Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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60. Lahrgang. Nr. 6. (5rmrinörbotc. Weira ge zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. LQ Berlin, 1. Februar. Im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hielt am 28. v. Mts. Herr Dozent Dr. M. Schreiner einen höchst interessanten Vortrag über die „Ethik der Philosophen des Mittelalters vor Maimonides". Der Vortragende behandelte die Hauptrepräsentanten jener Periode: Sadia Gaon, Bachja Jbn Pakuda und Joseph Jbn Zadik sehr eingehend. Besonderes Interesse erregten die Anschauungen über die Willensfreiheit und Lebensfreudigkeit, die von der arabischen Philosophie beeinflußt waren, und der Exkurs über die Idee des Märtyrerthums bei den Juden. An diesen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag schloß sich eine anregende Diskussion. Hoffentlich wird die ausgezeichnete Arbeit bald durch den Druck weiteren Kreisen zugänglich. Der Borstand des Vereins hat jüngst beschlossen, auch diesmal wieder, und zwar am Donnerstag, den 27. Februar, eine Purim-Feier zu veranstalten. Herr Dr. I. Kastan hat es übernommen, einen kurzen Vortrag über Sitten und Gebräuche am Purim- Feste zu halten. Daran sollen sich entweder ein Purim-Festspiel oder musikalische Vorträge anschließen, darauf wie üblich Souper und Tanz. Hoffentlich wird die Betheiligung eine recht starke sein. §£2 Berlin, 5. Februar. Unter den Inseraten der heutigen Nummer finden unsere Leser den Ausruf zur Unterstützung des Lehrlings heims in Pankow, den wir auch an dieser Stelle nochmals dem besonderen Wohlwollen aller Menschenfreunde wärmstens empfehlen möchten. Von allen Instituten, die die neue Zeit hervorgerufen, ist gerade dieses, welches darauf ausgeht, einen tüchtigen jüdischen Handwerkerstand heranzubilden, eines der wichtigsten. Die Leitung desselben ist in tüchtigen Händen; aber die Mittel fehlen leider, um die Leistungsfähigkeit des Instituts zu erhöhen. Wir hoffen darum zuversichtlich, daß der Ausruf des Kuratoriums für dieses Lehrlingsheim überall warme Theilnahme finden wird. §2 Berlin, 2. Februar. In seinem Vortrage am Freitag, dem 17. Januar, sprach sich Herr von Egidy auf eine Anfrage hin über seine Stellung zum Antisemitismus aus. Er meinte, abgesehen von dem schmutzigen Geschäftsantisemitismus, über den er nicht reden wolle, gäbe es drei Arten, drei Standpunkte, von denen aus die Abneigung gegen die Juden begründet würde. Zuerst sei es der konfessionelle Standpunkt. Verschwände, wie er, Redner, es verlange, die Konfession überhaupt aus unserm öffentlichen Leben, um einer wahren Religiosität Platz zu machen, überlasse man es dem Einzelnen, wo er die Wurzeln seiner sittlichen Kraft fände, bei Buddha, bei Moses oder bei Jesus, urtheilte man allein nach dem Satze „An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen", so gäbe es nach der Seite keinen Antisemitismus. Ernster sei die Frage vom Rassenstandpunkt aus. Da stände der Arier dem Semiten nicht gegenüber (denn das Wort anti, das die Gegnerschaft bedeutet, sei doch des vernünftigen Menschen, geschweige denn des Christen, unwürdig), sondern neben ihm. Als Deutsche haben wir allerdings das Recht, unsere Einrichtungen nach unserem eigenen Elnpfinden zu gestalten, aber kein. Jude wird sich diesem Wandel in unfern Zuständen auf Grund seines Judenthums widersetzen. Haben wir Einrichtungen, wie er (v. E.) sie erstrebt, so geht die Judenheit von selbst in der Kultur weit auf. Gäbe es dann allerdings noch Juden, die Werth darauf legten, nur Juden und nicht Deutsche zu sein, dann müßten sie sich gefallen lassen, nicht unfreundlich, aber als Gäste, als Fremdlinge betrachtet zu werden. Wer heute durch die Verfassung Deutscher ist, kann sich weiter als Deutscher betrachten, wer sich heute Jude nennt, kann bestimmen, ob er Deutscher sein will, oder sich selbst als Fremdling fühlen. — Der dritte Standpunkt sei der: gewisse üble Eigenschaften, die man besonders entwickelt bei den Juden annimmt. bekämpfen zu wollen. Da sei es doch erst zu entscheiden, ob