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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-14 · Heft 7 (14.2.1896) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
Seite 84 (sequence 12)
Language
German
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84 gesprochen, und weint und weint. Hochwürdiger, das ist eine schwere Sache! Wir erwarten ja für morgen die Komissija, die den Weg für das eiserne Pferd bestimmen soll." „Die Schreiber brauchen ja die Schänke nicht," wandte der Pope ein. „Herr von Paterski hat sie zu sich eingeladen!" „Die Schreiber nicht, aber wir!" erwiederte der Richter. „So bedenke doch, Hochwiirdiger, morgen machen wir ja das große Geschäft! Morgen kommt der Hänfen Gulden ins Dorf! So ein Hänfen!" Er hielt die Hand hoch über den Tisch, um die Größe dieses Haufens Papiergnlden zn bezeichnen. „Du hast doch ein Herz für uns, Hochwürdiger, und wirst verstehen: so ein Geschäft will begossen sein!" „Es würde nichts schaden," dachte der Pope, „wenn sie es erst am nächsten Sonntag begießen würden." Aber er wußte wohl, daß er einen so freventlichen Gedanken nicht äußern dürfe, ohne seine Volksthiinüichkeit für immer einznbüßen, und daß es vielmehr seine Pflicht sei, dem Dorfe in dieser Roth beiznstehen. Und so gab er dem Richter den Rath, einen Boten znm Vorsteher der Haliczer Inden- Gemeinde zu senden, damit dieser ihm einen Stellvertreter für den Leib schicke. Danach wurde gehandelt. Am Abend stand, obwohl der Regen fortwährte, das halbe Dorf um die verschlossene Schänke und harrte der Wiederkunft des Boten. Er brachte günstigen Bescheid. „Morgen in aller Frühe kommt der krumme Schimmele mit den Schlüsseln des Leibko und bleibt eine Woche da. Denn so lange müssen der Kleine und seine Tochter nüt zerrissenen Kleidern in einer Stube sitzen und dürfen während der ganzen Zeit nur beten und jüdisch reden." Das kam ihm sehr merkwürdig vor, noch mehr, daß die Chane schonibegraben war; die Unsitte, die Todten noch vor Sonnenuntergang des' Sterbetages zu bestatten, war, wie füralle strenggläubigen Juden ^des Ostens, so auch für Jbie Haliczer Gemeinde unverbrüchliches Gesetz. „Und wie sie dabei geheult haben," erzählte der Bote, „g'rad so, als ob die ChcmeMhre Schwester gewesen tväre. Den wenigsten Lärm hat eigentlich noch der Leibko gemacht; der hat nur immer geweint und zum Himmel geguckt." (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur § wundert mich, daß Herr Dr. I. Babad, der in seinem intereffanten Artikel „Jüdischer und allgemeiner Aberglaube" (Nr. 3 a. c.) unter Anderem auch über den Becher des Propheten Elias spricht, nicht auch den Ursprung dieser Legendenbildung angiebt. Der Aberglaube, daß der Prophet Elias jeden Juden am Pesachabend besucht und von dem ihm dargebotenen Weine nippt, beruht auf einem Mißverständniß. Bei der Befreiungsbotschaft, die der Ewige den Israeliten durch Moses zukommen ließ, kommen vier verschiedene Worte, die die Erlösung ausdrücken, vor: Ich werde euch hinausbringeu — erretten nehmen — erlösen. Eingedenk dieser Variationen, deren sprachliche Bedeutung voll gewürdigt wird, haben unsere nachbiblischen Gesetzesausleger es zur Pflicht gemacht, an jedem wiederkehrenden Befreiungsabend ebenfalls vier Becher Wein während des Erzählens dieser Begebenheit zu trinken. - Nun entstand derzeit eine Frage: Da doch an jedem Ruh- und Festtage ein Weihespruch bei einem Becher Wein sowieso erfolgen darf, ob dieser Weihebecher mit zu den vieren gehört oder exklusive sein soll? welche Frage ungelöst bleibt, wie der talmudische Ausdruck telcu andeutet. Dieses Wort, eigentlich eine Abkürzung von tikum es (die Frage) bleibt stehen, d. h. ungelöst, wurde später als Notaricon zu deuten für gut befunden: nVttfp JHni (Elias der Tischbi wird bei seinem Wiederkommen Schwierigkeiten