Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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art bezweckt, demjenigen, der mit Ernst'und Liebe an die Sache geht, nur erfreulich sein kann. IV. Wiesbaden, den 4. Januar 1833. Dienstag den 18. Dezember 1832 erhielt ich durch einen Expressen einen Brief des Mainzer Vorstandes, der, in sehr schmeichelhaften Ausdrücken abgefaßt, mich ersuchte, am Geburtstagsfeste des Grobherzogs dort zu predigen, zugleich den Wunsch ausdrückte, ich möchte durch denselben Boten wieder antworten. Bei allen diesen 'Dingen ist meine Art das Temporisiren; zugrcifeu will ich nicht, weil dies närrisch aussieht, abschlagen gewiß nicht, weil dies unartig wäre und die Sache mir auch Vergnügen macht: da ich also ein Häkchen fand, ergriff ich es. Es war nämlich in dem Briefe zugleich das Versprechen ausgedrückt, daß den darauf folgenden Sonntag, den 23., zwei der Vorsteher mich besuchen würden; ich antwortete daher, daß ich, sobald ich das Nähere durch die Herren Vorsteher erfahren haben werde, nicht anstehen würde, das schmeichelhafte Anerbieten anzunehmen. Sonntag Abend kamen nun auch die Herren (höre!) Dr. Dernburg und Leo Reinach; wir schwatzten allerhand, und vorzüglich suchte mich Dein Bruder aufmerksam 511 machen, daß ich nicht mit zu vielem Lobesschwalle über den Fürsten herziehen möchte. Ich bemerkte ihm, daß wenn er mir das Gegentheil hätte bemerken wollen, dies nöthig gewesen wäre, so aber sei dies zu sehr mit meinen Gesinnungen verbunden, als daß es nur der geringsten Erwähnung bedürfe. Montag ging ich dann zur Ausarbeitung meiner Disposition, und dabei blieb es auch; Mittwoch Morgen rollte ich hinüber, kam um fast 10 an, steckte mich in meinen Ornat, verfügte mich um lOVaUtji* in die Synagoge, wo zuerst schöner Gesang, dann Gebete vom Vorbeter und einigen Knaben abgebetet wurden und nun gab Rabbiner Löb das Signal, daß es jetzt balv losgiuge; ich griff in die Tasche, um meine Disposition zu holen, und stellt Euch meinen Schrecken für! — ich hatte sie vergessen. So mußte ich mich denn los und ledig hinstellen, aber es ging vortrefflich. Nachdem ich nun Gebet und Einleitung beendigt, welche letztere die Gefühle der Gemeinde und die meinigen beim Herannahen der Zeit zur Synagoge heute kurz zuerst schildern sollte und dann die Art und Weise, wie wir jetzt nach unseren Begriffen vom Zwecke des Fürsten und von den Pflichten der Bürger den Regenten loben sollen, als solche bestimmte, die Entwickelung des Bürgerthmns einerseits und Begründung rein religiösen Sinnes andererseits anzustreben, ließ ich die Kinder wieder singen und begann dann die Rede. Im zweiten Theile war für den Eingeweihten natürlich manches meine Gesinnung delltlich Aussprechende; da ich aber dennoch meine Worte vorsichtig wählte, auch, nach meiner völligen Ueberzeugung, gegen das Aufpfropfen aufs Judenthum, was nicht aus ihm selbst fließe, und was blos ausgenommen werden soll, weil es bei andern Konfessionen ist, sprach, so fand sich selbst der Altgläubigste, und solcher waren viele zum ersten Male da, befriedigt, und es ist vielleicht soviel damit gewonnen, daß sie die Predigt als solche nicht als „Entweihung" betrachten, während dennoch der Gebildete sich auch erbaut und gestärkt fühlte. Ueberhaupt ist es mein Grundsatz, in meinen Predigten immerfort Israel und das Judenthum zu heben, da dies blos dem Juden auch die moralische Kraft giebt, die den Menschen allein zu Allem tauglich macht; der gewöhnliche Mensch aber fühlt sich bei Weitem weniger gehoben durch sein Menschsein als durch sein Am gehören zu dieser Nation, dieser Konfession, diesem Stande u. s. w., woraus die alles Edle so mächtig erweckenden Gefühle der Nationalität, der positiven Religiosität, der Standesehre u. s. w. Diese Gefühle müssen