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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-07 · Heft 6 (7.2.1896) · p. Seite 70

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 70 (sequence 10)
Language
German
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70 „Weil ich Dich liebe! Lebewohl." Sie eilte davon. Er streckte seine Arme nach ihr aus. Seine Augen waren von Thränen geblendet. „Miriam, Miriam!" rief er. „Komm zurück, auch Du bist eine Christin.. Komm zurück, meine süße Schwester in Christo!" Ein trunkener Mönch taumelte in seine geöffneten Arme. VI. Die Juden kamen nicht, um Fra Guiseppo zu hören. All' seine leidenschaftliche Beredtsamkeit wurde an eine Zuhörerschaft von Christen und erst getauften Convertiten verschwendet. Enttäuscht, fiel er in scholastische Argumentationen zurück, aber vergebens wandte er die Waffen talmudischer Dialektik gegen die Talmudisten selbst.' Selbst seine durch kabbalistische Berechnungen gemachte Entdeckung, daß des Papstes Name und Amt schon im alteil Testament vorhergesagt worden, lockte die Juden nicht herbei, und nur in den Straßen traf er die düstern Gesichter seiner Brüder. Monatelang predigte er in sanfter Geduld, dann suchte er eines. Tages, verzweifelt und abgespannt, eine Audienz beim Papste nach, um die Erlaubnis; nachzusuchen, daß den Juden befohlen werden möge, zu seinen Predigten zu kommen. Er fand den Pontifex im Bett, unwohl, aber munter mit dem Bischof von Sala manca und bem Ober-Prokurator plaudernd, anscheinend über einen drolligen Unfall, der den französischen Legaten betroffen hatte. Zaghaft stand Guiseppo all der Thür, bis der Kämmerer ihm gebot, näher zu treten. Er that es, ehrfurchtsvoll im Niederknieen des Papstes Fuß küssend. Dann stand er auf und trug sein Verlangen vor. Aber der Beherrscher der Christenheit runzelte die Stirn. Er war ein Gelehrter und ein Edelmann, ein warmer Beschützer von Kunst und Wissenschaft. Seine Politik gegen die Juden war klüger wie die der gleichzeitigen Könige, stets eine vergleichsweise gemäßigte gewesen. Seine auswärtige Politik absorbirte. seinen Eifer, sehr zum Schaden seiner einheimischen Popularität. Während Guiseppo eifrig einem mürrischen Prälaten anseinandersetzte, wie er die jüdische Frage lösen könne, wie er mit seinen Brüdern spielen könne wie David auf seiner Harfe, wenn er sie nur unter den Zauber seiner Stimme bekommen könne^ brachte ein Kämmerer eine Erfrischung auf silberner Platte herein, der Mundkoch kostete von derselben, um sich davon zu überzeugen, daß sie giftfrei, obgleich sie aus der päpstlichen Küche kam, und auf ein Zeichen Sr. Heiligkeit mußte Guiseppo bei Seite treten. Und bevor der Papst hiermit fertig war, kamen andere Unterbrechungen, der Kapellmeister seiner Musiker holte Anweisungen für das Kirchenkonzert am 1. August; und zwei Goldschmiede, störender als dies Alles, kamen mit ihren Werken und Modellen für eine Agraffe zu des Papstes Mütze. Guiseppo verzehrte sich in Ungeduld, während der heilige Vater seine Brille aufsetzte, um eine große Vase 311 prüfen, die die Brosamen von seinem Tisch in sich aufnehmen sollte, mit ihrem reich cisilirten Griffe und ihrem Acanthns-Lanbgewinde, ihren sinnreichen Köpfen, und ihr Gegenstück, welches als Wasserschale auf seinem Speiseschrank stehen sollte und eine wundervolle Zeichnung, St. Ambrosia zu Pferde, die Arianer in die Flucht jagend, darstellte. Und als der eine Juwelier, mit Dukaten beladen, entlassen war, blieb der andere noch unerträglich lange, denn Seine Heiligkeit schien höchst zufrieden mit seinem Wachsmodell