Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
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feit habe wie der gegen einen Juden, da man ja im elfteren Falle bei der Eidesabnahme viel strenger verfährt. Dadurch wird aber die Heiligkeit -es Schwures überhaupt in seinen Augen sinken. I). Nach dem bisher Gesagten ist es unnöthig. Jenem zu antworten, der den neuen Vorschlag macht, den Juden beim Buche Sohar schwören zu lassen. Denn wenn man diesen Vorschlag annimmt, der eine Aenderung des Verfahrens bei der Eidesabnahme bedeutet, so ist, wie schon oben gesagt, zu befürchten, daß der Eid selbst an Heiligkeit in den Augen des Schwörenden einbüßt. Ueberhaupt muß man über jenen Mann lachen. Welcher Jude wäre so thöricht, daß er beim göttlichen Buche Mosis falsch schwören sollte und durch das Buch Sohar, das Menschenwerk ist und nur eine Erklärung zum Buche der Lehre sein soll, vom falschen Schwur sich abhalten ließe. Das sage ich im Sinne dessen, dem der Sohar ein heiliges Buch ist. Ich für meinen Theil schwöre aber feierlich bei der Thora, daß der Sohar Fälschungen und viel verderbliches Beiwerk enthält. Ein Blatt im Talmud mit den Diskussionen des Abaji und Naba ist heiliger als das ganze Buch Sohar. Wenn die Weisen sagen, daß eine Boraita, die nicht von R. Chia und R. Oschaja herrührt, falsch ist, so gilt das von jenem Buche, das entschieden jüngeren Datums ist, ganz gewiß. Wenn es wahr wäre, daß jenes Werk auf den Tanaiten Rabbi Simon b. Jochai, von welchem, wie Maimonides in der Vorrede zum Jad Hachasaka bemerkt, auch Rabbi Juda ha Nässt die Ueberlieserung empfing, zurückzuführen sei, wie kommt es, daß dieses Werkes weder bei Maimonides noch in der Mischna oder sonst in alten Schriften Erwähnung geschieht, daß Rabina und Rabbi Aschi, die den babylonischen Talmud 100 Jahre nach Abfassung des jerusalemischen Talmud redigirten, nichts davon erwähnen? Auch Rabba bar Nachmani, der Verfasser (richtiger Sammler) des Midrasch Rabbof und Schochar tob u. A. m., auch die Saburäer, Gaonen, Alfasi, Maimonides, Raschi, die Tosafisten, Nachmanides, R. Ascher, der Tur erwähnen nichts von einem Werke des R. Simon ben Jochai. Auch der Verfasser des Jalkut Schimoni, einer Sammlung von Midraschinr, Mechiltot und Borajtot, hat nichts davon gewußt noch gesehen. Erst vor 300 Jahren trat man mit der Behauptung hervor, es gefunden zu haben. Welche Versammlung hat aber das Buch anerkannt, wie man den babylonischen und jerusalemischen Talmud anerkannt hat, von welchem Maimonides in der Vorrede zum Jad ha Chasakah sagt, daß die Juden verpflichtet seien, sich den babylonischen Talmud zur Richtschnur (für das rituelle Leben) zu nehmen und daß man die Juden in jeder Stadt und in'jedem Lande zwingt, die Gebräuche, welche die Weisen eingeführt haben, ihre Verordnungen und Verfügungen zu respektiren, weil sie die Zustimmung der Gesammtheit Israels erhalten haben? Ich will keineswegs die Ehre des Tanaiten R. Simon ben Jachai antasten, denn er war einer der frömmsten Männer, aber ich behaupte, daß ihm das Buch Sohar fälschlich zugeschrieden wird. Jeder halbwegs Vernünftige wird dasselbe sagen, da un Sohar viele Tanaiten und Arnoräer erwähnt werden, die lange nach 9i. Simon ben Jochai gelebt haben. Ich habe darüber an einem anderen Orte mit Berufung auf Schriftsteller und Schriftwerke ausführlich gehandelt und beziehe mich auf das Werk „Matpachat" von weil. Rabbi Jakob Emden, der da behauptet, das Buch (Sohar) sei gefälscht und in Moses Leon den Verfasser vermuthet. Seit dem Erscheinen des Sohar strauchelten Viele, denn die mystischen Dinge, welche Spätere aus ihm folgerten, dienten nur dazu, die Leute, deren Verstand getrübt ist, irre zu führen. Welches Unheil haben die Anhänger des Sabbatai Zewi und seines Genossen Berachja aus Salonichi und des Jakob Frank (der Name des Frevlers verwese) angerichtet, die sich auf den Sohar berufen, an welchem Simon ben Jochai unschuldig ist. Mit vollem Rechte schrieb ich in meinem kleinen Werke Kontras Ahabat David, gedruckt Prag 5560 (l800) das Folgende: Lasset uns Dank wissen den beiden großen, erhabenen Königen, unserem glorreichen verewigten Kaiser Joseph II. und unserem ruhmreichen Kaiser Franz II., die in ihrer erhabenen Weisheit die für Leib und Seele schlimmen und schädlichen Folgen der Träume und Wahngebilde der Kabbalisten voraussahen und darum nachdrücklich die Zulassung kabbalistischer Schriften in allen Provinzen ihres Reiches verboten. Die erste Verfügung, höchstes Hosdekret, datirl vom 2. November 1785 und die zweite vom 7. Juni 1794. Ich habe mich dort des Längeren darüber verbreitet. Nun muß ich aber, weil zu sehr beschäftigt, schließen. Was ich geschrieben habe, ist nach meinem besten Wissen wahrheitsgemäß für Jeden, der in Geradheit wandelt, auseinndergesctzt. Dies die Worte Ihres Freundes, der Sie zu ehren wünscht und sich tief vor Ihnen verneigt. Unter dem Beistände Gottes (Prag). 16. Kislew 5567 (1806.) Eleasar Fleckeles. So lautet die Antwort des Rabbi an den Eensor, die Beide in gleicher Weise ehrt. Den Rabbi, weil er es verstand, klar und bündig das Wesen des jüdischen Eides darzulegen, die Vorurtheile gegen denselben zu zerstreuen und die Schädlichkeit einer besonderen Formalitäk beim Eide gegen einen Nichtjuden ausemanderzusetzen. Aber auch dein Censor ist in diesem Responsum ein ehrendes Denkmal gesetzt. Er wird mit Recht als ein wahrheitsliebender Mann gefeiert, der sich gern belehren läßt. Wir lernen auch in dem Censor einen Mann keimen, mit dem ein Rabbi in hebräischer Sprache int talmndischen Idiom korcespondireu konnte. Dies berechtigt zur Annahme, daß der Censor den Talmud zu lesen verstand. Dieser Umstand machte ihn duldsam gegen das Judenthum und bewirkte, daß sich zwischen ihm, dem katholischen Geistlichen, nnb dem orthodoxen Rabbi ein freundschaftlicher Verkehr entwickelte. Männer wie Rohling, die nicht in der Lage sind, den Talmud zu lesen, schöpfen ihre Weisheit ans trüben Quellen und fuhren das Wort den Inden zum Trutz. Männer wie Delitzsch s. A. und Professor Strack haben die Juden in Schutz genommen, weil sie keines Doktor Justus zur Verdolmetschung des Talmud und Schulchan Aruch bedurften. Hoffen wir, daß ans dem Boden der Wahrheit und Gerechtigkeit zwischen Juden und Nichtjuden sich dauernd ein ähnlich freundliches Verhältnis entwickeln wird, wie zwischen dem Rabbi und dem Censor. Abraham Geigers Briefe an I. Mrenbonrg. (1833-42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. III. Wiesbaden, den 4. Dezember 1832. Die Wiesbadener sind echte Landleute, wenigstens größtentheils, und bei ihnen ist, wenn irgendwo ein bedächtiges Auftreten nöthig; war es nun schon früher mein Grundsatz, neue Grundlagen zu legen und auf ihnen anfzubauen, das Alte zu ignoriren und es. in sich zerfallen gu lassen oder erst dann die Hand daran zu legen, wenn es schon völlig morsch ist: so gebietet hier die Klugheit noch mit desto größerer Strenge diese Maßregel, dennoch aber halte ich hartnäckig au völligem Ignoriren und obgleich ich das Jndenthum zu heben suche und es als hoch und heilig darstelle, demselben auch die wichtigsten religiösen Gedanken als Bestandteile zuschreibe, so spreche ich durchaus niemals von etwas Speziellem, das nicht die Wahrheit als Religion und Sittliches anfstellt. Ersteres aber muß ich thun, damit die sittliche Kraft des Einzelnen gestärkt werde durch die Würde, die er als Jude zu haben glaubt, ferner muß ich vorzüglich auf die Regierung zu wirken suchen, daß diese sich bereitwillig finden läßt zur kräftigen Unterstützung, und wenn es Noth thut, zuweilen zu Eingriffen. — Heute Morgen hat der Unterricht begonnen; mein Religionsunterricht behagt mir recht sehr, da ich im Ganzen den Umgang mit Kindern sehr liebe und eine Unterweisung der Art, die nicht das Aneignen einer gewissen Fertigkeit, sondern eine Anleitung zum Guten und Edlen, zuweilen gar die Umwandlung der Gemnthsr) Zum Berständniß des Folgenden ist zu bemerken, daß Geiger am 21. November 1832 zum Rabbiner in Wiesbaden gewählt wurde und alsbald sein neues Amt antrat.