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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-14 · Heft 7 (14.2.1896) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
Seite 83 (sequence 11)
Language
German
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83 daß ich zweierlei geschworen habe: mein Gut bleibt mein und Eure Tochter wird mein. Lebend oder todt — mein. Aber es siele mir schwer, sie tobten zu muffen, wenn jede Hoffnung geschwunden ist, denn ich habe sie sehr lieb, und darum will ich, wenn es etwas dazu nützt, meinen Schwur wegen des Gutes brechen. Darum bin ich eben gestern, nachdem ich erfahren habe, daß ihr mich auch deshalb hier nicht dulden wollt, zum Polen gegangen und habe ihn gesagt: „Für den Leibko die Pacht, so lang er will, und Dir meinen Obstgarten zum Preis, den'Du willst." Er stimmt zu. Das habe ich Dir gestern sagen wollen und sage es Dir heute. Entschließe .Dich, aber rasch, denn nur bis Mittag steht mir der Pole im Worte." „Wir danken," erwiederte Chane kurz. Leib aber meinte: „Das könnte ich schon deshalb nicht annehmen, weil Du da mit dem Polen ein schlechtes Geschäft machen würdest. Weißt Du, warum er Deinen Obstgarten —" „Das ist mir gleichgültig!" erwiederte Janko. „Schade, schade, denn die Furcht für Eure Tochter könnte ich Euch nun auch benehmen. Seit ich weiß, daß sie nicht verlobt ist, bin ich wieder ganz ruhig. Aber ich werde auch nie wieder unruhig sein, denn seit gestern weiß ich, daß Ihr vergeblich versuchen würdet, sie zu zwingen. Seit gestern weiß ich, daß sie mich auch lieb hat. Gewiß nicht so, wie ich sie, denn erstens kann kein Mensch den andern so lieb haben, tote ich die Miriam, und es hat auch noch nie einer ein Mädel so lieb gehabt, seit die Welt steht, und zweitens ist sie ja noch ein Kind." Leib war erbleicht und lehnte sich mit geschloffenen Augen zurück, Chane aber beugte sich Zitternd vor; sie war in diesem Augenblick unheimlich anzuseheu, so wild verzerrt war das hagere Antlitz. „Und woher weißt Du, daß sie Dich lieb hat?" keuchte ■ sie. „Hat sie es Dir etwa gesagt?" „Nein," erwiederte er. „Aber wie sie so . . ." Er begann zu stottern; auf diese Frage war er wohl nicht gefaßt gewesen. „Wie sie so . . . neben mir stand . . . und . . . itito roth wurde . . . und . . . das weiß . . . ein Mann!" schloß er hastig. Seltsam, der Manu, der da plötzlich verlegen vor ihr ftcmö, war für sie stets nur ein Tölpel gewesen, und was ec da hervorstotterte, klang wahrlich hilflos genug — und dennoch zweifelte die Frau keinen Augenblick, daß seine Empfindung die richtige gewesen. Immer keuchender ging ihr Athem aus und ein, daß Leib angstvoll den Arm um sie legte und dem Janko heftig zurief: „Nun geh!" Aber der Bauer blieb trotzig stehen; die Verzerrung in den Zügen der Kranken verkennend, glaubte er, daß sie ihn verlache, weil er zuletzt Unsinn geredet. Und so rief er höhnisch: „Außerdem hat es mir auch die Kasia gesagt. Daß Du es nur weißt: wie verrückt ist die Miriam nach mir! Bei allen Heiligen hat es mir die Kasia geschworen. Und die Kasia ist eine Christin! Verstehst Du, Jüdin? Eine Christin!" „Die Kasia! . . ." Diesmal lachte Chane wirklich auf. Aber es war ein grauenvolles Lachen, das jählings in ein Röcheln umschlug. „Lache nur!" schrie der Bauer in wilder Wuth, „deshalb wird Deine Tochter doch mein Weib! Und willst Du sie nicht taufen lassen, so wird sie meine Metze! Das kann mir noch lieber sein; dagegen hat auch der Pope nichts! Meine Metze — hörst Dn's, Du verdammte Jüdin, meine Metze, wenn ich will!" Sie wollte erwiedern, da brach ein Blutstrom von ihren Lippen. „Geh!" schrie Leib schrill auf, „Du hast sie getötet!" Entsetzt starrte der Bauer ans die Kranke, den Strom von Blut, der sich über Leib ergoß, der ste in