Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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77 Nicht minder erwähnenswerth ist die vor Kurzem in London stattgefimdene Eröffnung der neuen Saison des jüdisch-historischen Vereins, welcher eine ziemlich bebeutenbe Zahl von jüdischen und nichtjüdischen Fachmännern und Geschichtsfrennden 511 Mitgliedern bat. Bei dieser Gelegenheit hielt der Präsident des Vereins, Mr. Lucien Wolf, die Eröffnungsrede, worin er mit nicht geringer Genllgthnimg auf die Energie und Thätigkeit hinwies, welche der Verein seit der kurzen Zeit seiner Gründung nach verschiedenen Seiten hin entfaltet und an den Tag gelegt hat. Zugleich machte er die Anwesenden auch ans die Thaisache aufmerksam, das; die mannigfachen, von Mitgliedern neu entdeckten geschichtlichen Urkunden nicht alleinviele Lücken in den Annalen der Juden Englands aussnllen, sondern das; sie nebstdem auch auf die gesummte Geschichte der Inden und der englischen Nation Streiflichter werfen, die manche bisher wenig bekannt gewesenen geschichtlichen Fakta beleuchten und einigermaßen klarer stellen, als es früher der Fall gewesen. Ich werde wohl nächstens Gelegenheit haben, wenn diese geschichtlichen Urkunden im Druck erschienen sind, manches Interessante daraus in diesen Blättern mitzntheilen. In meinem früheren Briefe sprach ich von der anerkennrns-' wcrthen litterarischen Thätigkeit, welche die seit einer Reihe von Jahren in London vierteljährlich erscheinende „Jewish Review" nach verschiedenen Richtungen hin entfaltet hat. Das Januarheft dieser „Review", das mir eben vorliegt, ist ebenso lehr- und gehaltreich, als die meisten seiner Vorgänger es waren, und kann es daher ben jüdischen Gelehrten, welche der englischen Sprache mächtig sind, zur ansnierksamen Lektüre bestens empfohlen werden. Ich würde die engen Grenzen eines Briefes, wie dieser es ist, weit überschreiten niüssen, wollte ich hier den Inhalt aller in dem fraglichen Hefte üoilommeitbeu wissenschaftlichen Artikel nebst den Namen ihrer Verfasser mittheilen. Doch will ich es nicht unterlassen, hier wenigstens zwei Beiträge darunter zu erwähnen, die ein mehr als gewöhnliches JntereffUhaben dürften. Vielleicht komme ich späterhin noch auf die andern Artikel zu sprechen. Der erste Beitrag besteht aus einer kurz gefaßten Biographie des vor Kurzem in Paris Hingeschiedenen Professor Derenbourg, worin der Verfasser derselben, Dr. Neubauer in Oxford, der ein langjähriger, intimer Freund des Verblichenen war, die ersten harten Kämpfe ums liebe Brod beschreibt, welche Letzterer bis zu seinem späten Mannesalter mitzumachen hatte. Zugleich werden aber darin auch die großen Verdienste erwähnt, die der Verewigte sich auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft des Orients erworben, wofür ihm verschiedene Auszeichnnngen zu Theil geworden sind, die den Abend seines Lebens erhellten und angenehm machten. Bei Derenbourg bewahrheitete sich somit der Ausspruch des Propheten: „Am Abend da wird es Licht." hi« rrrp mr nrb) Der zweite besonders tvichtige Beitrag, der in dem fraglichen Hefte enthalten ist, hat Professor Margolionth in Cambridge zum Verfasser und besteht aus einem hebräischen M. S., worin die selbst bau Grätz verloren geglaubte „Megillah" des ägyptischen Purim fibjü) abkopirt ist. Das in Rede stehende Dokument hat nicht allein einen großen geschichtlichen Werth, sondern ist auch schon deshalb recht interessant, iveil dessen hebräischer Stil schön, fließend und anziehend ist und mit dem des Buches Esther viel Aehnlichkeit hat. Die nächsten Hefte der fraglichen „Review" werden, nebst anderen lesenswerthen litterarischen Beiträgen, auch ausführliche Biographien des Jedajah Bedaresi und des Külonymos ben Kalonymos bringen, deren Verfasser der Schreiber dieser Zeilen ist. £**$*>£ Rabbi und Tensor. Von Dr. G. Perlitz