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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-07 · Heft 6 (7.2.1896) · p. Seite 72

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 72 (sequence 12)
Language
German
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72 aber er denkt leider gar nicht d'rcm! . . . Das also hat die Kasia dem Onufrij erzählt und der Onufrij Dir?! Es ist alles Lüge!" Er taumelte, ans seiner gepreßten Brust rang sich ein Schrei, ein Schrei der Erlösung: „Lüge?!"... „Lüge, Janko! Auf Ehre!" . . . Wieder schrie er auf, diesmal leiser, weil ihm die aufsteigenden Thränen die Kehle zuschnürten. Unb im nächsten Augenblick überströmten die Thränen sein Gesicht — unaufhaltsam, wie ein Quell brachen sie hervor, und er stand vorgebeugt da und ließ sie fließen, und zwischen durch lachte er und wiederholte immer wieder: „Lüge! . . . Lüge!" „Aber Janko!" rief sie mahnend. „Was soll —" Weiter kam sie nicht. Plötzlich, wie ein Blitz, überkam sie die Gnfemitmjj, was dies heißen solle. Ohne die Reden der Kasia wäre sie wohl auch nun noch nicht darauf gekommen — so aber wußte sie es jetzt. Wieder tauchte sich Antlitz und Nacken in Purpurgluth, und ein leises Zittern überflog den jungen, schwellenden Leib. . . „Barmherziger Gott," dachte sie, „er hat wirklich die Liebe zu mir bekommen. Der arme Mensch, — es kann ja nichts daraus werden, — er ist ja ein Christ!" Das war aber auch der einzige trennende Grund, der ihr beifiel; daß er ein Bauer war, daß ihn die Anderen einen häßlichen Tölpel schalten, daran dachte sie nicht, — ihr war er weder häßlich, noch ein Tölpel, sondern eben der arme, gute Janko, der keine andere Freude hatte, als das Geplauder mit ihr, wie sie keinen anderen Freund. Und wie er so in einem Athemzuge lachend und weinend vor ihr dastand, außer sich vor Entzücken, daß sie noch feinem Anderen angehöre, da übermannte sie, ebenso urplötzlich, wie vorhin die Erkeuntniß seiner Liebe, eine anbere Empfindung, die sie bisher nie gekannt. . . Ihr Herz pochte wie ein Hammer, und sie wandte sich unwillkürlich ab, ihn: die Gluth im Antlitz zu verbergen. So standen die Beiden lange neben einander und sprachen kein Wort; nur sein Schluchzen war noch zuweilen hörbar, oder das Mädchen athmete tief auf. Der Zufall fügte es, daß Miriam dabei den Blick auf die Kellerthür geheftet hielt. So gewahrte sie es sofort, als sich der Kopf der Kasia vorsichtig aus der dunklen Oeffnung hob. Der angstvolle Ausdruck wich schnell einem listigen Lächeln, als sie die beiden jungen Mellschenkinder so stumm und glühend neben einander stehen sah. Dunkler konnten sich die runden Wangen des Mädchens auch darüber nicht mehr färben, aber in den braunen Augen wich der Ausdruck scheuer Träumerei blitzschnell dein des Zornes. „Komm' mir hervor," rief sie, „und hör' zn, welche Geheimnisse wir mit einander zu bereden haben!" Zögernd stieg die Kasia aus ihrem Versteck hervor. „Ich habe ja nichts gesagt!" betheuerte sie. „Und werde nichts sagen! Keinem Menschen! Vor mir könnt Ihr offen reden!" „Schönen Dank!" sagte Miriam scharf. „Aber wir haben nichts zu verschweigen! Nicht wahr Janko?" Aber der stand noch immer wortlos und schaute sie nur mit glückselig strahlenden Augen an. Das machte die Miriam verlegen. „Erzähle doch! Wie steht's in Deiner Wirthschaft? Hat Deine schwarze Kuh gekalbt?" „Die schwarze Kuh?!" Er fuhr sich über die Stirne. „Ich weiß nicht. . . Doch, ja, sie hat gekalbt. . ." Er seufzte tief auf. „Mein Kopf ist jetzt so schwach!" . „Es scheint so!" sagte die Miriam unwillig. „Wenn Du kein sorgsamer Mirth mehr bist, was bleibt dann sonst Gutes an