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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-14 · Heft 7 (14.2.1896) · p. Seite 81

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 7 (14.2.1896)
Date
1896-02-14
Page
Seite 81 (sequence 9)
Language
German
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81 versität, dem dazu gar nicht geeigneten Orte, daher jetzt auch meine Unzufriedenheit mit mir. Ich darf aufrichtig sagen, daß ich soviel thue, als in meinen Kräften steht; ich predige jeden Samstag, und zwar, wie ich schon ans manchen Beispielen erfaßen, mit gutem Erfolge, ich gebe täglich Religionsunterricht, und auch dies gewiß zum besten Frommen der Kinder, ich beaufsichtige das übrige jüdische Schulwesen mit Gewissenhaftigkeit, ich repräfentire überall die Gemeinde so würdig wie möglich, ich greife überall zu, in Angelegenheiten der Gemeinde mit der Regierung, in Privatverhältnisse, kurz, ich thne mein Möglichstes —: aber ans der andern Seite sehe ich auch noch eine solche Masse von Mißbräuchen, ich muß so Vieles, wenn auch blos durch Stillschweigen, billigen, was ich recht bitter tadeln möchte, ferner ist alles so kleinlich, wohin ich wirken kann, daß ich mir dennoch gestehen muß: viele Mühe für geringen Erfolg. —I I—H --^7^-1 1—I 1-■ juKiingnüiuiiw? * | FEUILLETON 1 & 1 -1 1-:—:-:——-3*5--————I 1—I klMDMULLL ,-, Josef der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedell in Düsseldorf. VII. f osef der Träumer war fast zerschmettert durch diesen zweiten Schlag, der seine Träume vernichtete. Irdische Angst, die er sich selbst nicht gestehen mochte, verzehrte ihn während der Dauer der Pest, welche trotz aller Anstrengungen dem Ghetto entschlüpfte. als ob sie die bestrafen wolle, die ihr die Bedingungen ihrer Existenz entzogen. Aber er sorgte nicht um sich, sondern um seine Mutter, um seinen Vater, um Miriam. Wenn die furchtlose Pflege der von der Pest befallenen Christen ihn nicht beschäftigte, ging er in die Nähe der Todtenstadt, um Nachrichten zu erspähen. Als er endlich vernahm, daß seine Lieben am Leben, traf ihn ein anderer Schlag. Die Bulle sollte aufrecht erhalten werden, aber des Papstes Ohr war jetzt den Ueberlebenden gnädiger. Er respektirte ihren Haß gegen Fra Guiseppe, ihre Bitte daß sie lieber einen anderen Prediger hören möchten. Die Aufgabe siel nun einem anderen Dominikaner zu. Guiseppe allein wurde verboten zu predigen. Vergebens versuchte er sich Sr. Heiligkeit zu nähern, der Zutritt wurde ihm verwehrt. So begann diese seltsame Einrichtung, die „Predica Coattiva“, die erzwungene Predigt. Jeden Sabbath nach ihrem eigenen Sabbath-Gottesdienste mußte ein Drittel der Bevölkerung des Ghetto, bis zu den Kindern über zwölf Jahren, vor dem Bischof der Kirche Benedetto alla Regola erscheinen. die für sie reservirt blieb, und ein Möncb erläuterte denselben Wochenabschnitt des alten Testaments, den ihr eigener Kantor gelesen hatte. Se. Heiligkeit, einsichtsvoller als seine Untergebenen, hatte die -Prediger angewiesen, die Namen von Jesus und der heiligen Jungfrau, zu vermeiden oder sieleise anszulprechen; aber der Sinn dieser Enipfehlungen wurde durch die Kanzelredner vergessen bei einer Gemeinde, die sie nach ihrem Belieben mit allen möglichen Hilfsquellen der Rhetorik einschüchterten und bedrohten. Viele Inden blieben zögernd auf dem Wege zur Kirche zurück. Eine Maste Polizisten mit Peitschen trieben sie in die heiligen Hallen. Diese neue