Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Nr. 7. Werra ge (Berlin, 14. Mrnar 1896. zur „Akkgernsrnen Zeitung öes IuöenLHunrs". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. B. Berlin, 11. Februar. In feierlichster Weise fand am Montag Abend im Sitzungssaal der jüdischen Gemeinde die Einführung der neu-, bezw. wiedergewählten Repräsentanten, sowie deren Steüverteter statt. Ein Vertreter der Polizeibehörde, wie das in früheren Jahren üblich, war dieses Mal nicht erschienen, sondern die Einsührung und Vereidigung wurde rach dem neuen Statut durch den Vorsitzenden des Vorstandes, Herrn Justizrath Meyer, vorgenonunen. Zuvor hielt derselbe an die Gewählten eine längere und sehr bedeutungsvolle Ansprache. Eingangs derselben hob er hervor, daß der Amtsantritt der Herren Repräsentanten in eine hochbedeuisame Zeit falle. Soeben sei das revidirte-L^atut der Gemeinde ins Leben getreten, und dadurch vielen Streitfragen ein Ende bereitet. Namentlich sei das Wahlgeheimniß jetzt gesicherter als früher. Was dagegen die Berechtigung zur Ausübung des Wahlrechts anbelange, so schwebe die Frage infolge des bekannten Prozesses gegenwärtig beim Oberverwaltungsgericht. Aber die Vorgesetzte Behörde habe die alten Bestimmungen aufrecht erhalten wollen. Das neue Statut sei also auch nicht vollkommen. Gerade zugleich mit der Bestätigung des Statuts durch das Oberpräsidium sei vom Polizeipräsidium eine Zuschrift eingelangt, die sich mit den Wahlsormalitäten beschäftigt, welche vielfach unpraktisch seien, und statt der bisherigen Zählung durch freiwillige Skrutatoren eine solche durch Beamte vorschlägt. Den nicht wiedergewählten Herren spricht der Redner alsdann Dank und Anerkennung aus für die der Gemeinde geleisteten treuen Dienste mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß dieselben auch ferner ihr Interesse der Gemeinde bewahren würden. Mit Nachdruck wendet sich der Redner sodann gegen die von einer Seite erhobene Bermuthung, nach stattgehabter Wahl würde er und seine Kollegen ihre Aemter im Vorstand niederlegcn. Ihm wie seinen Kollegen liege ein solcher Gedanke durchaus fern. Nur auf . der Grundlage Des Friedens zwischen Vorstand und Repriäsentauz sei eine gedeihliche Verwaltung möglich. Der Berührungspunkte feien ja doch viel mehr als der trennenden. Ein Stillstand in der Arbeit sei nicht zu befürchten. Die neugewählten Herren aber möchten beherzigen, daß vom Standpunkt der Kritik aus leicht zu rathen sei; die Dinge gewinnen aber sofort ein anderes Ansehen, sobald man selber in verantwortlicher Stellung mitzuarbeiten habe. Es gebe hier keine Reaktionäre in dem Sinne, den man gewöhnlich damit verbindet. Schön wäre es ja, wenn man das alte patriarchalische Leben wieder führen könnte, aber das seien ideale Träume. Das Leben verlange seine Rechte und wir müßten dafür sorgen, daß auch in dieser neuen Zeit unfern Bindern und den kommenden Geschlechtern das Judenthum erhalten werde. Der Redner behandelte alsdann das religiöse Leben in der Gemeinde. Es müsse alles daran gesetzt werden, namentlich die Jugend im Glauben der Väter zu erhalten. Nicht aber dürfe man den Wagen zurückschieben, sondern dem Geiste der Feit Rechnung tragen. Wo ein Bedürfniß nach religiöser Unterweisung vorhanden sei, müsse man darnach trachten, dasselbe zu befriedigen. Für unsere Frauen und Kinder, die nicht mehr der hebräischen Sprache mächtig sind, seien synagogale Einrichtungen uothwendig, die für dieselben eine Theilnahme am Gottesdienst ermöglichen. Was nun die Aufgaben anbelange, die in nächster Zeit der Erledigung harren, so stehe die Rabbiuerwähl im Vordergrund des Interesses. Als uothwendig bezeichnet Redner die Wahl eines Rabbiners, der seiner religiösen Richtung nach fehlen Extremen huldige, dabei bei hervorragendem religiösen und profanen Wissen über eine reiche rhetorische Begabung verfüge. Die Wieder Vereinigung der Resormgemeinde mit der Hauptgemeinde sei eine zweite, schon in nächster Zeit zu erledigende Frage Die Gemeinde müsse Raum für alle religiösen Richtungen haben, und darum hoffe er, daß sie auch der Reform ihr Recht werde