Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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71 „Willst Du ihr wirklich nicht Glück wünschen?!" fragte er mm vorwurfsvoll. „Sie ist ja Braut, in drei Tagen heirathet sie den alten Juden in der Dampfsäge!" Und er trollte sich in bfe Kirche. Aber es hätte der Flucht nicht bedurft; eine Weile war er vor dem Janko sicher, lind wenn er dicht neben ihn getreten wäre. Denn die Nachricht traf den jungen Bauer wie ein betäubender Schlag aufs Haupt, die Kniee knickten ein, die zitternden Hände tasteten an der Mauer, wie um sich zu haltern in das Haupt, das sich vorn überneigte, schoß das Blut, daß es die Augen blendete, und die Stirnadern dick anschwollen. Daun fiel der Körper in die Ecke der Thüre, das Haupt sank zurück, das Antlitz wurde aschenfahl, die Augen schlossen sich, der Athem ging keuchend aus unb ein. Das währte lange, bis er sich endlich aufrichtete und mit verstörten Augen nin sich blickte. „Wer?!" stieß er gellend hervor. „Der alte David?!" Niemand antwortete. Nur der Herbstwind rauschte im welkenden Laub der Linden an der Kirchenpforte. Bon drinnen klang das Gemurmel der Beter. Er war allein. . . „Der alte David?!" wiederholte er halblaut und strich sich über die Stirne. „Hund, Du lügst!" stieß er dann wieder schritt hervor und wollte in die Kirche. Da hob sich drinnen Chorgesang; er wich zurück. „Wozu?" murmelte er. „Es mag ein junger Jude sein, aber verlobt ist sie, da hat der Hund nicht gelogen." Er legte abermals die Hand an die Stirne und suchte nachzudenken. Im Hirn stach es ihn, als wären da glühende Drähte eingebohrt, und vor den Augen flimmerte es, aber was bedurfte es da erst des Nachdenkens?! ... Am Montag hatte es ihm Leib selbst gesagt, daß er deshalb zur Stadt gehe, und seither hatte er die Schänke nicht betreten dürfen... Das also war der wahre Grund. . . „Oh—h!" Ein Wehlaut brach aus seiner Brust, dumpf, lang gezogen, es klang fast wie das Heulen eines gequälten Thieres. . . Die Finger tasteten nach dem Halse, den Kragen zu lüften, daun risien sie den Kittel, das Hemde auf und bohrten sich in die braune, zottige Brust so krampfhaft fest, daß das Blut unter den Nägeln hervorspritzte. „Oh—h!" . . . „Oh— h!" — immer wieder brach der Klagelaut aus dem entfärbten, halbgeöffneten Munde. Es war schauerlich anznhören; ein Hund, der des Weges kam, blieb stehen, winselte kurz auf und lief dann mit eingeklemmtem Schweif, sich ängstlich umblickend, spornstreichs davon. So stand der Unglückliche einige Minuten lang. Dann wandelte sich der Ausdruck der Züge, die Lippen schlossen sich fest auf einander, in den starren, glasigen Augen lohte es düster auf. „Ich hab's Dir gesagt, Alter." murmelte er drohend, „es ist nicht-meine Schuld, daß Du mir nicht glauben wolltest. . Und er: schritt langsam, aber festen Schrittes die Dorfstraße hinab, der Schänke zu. Nur einmal noch blieb er stehen. Es fiel ihm ein, daß er keine Waffen habe. Aber dann schüttelte er den Kopf. „Wozu?" murmelte er.' „Das findet sich — und vielleicht —" Wieder lohte es in den düsteren Augen auf, diesmal hell und wild, und über das Antlitz flog eine heiße, jähe Röthe. „Vielleicht kommt sie mit mir!" dachte er. Aber der tröstliche Gedanke verflog so rasch, wie er gekommen. „Nein! flüsterte er. „Nun — dann Ein . . Er sprach das entsetzliche Wort nicht aus. aber er ging weiter, langsam, jedoch festen Schritts, unaufhaltsam, bis das Wirthshaus vor ihm lag. Die Kasia hielt noch immer am Thorweg aus; nur hatte sie sich's, weil der nächste Mensch, dem sie die Neuigkeit anvertrauen konnte, gar so lange auf sich warten ließ, auf dem Bänkchen neben dem Thor bequem gemacht. Als sie den Janko herankommeu sah, das Haupt vorgeneigt, im düstern, drohenden Antlitz keinen Blutstropfen, sprang sie entsetzt auf. „Der Schmied hat's ihm vorgehalten," dachte sie, „er kommt, mich für die Verleumdung zu züchtigen!" Einen Augenblick lähinte sie die Angst, dann rannte sie ins Haus und durch Schünkstube und Küche in den Hof, wo die Miriam noch immer lustig trällernd das Geschirr wusch. „Der Janko!" stöhnte sie und hob die gefalteten Hände stehend zu dem Mädchen empor. „Schütze mich — er wird mich lobten!" „Der Janko?" fragte Miriam freudig überrascht. „Erbarmen!" schrie die Kasia mit angstverzerrten Zügen und umklammerte das Mädchen. „Ich habe ja nichts gesagt!" Die Miriam machte sich los. „Bist Du verrückt? Warum sollte Dir der Janko was anthun?!" „Weil der Onufrij . . . Jesus Maria!" schrie sie schrill auf — da stand der junge Bauer schon im Hofe. Wieder stand die Magd einen Augenblick wie gelähmt; nur die Augen flogen blinzelnd in der Runde, ein Versteck zu erspähen. „Der Onufrij hat gelogen," schrie sie ihm dann zu, streckte die Arme abwehrend vor, stürzte nach der Thüre des Kellers und verschwand in der dunklen Oeffunug. Verblüfft starrte ihr das Mädchen nach und dann auf den Janko. „Was soll das heißen?" fragte sie. „Was hat Dir der Onufrij-Barmherziger Gott!" unterbrach sie sich. „Wie siehst Du aus!" Der Ausruf war nur allzu berechtigt. Haupt und Hände vorgestreckt, das Antlitz verzerrt, wilde Glut in den Augen — so stand er da und starrte sie an. Sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück — war er betrunken? Aber im nächsten Augenblick trat sie auf ihn zu und faßte seine Hand. „Was hast Du?" rief sie. „Wieder ein Streit mit dem Onufrij? Du warst doch sonst so vernünftig!" Er umklammerte ihre Hand mit der Linken und hob die Rechte, als wollte er ihren Leib umfassen. Wie Espenlaub zitterte sein Körper vor jähem Begehren, und die halbgeschlossenen Augen verglasten sich. In ihr Antlitz schlugen die Flammen bis ans Stirnhaar. „Janko!" schrie sie abwehrend auf und riß ihre Hand aus der seinen. Da wich auch er zurück. „Verzeih!" stammelte er und stieß dann bebend hervor: „Schwöre mir! — schwöre mir bei Gott und allen Heiligen — es ist wahr?" „Bei allen Heiligen" — das gab ihr die Fassung wieder. „Davon hättest Du nichts," erwiederte sie und versuchte zu lächeln, „aber die Wahrheit will ich Dir natürlich sagen, wie immer!" „Bist Du ... . bist Du verlobt?" Er konnte es nur heiser flüstern. „Das also war's!" rief sie. „Nein, ich bin noch zu haben!" Ihr war eigentlich gar nicht scherzhaft zu Muthe, aber ihr Instinkt ließ sie/diese Tonart wählen." Wer sollte mich auch wollen? Der Greis in der Sagemühle? Im Alter würde ich ja zu ihm paffen.