Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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82 kluge Frau den Wagen halten und schleppte sich heim, so schwer es ihr auch fiel. Leib aber mußte den Weg ums Dorf nehmen, als käme er von Jeznpol. Als sich die Kasia von ihnen verabschiedete, stritt sie einen harteil Kampf mit sich, ob sie ihnen den Besuch des Janko mittheileu oder verschweigen sollte. Für die Zukunft versprach es ja entschieden mehr Spaß, wenn sie schwieg.; dann wurde das Mädchen sicherlich minder scharf beaufsichtigt. Aber etwas für sich zu behalteli, war dieser ulittheilsamen Natur unmöglich; sie gab sogar schließlich auch diesmal bedeutend mehr, als sie eigentlich zu geben hatte. Und so erfuhr Chane, das Janko ihrer Tochter den Tod angedroht, wenn sie den Alten nehme; Miriam aber habe geschworen, daß sie lieber in den Dlliester gehen wolle, als Reb David Münzers Weib zu werden. Die Frau erschrak ins tiefste Herz hinein, faßte sich dann aber rasch tvieder. „Du lügst, wie immer!" sagte sie kalt. „Geh, — ich bin froh, daß ich Dich nun fünf Tage nicht anznhöreu brauche." Als aber die Goje gegangen war, rief sie die Tochter aus der Schänkstnbe ab und fragte, was denn daran Wahres sei. „Nicht viel," erwiederte Miriam und versuchte lächeln. „Der Janko war hier und hat gefragt, ob ich verlobt bin. Bedroht hat er mich nicht. Und als ich sagte, daß Alles Lüge sei, war er wieder ruhig und hat von seinem schwarzen Kalb erzählt." Die Worte klangen unverfänglich, aber der Ton war befangen, und die Wangen flammten in dunkler Glnth. Frau Chane mußte die Hand aufs Herz Pressen, so sehr pochte es in bangem Schrecken. Cs währte lange, bis sie sich soweit gesaminelt hatte, um etwas zu crwiedern. Es schien ihr richtig, das Mädchen scharf auszuschelten. „Bon seinen! schwarzen Kalb hat er erzählt?" fragte sie. „Du aber bist ein rothes Kalb! Was hast Du init ihm zu reden, da Du doch weißt, daß es uns beim Gnädigen schaden kann? Und tvas gehl's ihn an, ob Du verlobt bist oder nicht!" „Aber wenn er fragt —" „So brauchst Du nicht zu antworten. Und hast Du, ein ehrlich jüdisch Kind, wirklich etwas gegen einen Mann wie Reb David gesagt, der so hoch über uns steht und über allen Inden auf fünfzig Meilen im Umkreis?" „Nichts!" betheuerte Miriam. „Ich Hab' nur gemeint, daß die Leut' da etwas Unsinniges erfunden haben. Wir passen ja im Alter nicht zusammen." „Das gerade ist ebenso dumm, als frech," sagte die Frau. „Was willst Du grünes Ding entscheiden, wer für Dich paßt! Ein jüdisch Kind überläßt das seinen Eltern und macht sich keine Gedanken darüber. . . Das kommt von dem Umgang mit Bauern und Bäuerinnen und von den schamlosen Liedern! Weh'Dir, wenn ich noch einmal solche Reden von Dir höre! . . . Geh!" Heftig schluchzend ging Miriam aus der Stube; Chane aber starrte lauge im stummen Brüten vor sich hin. „Vielleicht bin ich zu scharf gewesen," dachte sie. „Aber nein — da darf man nicht mild sein! Um Himmelswillen, wenn sie wirklich „nein" sagt? Oder wenn der Tölpel schließlich doch in seiner Raserei ein Unglück anrichtet?" Sie rang verzweifelt die Hände. Wie konnte man ihn unschädlich machen?! Aber es war ja nun nicht mehr die größte Gefahr, das herbste Unglück, das sie treffen konnte. Noch viel furchtbarer war's, wenn etwa Miriam . . . „Nein! nein!" schrie die gequälte Frau auf, „das kann Gott der Gerechte nicht zulasten. Was hätte ich verschuldet, daß über mich größere Schmach und Trübsal kommen sollte, als je über eine Mutter in Israel?!" Aber die fromme Zuversicht wurzelte doch