und Fragen lösen); analog zu einer bei juridischen unentschiedenen Fällen von den Talmudisten gebrauchten Phrase: Es ruhe (aä acta) bis zur Ankunft Elia's. Die Erwartung des Wiedererscheinens dieses Propheten basirt aus einer Prophezeiung Maleachi's: Sieh', ich sende Dir den Propheten Elia u. f. w. (Ziehe dort, Ende). Da also der Brauch eines fünften Bechers „bis zur Ankunft Elia's" unentschieden bleibt, so hat man die Sitte angenommen, nach Ende der Mahlzeit noch einen Becher zu füllen, denselben aber nicht zu trinken, und dieser fünfte Becher wird darum „der Becher Elia's" genannt. Gleichzeitig aber mit ^dem Füllen dieses Bechers rezitirt man Sätze aus den Psalmen, die. ursprünglich gegen die heidnischen Tempelzerstörer gerichtet waren. Da aber in früheren Zeiten, infolge der Blutbeschuldigungen, die Juden bei ihr Sederandacht oft belauscht wurden und diese Rezitation übel gedeutet werden konnte, so wurde aus Vorsicht die Thüre geöffnet, um nachzusehen, ob kein Lauscher sich eingeschlichen oder um'^symbolisch anzudenten, daß wir furchtlos bei der Rezilirung dieses alten Psalmen alle Pforten öffnen und rufen können: Kommt her, ihr Völker, und höret, was wir beten und erflehen! Die Verfolgungen und Verdä.htigungen ließen zwar in späteren Zeiten nach, die Gewohnheit aber, die Thüre zu öffnen, ist geblieben. Da nun aber die Veranlassung dazu im Laufe der Zeit der großen Mehrheit unbekannt wurde, so bildete sich eine aus zwei ursprünglich heterogenen Thatsacheu durch Mißverständniß zusammengeschweißte Legende, daß nämlich Elia jedem Seder seinen Besuch abstatte, und es daher die Höflichkeit erfordere, ihm ehrfurchtsvoll die Thüre zu öffnen. — Manche erheben sich sogar von ihrer bequemen Lage und begrüßen ihn : 82N '"[‘HZ (Gesegnet sei Dein Kommen, Rabbi). Zuletzt bildete sich daraus ein Volkswitz: TjjSHP "p2* womit man manchen Eindringling empfängt, dessen Gegenwart nicht besonders willkommen ist. In der Hoffnung, daß dieses Schreiben einer bessern 'Aufnahme als solcher entgegen geht, zeichne ich hochachtungsvoll Hamburg. 26. Januar. I. D. CHaies. * Sehr geehrter Herr Redakteur! (^u der von Herrn S. G., Breslau, im jüngsten Sprechsaal Ihrer geschätzten Zeitung erwähnten Bemerkung gestatte ich mir Felgendes darzuthun. Mit dem Füllen eines Weinbechers, für Eliah hanawi genannt, hat es folgende Bewandniß. Es ist bekannt, daß die vier Becher nach den vier Ausdrücken der Bibel für Erlösung angeordnet sind. Nun steht aber nach dem vierten Wort noch ein Ausdruck für Erlösung, welcher HlXZni lautet. Es liegt daher die Frage auf der Hand, weshalb man nicht fünf Becher am Sederabend leert. Diese Frage wird uns einst der Prophet Eliah beantworten, wie er uns auch alle anderen Zweifel (unter dem talmudischen Ausdruck teki) lösen wird. Deshalb füllt man den fünften Becher und nennt ihn: Eliah hanawi koß. Könitz. Simon Schreiber. Geehrter Herr Redakteur! ^Lerr M. Auerbach-Dresden stellt im Sprechsaal der Nr. 5 Ihrer g. Zeitschrift die Frage, ob die Parallele zn Bürgers Weibern von Weinsberg im Midrasch Schir ha-schirim 1, 4 vom Ehepaare, welches zu R. Simon b. Jochai kam, irgendwo bereits erwähnt ist? Darauf die Antwort: In einem Vortrage, den ich im Jahre 1884 in Bielitz gehalten und der im Jahre 1885 im Druck erschien, „die Frau.sim jüdischen Volke" S 34, Z.!3 v. u. ist diese ganze Erzählung wiedergegeben mit dem Schlußsätze: „Wieder sehen wir hier die berühmte That der Weinsberger Frauen durch die jüdische Frau um ein Jahrtausend vorweggenommen." Ich kann somit die Priorität dieser Parallele für mich in Anspruch nehmen. . Achtungsvoll Teplitz, 3. Februar. Dr. A. Kurrein. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redccktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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