den Armen hielt. Ohne die Auge,: von dem furchtbaren Bilde losreißen zu können, wich er langsain, rückwärts taumelnd, gegen die Thüre zurück. Die Miriam hatte den Schrei des Vaters gehört und kam hereingestürzt. Ein Blick auf die Verblutende und den Mann an der Thür genügte, um sie errathen zu lassen, was da vorgegangen. „Mutter," schrie sie verzweiflungsvoll auf, — sie wußte selbst nicht, wie ihr die Worte auf die Lippen traten, ihr war's, als riefe sie eine Stimme in ihrem tiefsteil Innern: „Mutter ... ich will Dir immer gehorsam sein!" Die Augen der Sterbeliden wurden noch einmal groß und weit; sie versuchte die Hand zu heben, als wollte sie sie drohend gegen den Mann strecken, der, vom Entsetzen gelähmt, noch immer an der Thüre lehnte und sie mit starrem Blick ansah. Daml wandelte sich der Ausdruck der Züge und wurde mild und friedlich; mit dem letzten Aufgebot ihrer Kraft ließ sie die Hand auf das Haupt ihres Kindes sinken. „Bleib'" — es klang kaum hörbar und nur wie ein Hauch — „bleib' ein ehrlich jüdisch Kind!" Als der Pope Hilarion etwa eine Stunde nach dieser Begebenheit aus dem Fenster seiner Studierstube ins Unwetter hiuausblickte, sah er seinen jungeil Hausherrn baarhäuptig, verstörten Gesichts und taumelnd durch Stllrm Ulld Regen Heimwanken. Erschreckt ließ er ihli bei sich eintreten und fragte, was ihm begegnet. Aber es währte lauge, bis er's ersiihr. Denn was er zunächst von Janko hörte, war nur die Klage: „Jetzt werden wir Beide nur noch Ein Grab haben," lind daulit schloß er alich. „Ich habe die Jüdin in meiner Wuth zu Tode geärgert unb sie hat mich verflucht." Der juilge Pope war ein guter und kluger Mann. Hütte er von deul Tode des verworfensten Weibes tut Dorfe vernommen, er wäre sofort aufgebrochen, die Familie zu trösten und ihr hilfreich zu sein. Der Jude, so sehr er ihn persönlich schätzte, ging ihn nichts an. Wohl fuhr es ihm durchs Hirn, wie hilflos der arme Mann nun sei und was er beginnen werde, die Leiche nach Halicz zil schaffell, doch ihm beizustehen, war nach seiner Auffaffung keines Christen Sache. Aber der junge Bauer da — das was ein Ehrist, dem uillßte er helfen. Und so tröstete er ihn, daß ihm der Fluch einer Jüdin keillesfalls schaden werde. Die Miriam müsse er sich freilich aus dem Kopfe schlagen, aber nicht deshalb, sondern weil es eben eine Sünde sei. Und als der Janko erwiederte, das könne er nicht, mld müsse zunl Mörder werden, wenn sie einen Anderen wähle, da schritt der Pope einige Male in innerem Kampfe auf unb nieder und meinte dann: „Vielleicht täuschest Dll Dich nicht, daß sie auch Dich geril hat. Dann wird sie vielleicht Deine Geliebte Schande gellug, aber doch besser, als wenn Du sie heirathest, oder -zuin Verbrecher wirst." Es fiel ihm nicht leicht, so zu sprechen, benn er war ein streng ehrbarer Mann, aber das schien ihm wirklich der bessere Ausweg. Am Nachmittag kani der Richter zum Popen. „Hochwürdiger," klagte er, „was fangen wir nun an? Ohne Schänke kann doch kein Dorf bestehen! Eben waren die Inden alls Haliez da und haben die Leiche fortgeschafft, den Leibko mtb seine Tochte mit. „Wann konlUlt ihr denn wieder?" fragte ich, aber darauf gebeli sie gar keine Ailtwort. Das Mädel geberdet sich wie verrückt und klagt sich an, daß sie gegen die Mutter schlecht war, und dem Leibko rinnen auch die Thräuen über die Backen und er schluchzt, oder flüstert in der jüdischen Sprache vor sich hin. „Das versteh' ich ja nicht," sag' ich ihm, „so antworte doch, wann Du tviederkommst oder die Kasia schickst. Für heute mag's hiugehen -- wir sind ja keine Unmenschen — aber spätestens morgen früh muß die Schänke wieder>ffen sein, da brauchen wir sie!" Aber er betet nur immerzu, als hätte ich Unsinn

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