angedeihen lassen. Ja, er sei überzeugt, daß mit der Zeit auch die orthodoxe Separatgemeinde wieder in den Schoß der Hauptgemeinde zurücklehren werde. Vorzüglich bewährt habe sich die Einrichtung der Jugendgottesdienste. Es werde demnächst eine Agende für den Jugendgottesdienst an den Festtagen vorlegt werden. In der Frage der Wohlthätigkeit sei dringend zu prüfen, ob eine solche ausgeübt werden dürfe ohne Rücksichtnahme auf den Etat der Gemeinde. Zum Schluß richtet Herr Justizrath Meyer noch eindringliche Worte an die Neugewähllen des Inhalts, keinerlei Einflüsse von außen auf sich.einwirken zu lassen. Der Schwerpunkt liege in diesem Saal und nicht in den Debatten der Vereine, die sich mit Wahlangelegenheiten befassen. Hierauf erfolgte in der üblichen Form die Verpflichtung der neugewävlten Repräsentanten durch Handschlag an Eidesstatt. Herr Löwenberg übernahm sodann als Alterspräsident den Vorsitz, um die Wahlen zu leiten Zum ersten Vorsitzenden wurde wiederum einstimmig Herr Landsberger gewählt, zum ersten Stellvertreter Justizrath Dr. Ti kt in, zum zweiten Stellvertreter Herr G. Löwenberg, zum ersten Schriftführer Geheimrath Marcuse, zum zweiten Schriftführer Herr S. Le ichte ntritt. Zu Mitgliedern des Ausschusses für Steuer-,Etats- und Rechnungswesen wurden gewählt: die Herren Joseph Fräntel, G. Löwenberg, M. Manheimer, Geheimer Sanitätsrath Dr. Marcuse, Leonhard Sachs, Louis Sachs, L. Sieskind, Martin Simon, Stadtrath Dr. Weigert. Zu Mitgliedern des Ausschusses für Revisionsangelegenheiten: die Herren Professor Dr. Baginsky, I. Bodenftein, Sanitätsrath Tr. Jastrowiiz, S. Leichtentritt, Rudolf Masse, I. Oppenheim, Leonhard Sachs, L. S §kiud, M. Simon. Zu Mitgliedern des Ausschusses für allgemeine Angelegenheiten: die Herren Sanitätsrath Dr. Blumenthal, I. Bodensteiu, Geheimer Sanitätsrath Dr. Kirstein, Prof. Dr. L. Lewin, Geheimer Sanitätsrath Dr. Marcuse, Rudolf Masse, I. Oppenheim, Leonhard Sachs, Geheimer Medizinalrath Professor Dr. Senator, Justizrach Dr. Tiktin. Zu Mitgliedern des Petitions- Ausschusses: die Herren Professor Dr. Baginsky, Sanitätsrath Dr. Blumeuthal, Geheimer Sanitälsrath Dr. Kirstein, G. Löwenberg, Stadtrath Dr. Weigert. Ferner zum Mitglieds der Schätzungskommission an Stelle des Herrn Heilmann, Herr Löwenberg, zum Mitgliede des Kuratoriums des Reichenheimschen Waisenhauses an Stelle des Herrn Dr.. Boas Herr Dr. Marcuse, zum Mitgliede der Bau-Kommission an Stelle des Herrn Löwe Herr Leichtentritt, zum Mitgliede der Kommission für Festgottesdienste an Stelle des Herrn Dr. Boas Herr Dr. Kirstein, zu Mil fliedern der Kommission zur Beschaffung des Koscherfleisches an Stelle des Herrn Heilmann die Herren Bodenstein und Sieskind, zu Mitgliedern der Kommission zur Subventionirung von Religionsvereinen an Stelle des Herrn Heilmann sowie des aus diesem Amte ausscheidenden Herrn Manheimer die Herren Sanitätsrath Dr. Jastrowitz und Professor Dr. Lewin. Damit war die Tagesordnung der ersten Repräsentantensitzung in diesem Jahre erledigt. L2 Berlin, 11. Februar. Gestern Abend fand die fünfte der „Montagsvorlesungen" im Saale der Gesellschaft der Freunde statt. Herr Dr. N. Samter sprach über „Judenthum und Griechenthum". Der interessante und geistvolle Vortrag wurde von dem zahlreich versammelten Publikum mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Der Vortragende führte elwa Folgendes aus: Juden und Griechen sind diejenigen Völker, welchen die Menschheit am meisten verdankt; erstere haben der Welt den Monotheismus, letztere Kunst und Wissenschaft gegeben. Die Juden haben eifrigst die „griechische Weisheit" ausgenommen, aber ffie mußten bald die Erfahrung machen, daß dieselbe gar oft dem väterlichen Glauben gefährlich werde. Nach dem Eintreten in das moderne Kulturleben zeigte sich dieser Konflikt zwischen Glauben und Wissenschaft von Neuem. Gegenwärtig sind gerade unter den Höchstgebildeten Biete mit dem Judenthum zerfallen. Gleichwohl brauchen wir das Licht der Wissenschaft nicht zw scheuen, denn selbst hervorragende Männer der Wissenschaft, welche nicht unserer Glaubensgemeinschaft angehören, de-