Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1896)
- Date
- 1896-02-14
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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Religionsschulwesens durch persönliche Leitung und Ertheiluug des Unterrichts seitens des Rabbiners" — und schließlich folgt die Entwertung eines Lehrplans für den Religionsunterricht an Gymnasien und Realschulen. (Vgl. Auerbach, das Judenthtim und seine Bekenner, S. 440 f.) Doch bei den schönen Worten ist es geblieben! Thaten sind bis jetzt nicht vorhanden. Wie nun, wenn uns jetzt über Nacht die Negierung den obligatorischen Religionsunterricht bescheerte? Was soll unterrichtet werden?! Wer soll unterrichten?! Wir haben auch heute, vier Jahre nachdem auf dem Gemeindetag darüber Klage geführt worden ist, noch nicht die genügenden Lehrkräfte. Und warilm nicht?! Weil nichts in der Sache geschehen ist. Es ist aber nachgerade Zeit geworden, etwas hier zu thun. Oder soll noch immer die Logik gelten: Wir haben keine Reltgionslehrer und können deshalb keinen Religionsiuiterricht brauchen. Wir haben auch keine Lehrer in der Suahelisprache. Würde aber die Regierung den Unterricht in dieser Sprache als obligatorisch erklären, so hätten wir im-Laufe weniger Jahre auch Lehrkräfte in der Suahelifprache. Und dasselbe gilt vom jüdischen Religionsunterricht. Hätte man sich nur seit vier Jahren ernstlich bemüht, Religionslehrer für den Unterricht an den höheren Schulen heranzubilden, so Hütten wir heute gewiß keinen Mangel daran. Und mm die Lehrgegenstände. — Auch hier sind bei wahrhaft ernstein Streben die Schwierigkeiten nicht unüberwindlich. Der Unterricht in den höheren Klassen des Gymnasiums und der Realschule will eine ganz andere Behandlung wie bei den Schülern in dem ersten Knabenalter. Hier handelt es sich nicht mehr darum, nur auf das Gemüth zu wirken. Religiöses Wissen sollte vor Allem gefördert werden. Es soll der Schüler den erhabenen, unvergleichlichen Inhalt des Judenthums kennen und schützen lernen. Er soll alle Gebete und Satzungen des Judenthums mit Verstündniß durchdringen, seinen Werdeprozeß beobachten, mit seiner Geschichte vertraut werden, seinen Einfluß auf die menschliche Kultur erschauen. Bei dieser Art des Unterrichts treten die vorhandenen religiösen Parteiungen inehr und mehr zurück. Es dürfte sich also ganz wohl ein Lehrplan ausarbeiten lassen, der so ziemlich den Anforderungen aller Parteien entspricht. Aber er muß ausgearbeitet werden. Es darf nicht ferner der Grundsatz gelten: laiser aller-, Isiser faire. Man darf nicht mehr fortwursteln, so endlich einmal das „Tohuwabohu" gelichtet werden soll. Wenn also jetzt die Frage über den obligatorischen Religionsunterricht in weiteren Kreisen erörtert wird, so erachten wir es als unumgängliche Vorarbeit, einen gemeinsamen Lehrplan auszuarbeiten und die erforderlichen Lehrkräfte heranzubilden. Ist dies geschehen und in einer Weise geschehen, daß den verschiedenen religiösen Richtungen die Furcht vordem Gewissenszwang benommen wird, so wird auch die bei Manchen noch vorhandene Abneigung, gegen den obligatorischen Religionsunterricht schwinden. Nachbemerkung. Als wir obige Darlegung schon der Redaktion eingesandt hatten, kam uns der leitende Artikel in Nr. 0 dieser Zeitung zu Gesicht, und können wir es uns nicht versagen, auf einige Punkte desselben zu erwiederu. Die Gründe, die man heute gegen die Gleichberechtigung des jüdischen Religionsilnterrichts ins Feld führt — die Religionsleyrer müßten an den langweiligen Konferenzen theilnehmen und würden bald der Sache überdrüssig werden, —sind wohl wenig einleuchtend. Wir wollen gewiß nicht mit dem Verfasser jenes Artikels, der ja an zwei Gymnasien unterrichtet, über die Art