nicht so tief in ihr, um ihr das Bangen zu scheuchen. „Sei klug und hilf Dir . selbst,-dann hilft Dir auch Gott" — der Spruch ihres Vaters stieg wieder in ihr auf. Sie dachte nach. „Sie muß von hier fort," dachte sie, „ich muß sie sofort, schon morgen zu meiner Schwester nach Halicz bringen. Dort ist sie wenigstens vor dem Tölpel sicher. Freilich erfährt sie dort gleich die Wahrheit, aber das muß sie ja nun jedenfalls. Sie wird weinen, vielleicht sogar sich zu sträuben versuchen, aber dort find' ich Hilfe, sie zur Vernunft zu bringen. Auf Leib ist ja kein Verlaß, er ist wie ein Rohr iui Winde, und wenn sie weint, so weint er ebenmit.." Der Entschluß gab ihr wieder etwas Zuversicht; zudem hatte sie keine Zeit zu grübeln. Seit dem frühen Nachmittag war der lang erwartete Herbstregeu eingetreten und goß nun in Strömen nieder; die Schänkstube war noch besuchter als sonst, weil das Wetter die Leute von vornehmerem Geschiuack, die es sonst vorzogen, sich in Halicz ihren Sonntagsrausch zu holen, in die Dorfschünke trieb; sie und Leib hatten alle Hände voll zu thun; auch Miriam mußte mithelfen. Es weckte unter diesen Umständen nicht blos die Entrüstung der Frau, sondern auch die ungestüme Heiterkeit der Gäste, als gegen Abend der rothe Saverko, der Knecht des Janko, eintrat und die Botschaft seines Herrn ausrichtete: Leib möge doch sofort zu ihm kommen, er habe etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen. „Ganz wie unser Pan Paterski!" lachte Onnsrij. „Wir lassen unseren gnädigen Herrn Janko von Wygoda bitten, sich hierher zu bemühen. Bei dem trüben Wetter ist ohnehin etwas Spaß nöthig." Leib erfuhr erst am nächsten Morgen von Janko's Unterredung mit Miriam und dem Entschluß, den Chane gefaßt. Zunächst erschrak auch er tödtlich, aber jener Gedanke, an dein sie sich vergeblich emporzuranken versucht, gab dann ihm bessere Kraft: „So hart straft Er nicht!" sagte er. „Du täuschest Dich! Unseres Kindes Herz ist auf rechten Wegen!" Gleichwohl erhob er keinen Einspruch dagegen, daß Miriam sofort nach Halicz übersiedle; die Furcht vor dem Janko bewog ihn dazu. „Mir ist bang ums Herz," klagte er, „wer weiß, was er gestern von mir gemailt hat." Nur für den heutigen Tag verbot sich die Reise durch Chane's Zustand; noch immer strömte der Regen in so dichtem Guß hernieder, daß sie nicht einmal die Fahrt, geschweige denn den Gang nach dem Marktflecken wagen konnte. Was Janko gewollt, sollte Leib bald erfahren: als er noch mit Chane in eifriger Berathung beisammen saß — Miriam war eben in der Küche beschäftigt — trat der Bauer in die Schänkstube. Die Frau erhob sich und wies ihn heftig hinaus, er aber trat näher und sagte finster und drohend: „Es könnte Euch vielleicht später leid thun, daß Ihr mich nicht angehört habt. Wir sind bald fertig." Er sagte es in einem Ton, daß sie ihre Weisung nicht wiederholte. „Also kurz," fuhr der Bauer fort. „Warum habt Ihr mir Euer Haus verboten — aus Furcht für Euere Tochter oder aus Furcht vor dem Polen?" „Wir sind Dir darüber keine Rechenschaft schuldig," erwiederte Chane. „Aber warum sollten wir's verschweigen? — es paßt uns aus beiden Gründen nicht." „Ich abtzr kann beide hinwegräumen," sagte der Bauer; er sprach rascher und bestimmter als sonst; offenbar hatte er sich die Worte wohl zurecht gelegt. „Wenn ich will, so verlängert der Pole Eure Pacht noch heute auf so viel Jahre, als Ihr wollt." „So mächtig bist Du?" höhnte Chane. „Nein! Aber das kann ich versprechen. Der Pole will meinen Obstgarten. Ich habe nichts davon hören wollen. Denn Ihr wißt,