daher auch geweckt werden, und soweit sie nicht schädlich werden, recht lebhaft angeregt werden. So lange der Jude alles Nichtschöne mit „jüdisch" bezeichnet, so lange fehlt ihm auch die moralische Kraft. Nach Beendigung der Predigt wurde wieder ein schönes Lied gesungen, und der Gottesdienst war zu Ende. So viel ich gehört, hat meine Rede allgemeinen Beifall gefunden. Des Mittags war eine Mahlzeit bei Bamberger. und um 5VZ Uhr ging es wieder zurück hierher. Und so schloß sich denn das Ganze, durch das ich Deinem Bruder, was mich sehr freut, ziemlich nahe gekommen bin und in ihm den)vielseitigen, ernst strebenden Mann erkannt habe, der wahrhaft mit eisernem Fleiße arbeitet. Weiter, Liebster, stehe ich in gar keiner Verbindung, weder mit der Mainzer Gemeinde noch mit derem Vorstande und kann Dir hierüber nichts mittheilen. — Auch von meiner Gemeinde läßt sich nicht viel sagen, sie ist im Ganzen ziemlich ungebildet, ich habe aber doch^die,Freude zu bemerken daß der größere Theil unverdorben ist und ein anderer Sinn schon hie und dort hervorkommt; mit R. Schmuel stehe ich gar nicht, ich war einmal bei ihm, er einmal bei mir und damit basta! Seine Familie fügt sich, ja der größere Theil freut sich mit dem jetzigen Zustande sehr! . . . Den Vereiniguugspuukt, den Du für den jüdischen Theologen findest in dem Studium) des Geistes der talmndischen Zeit, wo sich nun alle feine verschiedenartigen Kenntnisse kouzentrireu und eine Anwendung erlauben, erkenne ich vollkommen an. nur scheinst Du mir blos einen Theil aus dem Ganzen herausgeuommen zu haben; das Ganze heißt — dos historische Judenthum. Kenntuiß der philosophischen Systeme, in der ersten Zeit mehr derer, die als ihr Grundprinzip die Emanation anfstellen, in der spätern des scholastisirten Aristoteles und daun wieder die rein positiv theologisch und philosophisch ausgebildete Emanationslehre in der Kabbala, der die mystischen Systeme des Mittelalters das Gleichgewicht halten, aus welcher einerseits die kartesische Lehre, andererseits mit einem guten Zusätze eigener Ansichten der Spinozismus sich entwickelt und zuletzt das Aufnehmen und doch etwas eigentümliche Entwickeln aller Zeitsysteme (Mendelssohn-Wolf, Maimön- Kant; Bernays-Wagner) —; Sprachkenntnisse, des Hebräischen in der Bibel, dessen späterer Ausbildung in der Mischnah, des Chaldäischen in Daniel und Esra, aller seiner durch Provinzverschiedenheit und Leben im Munde des Volkes erlittenen Veränderungen in den Targumim und dem Talmud, wofür nun vorzüglich das Syrische wichtig ist, des Arabischen und Rabbinischen nach obigen Andeutungen, — dieses sind Studien, die dem gelehrten jüdischen Theologen nöthig sind, und er wird sie immer mit Bezug und Rücksicht auf seinen Zweck, Kenntuiß des historischen Judenthums, betreiben. So hat er also in diesem Zwecke seinen festen Mittelpunkt. Derjenige, der ein gelehrter jüdischer Theologe werden will, hat also drei Gesichtspunkte, von denen aus er seine Studien zu betrachten hat;. zuerst muß er sich allgemein wissenschaftlich ausbilden, sodann praktische theologische Kenntnisse haben, wo nun vorzüglich das Predigeramt ins Auge gefaßt werden muß, und endlich das Judenthum in seiner geschichtlichen Entwickelung keimen lernen. V. Wiesbaden, 18. Februar 1833. — Daß meine Gemeinde mit mir zufrieden ist, ist das Einzige, was mir zuweilen eine recht vergnügte Stunde macht; denn ohne dies könnte ich gar nicht begreifen, wozu ein Geistlicher in einer solchen Gemeinde tauglich ist. Ich bin wirklich ein recht sonderbarer Mensch, aber diese Sonderbarkeit ist so sehr in mein ganzes Wesen verflochten, daß sie mir noch manches Unangenehme bereiten wird. Ich Ihm mir immer in Bezug auf öffentliche Wirksamkeit zuwenig; daher mein beständiges Drängen und Treiben schon auf der Uni-