Kirchen-Prozession von Männern, Weibern und Kindern wurde ein Schauspiel für Rom. Ein neues Vergnügen für den Pöbel war erfunden. Dieser erzwungene Gottesdienst erforderte nicht geringe Ausgaben. Aber zur Verschärfung des Hohns mußten die Juden für ihre eigene Konversion bezahlen. Der Predigt zu entgehen, war unmöglich; ein Register, an der Kirchenthür aufgelegt, führte Buch über die Abwesenden, die mit Geldbußen und Gefängniß bestraft wurden. Um dies^Register zu führen, brauchte man einen Neophyten, einen, der jedes 3iibiüibuum Persönlich kannte und Stellvertreter bestimmen konnte! Wo fand sich dazu ein Besserer als der neue Bruder? Vergebens protestirte Guiseppe. Der Prior wollte nicht hören. Und so bezeugte der inachtlose Urheber des Unglücks, anstatt den erhabenen Anblick eines unbezahlten Apostels zu bieten, über sein Pult gebeugt, die Identität der lautlos Ankommenden durch schräge Blicke; wissend, daß er zu dem Leiden seiner Brüder, mit einem in Baun gethanen Inden in Berührung zu kommen, noch den Schmerz hinzufügte, daß sie in seinen! Schreiben am Sabbath noch schamlose Verachtung ihrer geheiligten Gebräuche erblicken mußten. Manchen Sabbath sah er seinen Vater, ein tragisches, weißhaariges Männchen, von muthwilligeu Peitschenhieben angetrieben, schneller zur Kirche zu kommen. Diese Peitsche betäubte Josef förmlich. Als der Aufseher, welcher Acht zu geben hatte, daß die Zuhörer mit Aufmerksamkeit dem Redner folgten, und besonders, daß sie nicht etwa die Predigt durch Schlafen vermieden, einst Rahel mit einer eisernen Ruthe aufstörte, brach ihr unglücklicher Sohn fast znsauunen. Wenn Miriam an jedem dritten Sabbath stolz aufgerichtet, mit Verachtung sprühenden Angen an seinem Pult vorüberschritt, durchrieselten ihn kalte und heiße Fieberschauer. Sein einziger Trost war, als er zum ersten Male in ihrem Leben Reihen andächtiger Gesichter dem Evangelium lauschen sah. Endlich hatte er etwas erreicht. Sogar Schlaumi, der Narr, war Renegat geworden, er hörte in düsterer Verehrung den Predigern zu. Josef der Träumer wußte nicht, daß alle diese andächtigen Juden, dem launigen, erfinderischen Rath Schlanmis folgend, ihre Ohren fest mit Watte verstopft hatten. Aber unterdessen erwarb Fra Guiseppo ans anderen Kanzeln großen Ruhm. Die Christen kamen von fern und nah zu ihm. Er mischte sich unter das Volk, und sie gewöhnten sich daran, ihn zu lieben. Er predigte bei Hinrichtungen, sein schwarzer Mantel und weißes Skapulir wurde in ekelerregenden Kerkern bewillkommt, er absolvirte die Sterbenden, er trieb Dämonen aus. Aber einen Sünder konnte er nicht absolviren, weder durch das härene Gewand noch durch Geißelung, und der Sünder war er. Und einen Dämon konnte er nicht anstreiben, den in seiner eigenen Brust, die Unruhe seiner eigenen Seele, die sich unaufhörlich aufrieb in der Wirklichkeit des Lebens und durch die Fehler des Christenthums jetzt ebenso zerrissen wurde, wie früher durch die des Judenthums. (Fortsetzung folgt.) Leib Meihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) 'jESPlS die Kasia nach einer Weile einen Blick auf den Hof warf, ging Janko eben erst taumelnden Schrittes davon, (j „Das hat bei dem Tölpel gezündet!" murmelte sie befriedigt vor sich hin. „Und ich habe vielleicht nicht einmal gelogen!" Um die Mittagsstunde kehrten Leib und Chane heim, ans getrennten Wegen, ivie sie gegangen waren. Vor dem Dorfe ließ die

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