es berechtigt sei, diese Uebel in unserem Volke, die allerdings zu bekämpfen seien (Wucher. Auswüchse der Spekulation u. A.), den Juden zuzuschreiben. Müsse er (v. E.) die Frage mit „Ja" oder „Nein" beantworten, so sage er „Nein". Die Christen sind doch seit Hunderten von Jahren Herren im Lande, sind da Fehler gemacht worden, so ist das ihre Schuld; fielen den Juden bisher gewisse Berufe und Beschäftigungen zu, weil andere ihnen verschlossen, so ist das nicht ihre Schuld. Man verlieh ihnen die Bürgerrechte und betrachtete sie doch nicht ganz als zu uns gehörig, und das rächt sich. Es wäre doch aber eine Schande, und er als Deutscher würde sich schämen, auch nur die Besorgniß zu äußern, daß 49 Millionen Deutsche sich von noch nicht einer Million Juden vergewaltigen lassen würden, oder deren etwaige schlechte Eigenschaften annähmen. Was schließlich die sogenannte Sympathie oder Antipathie anbetreffe, so sei das vielfach Gewohnheits- und Modesache und eine sehr ernste Erziehungsangelegenheit. Die Antipathie gegen die Juden, wie der Antisemitismus überhaupt, kam aber ganz plötzlich. Vor 25 Jahren wußte man nichts davon. Vor etwa 30 Jahren war dagegen die Abneigung zwischen den deutschen Stämmen so groß, daß es für einen preußischen Offizier fast unmöglich, war ein badisches oder sächsisches Edelfräulein zu heirathen. So veraltet uns das jetzt berührt, so unzeitgemäß wird uns auch einst die Abneigung gegen die Juden erscheinen. Der Antisemitismus muß aus unserm Leben verschwinden, was wir dafür brauchen, das ist die Antikorruption, wo und wie wir die Uebel finden. A Potsdam, 3. Februar. Die Feier zu Ehren des 70. Geburtstages unseres Rabbiners Dr. Tobias Cohn verlief gestern in sehr würdiger Weise. Schon am frühen Morgen kamen zahlreiche Gratulanten von hier und aus Berlin, die dem Jubilar ihre herzlichen Glückwünsche und Geschenke darbrachten. In der Mittagsstunde erschienen die offiziellen Deputationen. Der Sängerchor intonirte zuerst ein Lied, worauf der Vorsitzende der Gemeinde, Herr Rechtsanwalt Dr. Friedländer, eine längere Ansprache hielt, in der er die Verdienste in herzlicher Weise feierte und der Anerkennung der Gemeinde in einer beide Theile gleich ehrenden Weise Ausdruck verlieh. Hierauf überreichte Herr Schönseld als Geschenk der Gemeindemitglieder eine kostbare Uhr. Es folgten die Deputationen der Chewra Kadischa und des Synagogenchors, in dessen Namen Herr Kantor Schönberger einen von ihm zu diesem Zwecke komponirten Psalm überreichte, der nunmehr gesungen wurde. Herr Rabbiner Cohn dankte in bewegten Worten, indem er seines ganzen Lebenslaufes und seiner Thätigkeit im Dienste der Gemeinde während eines Zeitraums von fast vierzig Jahren gedachte. Von den übrigen Deputationen erwähnen wir nur noch die des Vorstandes der hiesigen „Litteraria", in deren Namen die Herren Sanitätsrath Dr. Hausmann und Professor Petfch dem Jubilar die herzlichsten Glückwünsche für seine eifrige und langjährige Thätigkeit im Dienste der Gesellschaft überbrachten. Möge es Herrn Dr. Cohn noch lange vergönnt sein, die wohlverdiente Muße in ungetrübtem Glück und voller Körperkraft zu genießen. * Seebad Kolberg, 1. Februar. Die Verwaltung des hiesjigen jüdischen Kurhospitals hat soeben ihren zweiundzwanzigsten Jahresbericht veröffentlicht, dem wir folgende Angaben entnehmen: Während der vorjährigen Kurzeit sind 171 arme Kranke unentgeltlich) verpflegt und ärztlich behandelt worden; unter den Aufgenommenen befanden sich 65 skrophulöse Kinder. Durchschnittlich verblieben die Pfleglinge 30 Tage im Hospital, deren überwiegende Mehrzahl in wesentlich gebessertem Zustande entlassen werden konnte. Einnahmen und Ausgaben hielten sich mit 22,413 Mark (rund) im Gleichgewicht. Das Grundvermögen des Kurhospitals beträgt 141,060 Mark, das Grundkapital 85,400 Mark. Das Kurhospital wird zum allergrößten Theil aus freiwilligen Gaben erhalten; es wäre daher sehr zu wünschen, daß dieselben reichlicher flössen, denn weitaus die meisten Bittgesuche — es wurden ihrer 669 gezählt — mußten aus Mangel an Mitteln abgewiesen werden.