in Nakel. in Nabbi, der sein<Vildung ausschließlich aus dem Talmud und dem hebräischen Schriftthnm schöpft, in freundlichem, man könnte beinahe sagen freundschaftlichem Verkehr mit einem klassisch gebildeten, dem geistlichen Stande augehörenden Christen ist gewiß eine interessante Erscheinung, die gegenwärtig bei den hochgehenden Wogen des Aiitisemitisimis besondere Beachtung verdienen dürfte. Diese bemerkenswerthe Erscheinung tritt uns in dem Verhältnisse des R. Eleasar Fleckeles zu dem gelehrten Censor Carolus Fischer entgegen. Ersterer bekleidete nach dem am 22. April 1793 (17. Jjar 5553) erfolgten Tode des Oberrabbiners Ezechiel Landau unter dem Titel eines ersten Oberjuristen das Amt des Vorsitzenden im Prager Rabbinatskolleginni, letzterer hatte die hebräischen Schriftwerke vor ihrer Drucklegung auf die Harmlosigkeit ihres Inhalts zu prüfen und ihnen das placet zu ertheilen. Infolgedessen traten die Rabbiner, welche hebräische Werke durch den Druck zu veröffentlichen wünschten, mit dem CensorJund Translator 11 liebraicis zunächst in amtlichen Verkehr. Aber dieser Verkehr beschränkte sich nicht immer ans die amtlichen Geschäfte. Der Censor wünschte zuweilen vom Rabbiner Aufschluß über manche ins religiöse Gebiet einschlägige Fragen und der Rabbi ertheilte ihm dieselbe in hebräischer Sprache im talmudischen Idiom. Es ninthet uns eigenthünilich an, wenn wir in einer Responsensammlnng, in welcher die bedeutendsten Rabbiner ihrer Zeit ihre Ansichten über Fragen der religiösen Praxis austaiischen, auch ein an einen christlichen Gelehrten gerichtetes Responsum finden, das sich in der Form von den Responsen an jüdische Schriftgelehrte nicht unterscheidet. Einem solchen Responsum begegnen wir in dem Werke mnKÖ HDlWl von R. Eleasar Fleckeles (Prag 1815). Es ist das 26. in der Sammlung und an Carolus Fischer adressirt. Da es nach mehr als einer Richtung bemerkenswerth ist, so lassen wir es hier in sinngetreuer und möglichst wortgetreuer Uedersetzimg folgen. Es lautet: Fülle des Friedens, Heil, Segen und lange dauerndes Leben meinem Herzensfreunde, dem weisen, mit reichen Vorzügen geschmückten, großen weltberühmten Translator, dem Manne, der die Wahrheit und Geradheit liebt, dem hochgeehrten Herrn Carl Fischer, k. k. Censor re-, er lebe ein langes, gesegnetes Leben. Ihre liebe, freundliche Zuschrift habe ich erhalten. Sie enthält eine Doppelfrage: I. „Ob nach mosaischem Gesetze ein Unterschied besteht zwischen einem Eid, den ein Jude einem Glaubensgenossen leistet, und einem Eid, ben ein Jude gegen einen Nichtjuden ablegt. II. Im Falle, daß ein solcher Unterschied besteht, ob man bei der Eidesabnahme eines Juden gegen einen Nichtjuden in der Weise verfährt, daß der erstere mit dem Sterbegewande bekleidet in einem Sarge liegend oder, wie ein anderer meint, mit dem Buche Soharin der Hand schwört, welches nach Ansicht der Sekte der Chassidim einen so heiligen Charakter habe, daß dessen Berührung dem einen Meineid schwörenden binnen Kurzem den Tod bringe." So weit in Kürze Ihre lieben Worte. Sehr gern erfülle ich Ihren freundlichen Wunsch. Ich habe deshalb meine sonstigen Arbeiten beiseite gelegt, um nach Kräften zu forschen und kurz gefaßt, wahrheitsgemäß zu antworten. Ad I. A. Wo das mosaische Gesetz den vergeblichen und falschen Schwur verbietet, unterscheidet es nirgends' zwischen dem Eid, der einem Juden und dem, der gegen einen Nichtjuden geleistet wird Es verbietet allgemein grundsätzlich das Aussprechen des göttlichen Namens zum Falschen, gleichviel ob dies gegenüber einem Juden oder Nichtjuden geschieht. B. Das Verbot, den Namen Gottes zum Falschen auszusprechen, gehört ebenso zu den zehn Aussprüchen wie das Verbot des Ehebruches. Wird da etwa Jemand behaupten wollen, daß nur mit einer Jüdin und nicht auch mit einer Nichtjüdin der Ehebruch verboten' ist? Wird