und Weise seines Unterrichts rechten. Wenn er aber glaubt, daß es den Religionslehrern schließlich leid sein würde um die Zeit, die sie auf di^ Konferenzen verwenden müßten, so haben wir eine viel zu hohe Meinung von den Herren, die den jüdischen Religionsunterricht ertheilen, als daß wir bei ihnen solch kleinliche Ansichteil voraussetzen könnten. — Und nun gar erst der Grund, daß es der jüdische Reltgionslehrer in heutiger Zeit vermeiden müsse, „einem Jungen die Censur zu verderben". Das wäre geradezu eine unfern Religionslehrer beleidigende Zumuthung. Wir können uns nicht denken, daß ein jüdischer Religionsleyrer sich so unwahrhaft benehmen und einem Schüler die Censur „genügend" geben würde, wenn er sie nicht verdient. Wie könnte auch ein solcher Lehrer überhaupt noch Religionsunterricht ertheilen! Wie könnte er seine Schüler zu unbeugsamer Wahrhaftigkeit anhalten, wenn er selbst nicht wahrhaft ist! — Wenn man aber selbst um den Preis der Wahrhaftigkeit alles vermeiden soll, um nur keine Abneigung gegen den Religionsunterricht bei den Schülern wachzurufen, so verzichten wir lieber auf jeden Religionsunterricht. Besser gar keinen als einen schlechten! — Alls die übrigen Punkte jenes Artikels können wir an dieser Stelle nicht eingehen. Briefe aus England. Bon Rev. Dr. CHotzner in Belfast. CSjfe n keinem Lande der Well ist vielleicht der Ueberfluß an Mangel an Sonnenschein während der Herbst- und Wintermonate ebenso O-9 auffallend bemerkbar als hier in England. Und doch sind es gerade diese nebligen, kalten und regnerischen Monate, die. vom literarischen Standpunkte aus betrachtet, bessere Resultate liefern und größere Vortheile mit sich bringen als die sonnige Frühlings¬ und Sommerzeit es in der Regel thun. Denn die rührigste Thätigkeit auf litterarischem Gebiete im ganzen Jahre kommt hier zu Lande bei Juden und Nichtjuden hauptsächlich in den erstgenannten Monaten zum Vorschein, und da wir uns augenblicklich innerhalb dieser Zeitperiode befinden, so will ich den Lesern dieser Blätter von solcher Thätigkeit auf jüdischem Gebiete, wie sie sich, namentlich in der englischen Metropole letzthin kund gegeben, einige Mittheilungen machen. In erster Reihe dürfte wohl der Beginn der litterarischen Vorträge in Erwähnung gebracht werden, die seit mehreren Jahren alljährlich in jetziger Saison in den Räumen des Jews College von jüdischen und nichtjüdischen Gelehrten periodisch gehalten werden. Selbstverständlich werden in diesen Vortrügen ausschließlich nur solche Themata behandelt und besprochen, die auf die Geschichte, Litteratur und Wissenschaft des Judenthums mehr oder weniger Bezug haben, wobei unser gelehrter Chief Rabbi, oder Dr. Friedländer, Direktor des besagten Kollege, meistens präsidiren. Unter Dr. Adlers Vorsitz wurde jüngst in denselben besagtere Räumen von einem Mr. Alexander ein Vortrag über Juda-Ha-Nasi gehalten, wobei der Vorsitzende einige Bemerkungen machte, die ein charakteristisches Bild von den fraglichen Vorträgen abgeben. Wenn es wahr sei, bemerkte der Redner, daß jede Nachahmung als eine große Schmeichelei angesehen werden könne, so sei der mitckews College in Verbindung stehende litterarische Verein berechtigt, mit einem gewissen Stolz auf die Thatsache hinzuweisen, daß dessen Gründung und Entstehung die Veranlastung gewesen sei, daß viele ähnliche Vereine in Deutschland und auch anderwärts ins Leben gerufen wurden, welche alle dieselbe Tendenz befolgen, nämlich das Studium der jüdischen Litteratur und.Wissenschaft zu fördern und fruchtbar zu machen. Und wollte inan den Werth" des Inhalts der im Jews College gehaltenen Vortrüge mit dem vieler anderer vergleichen, so würde es schwer fallen zu entscheiden, welchen von ihnen der Vorzug gebühre.