Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228155--52575-3258204- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
bekränzter Lehnsessel verehrt wurde. Am Sabbaih, als am Geburtstage selbst, fand nun aber erst die eigentliche Feier in der Synagoge statt, zu welcher auch der Landesrabbiner, Herr Dr. Feilchenfeld aus Schwerin, sich eingefunden. Herr Kantor Schlesinger sprach noch mehrere besondere Gebete und Segenswünsche für den Geburtstagsgreis und Herr Dr. Feilchenfeld hielt eine ergreifende Predigt, in welcher er den Verdiensten desselben Ausdrück gab und die mit einer besonderen Einsegnung des hochverehrten Jubilars endete. Zu dieser Feier war die ganze Gemeinde in dem schön geschmückten Tempel erschienen und auch von auswärts waren zahlreiche Freunde wie Verwandte eingetrosfen, so daß das Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefühlt war. In der Mittagsstunde bis spät am Nachmittage fanden sich in der Wohnung des Jubilars eine lange Reihe von Gratulanten ein Der erste Bürgermeister, Herr Geheimer Hofrath Stegemann,,, brachte in ergreifenden Worten die Wünsche der ganzen Stadt undj schilderte die Verdienste dieses ältesten Bürgers in längerer Rede. Der Großherzog verlieh dem Neunzigjährigem die silberne Medaille am Bande mit der Inschrift: „Dem redlichen Manne und dem guten Bürger". Auch die Gemeinde suchte den Jubilar mit diversen Geschenken zu erfreuen. Herr M. Cohn erfreut sich aber auch noch einer guten Gesundheit und einer geradezu staunenswerthen geistigen Frische. Möge der Allvater ihm diese Gabe noch recht lange erhalten. $. Magdeburg, 2. Februar. Der hiesige israelitische Wittwen- und Waisen-Unterstützungsverein, eine seit dem Jahre 1869 innerhalb der hiesigen Jsraelitengemeinde bestehende wohlthätige Stiftung, deren Begründer der Rabbiner Dr. Rahmer ist, hielt Sonnabend, den 25. d. M.. im Gemeindehause die statutenmäßige Jahresversammlung ab. Der Vorsitzende des Vereins, Oberstabsarzt a. D. Dr. Rosenthal, eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, in der er die bisherigen segensreichen Leistungen und die ferneren Ziele des Vereins darlegte. Demnächst ward in Erledigung des geschäftlichen Theils der Tagesordnung der Bericht über die Rechnungsprüfung aus dem Jahre 1894 erstattet, dem Vorstande Entlastung ertheilt und die Wahl von drei Revisoren zur Prüfung der finanziellen Verwaltung des Vereins im abgelaufenen Jahre 1895 vollzogen. Hieran schloß sich eine Ergänzungswahl für drei statutenmäßig ausscheidende Mitglieder des Vorstandes — es wurden die Herren S. Singer, G. Friedeberg und Max Weil gewählt —, der Rabbiner ist lebenslängliches Mitglied —, sowie endlich eine allgemeine Besprechung des der Versammlung gedruckt vorgelegten Verwaltungsberichts für das Jahr 1895. Aus dem letzteren ist Folgendes hervorzuheben: Die Einnahmen des Vereins, die theils aus den regelmäßigen Jahresbeiträgen der Bereinsmitglieder, theils aus den Zinsen des durch freiwillige Gaben und Schenkungen angesammelten Stiftungskapitals sich zusammensetzen, betrugen 6696,31 Mark. Ausgetheilt wurden an bedürftige Wittwen und für arme Waisen an deren Mütter oder Vormünder 3013,60 Mark, so daß einschließlich der sonstigen geringen Verwaltungskosten die Gesammtausgaben auf 3165,70 Mark sich stellen. Die Mitgliederzahl des Vereins belief sich auf 212, während das Grundvermögen am 31. Dezember 1895 die Höhe von 67 551,67 Mark erreichte. z. Leipzig, 2. Februar. Dank der bekannten Munifizenz des Herrn Alphons Jacobson ist auch in unserer Gemeinde eine israelitische Speiseanstalt eröffnet worden. Dieselbe steht unter Aufsicht des Rabbiners S. Hurwitz und wird von einem Komitee, bestehend aus den Damen Frau Dr. Porges, Frau Nelke, Frau Rabbiner Hurwitz und Herrn Jacob Blumenfeld geleitet. Schon an den ersten Tagen nach der Eröffnung gelangten 30 bis 50 Portionen täglich zur Gratis- »ertheilung. Da die Speise-Anstalt am Samstag geschlossen ist, so werden am FreitagHoppelportionen verabfolgt. Bei der Opferwilligkeit unserer Gemeindemstglieder ist zu hoffen, daß die Anstalt, die vorläufig provisorisch auf zwei Monate begründet wurde, zu einer beständigen Institution werden wird, zum Heile der Armen und zur Ehre unserer Gemeinde. Freiburg i. B., 2. Februar. Am 27. v. M. beging der hiesige Rabbiner, Herr Dr. A. Lewin, sein 25jähriges Amtsjubiläum. Schon am Vorabende brachte der Synagogenchor unter Leitung der Herren Musikdirektor Haffelbeck und Kantor Sommer dem Herrn Rabbiner ein Ständchen. Der Tag selbst gestaltete sich durch die rege Betheiligung aller Kreise zu einem