und bewunderte, wie geschickt der Künstler Gott Vater in ungezwungener Haltung dargestellt hatte, und wie elegant er den größten Diamant gerade in dein Mittelpunkt des Bas-Relief angebracht hatte. „Beeile Dich mit Deinem Werk, mein @oOn," sagte seine Heiligkeit, als er ihn endlich entließ, „ich möchte den Ring tragen, ehe ich sterbe." Dann sprach er zu Guiseppe: „Willst Du noch irgend etwas von mir? Ach, ich erinnere mich! Du möchtest Deinen steifnackigen Verwandten predigen. Ebbene, daß ist ein würdiger Ehrgeiz. Luigi, erinnere mich, eine Bulle zu erlassen." Mit überströmenden Augen fiel der Mönch zu des Pontifex's Füßen, sie küffend und unzusammenhäugende Dankesworte stammelnd. Die Bulle erschien. Die Juden sollten die nächste Predigt anhören. Er erwartete dm Sabbath - Nachmittag in wahnsinniger, geistiger Erregung. Er bereitete eine wunderbare Rede vor. Die Juden würden doch nicht wagen, dem Edikt zu trotzen. Es war zu scharf. Es gab keinen Ausweg. Die Tage schwanden dahin. Die Buffe war nicht aufgehoben worden, obgleich er erfahren hatte, daß die Bankiers der Gemeinde ihren Einfluß aufgeboten hasten, um sie rückgängig zu machen; sie war nicht einmal unter dem Vorwand, sie zu begrenzen, gemäßigt worden, wie die Päpste mit zu ftrengen Bullen zu verfahren pflegten. Am Donnerstag brach die Pest aus im Ghetto; am Freitag war ein Zehntel der Bevölkerung todt. Ein Uebertreten des Tiber hatte sie veranlaßt, hervorgerufen auch durch die bösen fieberischen Ausdünstungen jener versumpften Alleen, jener so streng abgeschlossenen Häuser mit ihren Schwärmen sich vermehrender Brutkeime. Am Sonntag wurden die Thore des Ghetto offiziell geschloffen. Die Pest wurde lokalisirt. Während dreier Monate stand es ben von der menschlichen Nächstenliebe Ausgeschlossenen, frei, Tag und Nacht in ihrem verpesteten Gefängniß zu leben oder zu sterben. Als das Ghetto endlich geöffnet und desiufizirt wurde, wimmelte es vou Tobten, nicht von Lebenden. (Fortsetzung folgt.) ■***■ Leid Merhnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) f er Schmied ging zur Kirche; den Anderen wollte er die Neuigkeit sagen, daß die kleine Jüdin nun doch verlobt sei, dein Janko nicht. Aber da fügte es der Zufall, daß er an der Kirchenthür just mit seinem Gegner zusammentraf; auch der junge Bauer hatte sich verspätet, wie fast immer; er pflegte den Sonntag- Morgen zu einem Gang über seine Felder zu benützen. Und als der dicke Onufrij gewahrte, wie finster ihn der Janko aus seinen schief geschlitzten Lidern anschielte, da juckte es ihn, ihm einen Possen zu spielen. Warum auch sollte er es ihm nicht sagen?! Der Pope hatte verboten, den häßlichen Menschen wegen seiner Liebe zur jungen Jüdin zu hänseln, aber warum sollte er ihm die Nachricht von ihrer Verlobung nicht mittheilen dürfen?! Im Gegentheil, das konnte Hilarion doch nur billigen; damit war eben die sündige Liebschaft zu Ende. „Guten Morgen, lieber Janko", sagte er freundlich. „Was sagst denn Du zu der Neuigkeit?!" Das gelbe Mougolen-Gesicht wurde um einen Schatten fahler. „Laß mich zufrieden!" Und er hob die Faust. „Ich-. . ich..." Der Schmied zog eine gekränkte Miene. „Und ich wollte Dir eine Freude machen!" sagte er. „Du gönnst ja dem Leib und seiner Tochter gewiß was Gutes. Verdient wenigstens haben sie's um Dich!" Der Janko war nun vollends bleich wie die Wand, an der er lehnte. „Laßt sie aus dem Spiel," murmelte er. „Ich rathe Dir gut!" „Bestie!" murmelte Onufrij und trat in die Kirchenthür. Zwei Schritte und er war in Sicherheit.

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