Dir?!.. Schäm' Dich!" „Ach! wenn Du wüßtest! . . ." Aber so verwirrt er war, die Anwesenheit der Kasia ließ ihn doch verstummen. Er suchte sich zu fasten. „Und selbst wenn das böse Weibsbild nicht dabei wäre," dachte er, „dürfte ich ihr doch nichts sagen. Ich habe ja dem Leibko versprochen, daß ihr kein Wort, kein Blick verrathen soll, was in mir vorgeht, wenn ich sie nur täglich sehen darf. Kann sie ihm erzählen, wie vernünftig ich hellte war. so erlaubt er mir vielleicht doch, wieder zll kommeü." Ulld er wollte erzählen,.,wie die schwarze Kuh ihr Wochenbett überstanden ulid daß auf den Feldern gegen Halicz die Wintersaat nun ganz bestellt sei. Aber kaum daß er damit begonnen, klangen wieder die Kirchenglocken. Die Messe war zil Ende mld in einigell Minutell war die Schälltstube voll Gäste. „Dll mußt llun gehen!" befahl Miriam. „Dll weißt, es kann lins bei dem'Polen schaden, wenn Dich die Leute hier seheil." „Bei dem Polen?" fragte er erstaunt. „Das weißt Du ja!" erwiederte sie und wiederholte, was ihr die Mutter erzählt. Er sah sie sprachlos au. „Ist das die Wahrheit?" fragte er. „Mir haben sie —" Aber so unbehilflich er war, so erkailnte er doch noch rechtzeitig. daß er den Grund, den Leib ihm angegeben, nicht mittheilen dürfe, ohne sich dies Haus für immer zu verschließen. „Wo sind Deine Eltern?" fragte er dann. „Die Mlltter in Halicz," erwiederte sie, „der Vater in Jezupol." „Die Mutier in Halicz?" fragte er argwöhnisch. „Und der Vater in Jezupol," erwiederte sie mit starker Betonuilg. „Du weißt, ich sage inliner ulld in Allen: die Wahrheit. Uild null geh'. Mit Gott, Janko. . . Komm, Kasia." Die Magd folgte zögernd; dann, als das Mädcheil im Hause verschwulideil war, trat sie auf den jungen Bauer zu, der noch imnler wie angewllrzelt dastaild, und flüsterte ihm ills Ohr: „Sie liebt Dich! Wie verrückt ist sie nach Dir! Bei allen Heiligen, so ist es. Und ich will Euch beistehen. . ." „Was? . . . Was?" schrie er auf und faßte ihre Hand so eisernen Griffs, daß sie ailfschrie. Da ließ er sie los. (Fortsetzung folgt.) Fitterarrsche Mitcheilun gen. — Im Verlage von Siegfried Cronbach hier ist soeben eine neue, die dritte und zwar wohlfeile Ausgabe des allgemein bekannten und anerkannten Werkes: Das jüdische Weib, von Nahida Ruth Lazarus (Nahida Remy) erschienen. Einer Empfehlung bedarf dieses vortreffliche und von uns bereits wiederholt besprochene Werk wohl kaum mehr. Es verdiente in der That, von allen unseren Frauen gelesen zu werden und sollte wirklich in keiner Hausbibliothek fehlen. Der hohe sittliche Ernst, die innige Liebe zum Judenthum, die warme Begeisterung für die Ideale, für die Geschichte desselben werden dann ihre Wirkung gewiß nicht verfehlen. Die Erkenntniß dessen, was jüdische Frauen geleistet, geschaffen und getragen haben, wird dann sicher „zum Sporn selbstbewußter Läuterung und Veredelung" werden. Besonders interessant ist in dieser neuen mit dem Bildniß der Verfasserin geschmückten Auflage der folgende Passus: „Als ich dieses Buch schrieb, war ich Christin, heute bin ich Jüdin; ich mußte Jüdin werden, nachdem ich durch meine Forschungen erkannt und vollends in meinen „Kulturstudien über das Judenthum" bekannt, was die jüdische Religion bedeutet. Die Gesinnung also, welche diese Werke diktirte, ist nicht nur dieselbe geblieben, sondern sie ist bestärkt und besiegelt." Möchte das treffliche Buch, das also noch viel mehr als eine bloße Geschichtserzählung, das ein warmes und herzliches Glaubensbekenntniß ist, viele und eifrige Leser finden! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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