Ehrentage für den Jubilar. Die Gemeinden, in denen der Herr Rabbiner amtirt hat. Private und Vereine ließen es sich nicht nehmen, ihre Glückwünsche darzubringen, und die große Anzahl der von allen Seiten mündlich wie schriftlich dargebrachten Ovationen bewiesen, in wie hohem Grade der Jubilar sich durch sein Wirken die Verehrung Aller erworben hat. Ganz besonders ragte unter den zahlreichen Ehrengaben die prachtvoll ausgestaltete Adresse hervor, welche die Gemeinde Koschmin überreichen ließ, deren Rabbiner der Jubilar von 1872—1878 gewesen ist. Die Vertreter der Synagogengemeinde Freiburg und der Gemeinden im Bezirk Freiburg wie Sulzburg und auch die Lehrer dieser Bezirke brachten dem Herrn Rabbiner ihre Glückwünsche in corpore dar und überreichten werthvolle Geschenke mit ehrenden Zuschriften. Besonders erwähnenswerth ist die schöne Rede unseres ersten Vorstehers, des Herrn B. Duk as, die die Ehrengabe der Freiburger Gemeinde, einen kostbaren Pokal, begleitete. Zur Feier des Tages veranstalteten die Vertreter der genannten Gemeinden auch ein Festmahl, an denen die Lehrer theilnahmen. Das Mahl wurde von dem Herrn Rabbiner durch einen Toast auf den Kaiser und von dem zufällig anwesenden Herrn Regierungsrath Dr. Mayer ans Karlsruhe durch ein Hoch auf den Großherzog eröffnet. Im weiteren Verlauf des Festes zeugten die von den Theilnehmern gehaltenen Reden, wie sehr die Verdienste anerkannt wurden, welche sich der Jubilar um den Religionsunterricht und die sittliche Ausbildung der seiner Seelsorge anvertrauten Kinder, sowie um die Hebung der sittlichen und sozialen Stellung seiner Glaubensgenossen erworben hat. Hervorgehoben wurde insbesondere, wie der Herr Rabbiner im Kriege von 1870/71 freiwillig als Feldprediger dem Heere gefolgt war und sich so in den Dienst der Gesammtheit gestellt hatte, wie er dann in Baden durch Mitbegründung des Handwerkervereins, durch seine Bemühungen für die Gründung eines Asyls für Sieche und durch seine eifrige Thätigkeit auf der jüngst einberufen gewesenen Landessynode das Gesammtwohl seiner Glaubensgenossen zu fördern suchte. Den Schluß des Tages bildete ein gemüthliches Beisammensein der Festtheilnehmer und sonstigen Gäste in der Wohnung des Jubilars, der dieselben bis zum späten Abend zusammenhielt. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 3. Februar. Nachdem die Vorsteher der neunzehn Gemeindebezirke von Wien den Auftrag erhallen haben, binnen drei Tagen die Vorsitzenden und die Vertrauensmänner für die Wahlkommissionen namhaft zu machen, steht zweifellos die Ausschreibung der Gemeinderathswahlen unmittelbar bevor. Man nimmt an, daß die Wahlen am 17. oder am 18. Februar beginnen werden. Nunmehr kommen auch die Wählerversammlungen in Fluß. Von beiden Parteien werden die Vorbereitungen für die Wahlaktion in der intensivsten Weise betrieben. — Beim Ball der Stadt Wien beehrte der Kaiser mit längeren Ansprachen: Herrn Baumeister Donat Zifferer, Frau Professor Amelie Oser u. v. a. — Der sogenannte heilige Schuster Alois Heger, der einen Orden gründen wollte und sich mehrfacher Schwindeleien schuldig gemacht hat, wurde wegen Betruges zu acht Monaten Kerkers, der Obmann des Vereines „Zum heiligen Petrus" Franz Kraus wegen Veruntreuung der Vereinsgelder zu achtzehn Monaten schweren Kerkers verurtheilt. Beide gute Antisemiten! — In Brünn fand am 30. v. M. in der Kavalleriekaserne zwischen dem 24. jährigen Dragoner-Oberlieutenant Josef Freiherrn Suini della Pieve d'Albignola und dem Maschinen-Jngenieur Reserve-Lieutenant Eduard Lustig, Obmann-Stellvertreter des Deutschen Turnvereins in Brünn, ein Säbel-Duell statt. Der Dragoner-Oberlieutenant wurde an beiden Händen schwer verletzt. Der Jgenieur erhielt eine Wunde an der Sirne und eine Schnittwunde an der linken Hand, doch sind diese Verletzungen nur leichter Art. Als Ursache des Duells wird angegeben, daß Baron Suini im Cafe des Deutschen Hauses ein antisemitisches Lied sang, während Lustig mit mehreren Technikern Billard spielte. Lustig stellte den Baron zur Rede und sagte, er sei Reserve-Offizier. Darauf entgegnete der Baron: „Jüdischer Schwindel!" Als nun Lustig dem Baron seine Karte überreichen wollte, erhielt er von diesem eine Ohrfeige. Lustig, stadtbekannt als ein kräftiger Mann, erfaßte den Baron, hob ihn in die Höhe und schleuderte ihn mit aller Wucht gegen ein Fenster, so daß die Scheiben klirrend zerbrachen. — Die Staatsanwaltschaft in Jitschin erhob gegen den Journalisten K. H. Wolf die Anklage wegen des Vergehens durch Aufreizung gegen Israeliten. — In Brünn wurde die 25. Wiederwahl