nacht im Gefängniß zu unter dem falschen Verdacht des Verraths und stand in Gefahr, erschossen zu werden. An: andern Morgen wurde er jedoch auf Intervention von englischer Seite mit seinem Bruder, I. Fr. Cohen, aus der Haft entlassen. Mr. Cohens Gesundheit hat durch diese Affaire sehr gelitten, und er ist nach England abgereist, um seine Ansprüche gegen das Boersgouvernement geltend zu machen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauch Witz ln Berlin.