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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-07 · Heft 6 (7.2.1896) · p. Seite 69

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 69 (sequence 9)
Language
German
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so gut. wie gar nichts oder doch nur blutwenig wissen, seine Aufmerksamkeit zuwende. Steht diese auch in jedem Falle hinter der Familie der Mutter an Rang und geistiger Bedeutung weit zurück, so wäre es doch von großem Interesse, den Stammbaum des Dichters auch nach dieser Richtung zu verfolgen. Sind auch Alle, die Heinrich Heine's Leben kennen, mit uns der Ueberzeugung, daß es wesentlich die Mutter gewesen ist, die auf sein Werden und Wachsen den wichtigsten Einfluß ausgeübt, so schwärmen gleichwohl, wenn wir die Jugendzeit wie die spätere Entwickelung des Dichters aufmerksam betrachten, die Gedanken immer abwärts „nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne zuerst den Himmel vor ihln aufschloß." 6. K. . II—Hl-- - Hl-II—-> ■■ 1 nun IL 1 FEUILLETON j -H“-vs--—ii-II->' Josef der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedell in Düsseldorf. (Fortsetzung.) V. Während seines Noviziates, bevor er die Weihen nahm, hielt Josef in einem großen Saal „eine Predigt für die Juden." Eine Kirche würde durch die Gegenwart der Abtrünnigen entweiht worden sein, sogar alle religiösen Gegenstände, welche den Saal sonst schmückten, waren entfernt worden. Eine glänzende Versammlung vornehmer Männer war anwesend, in goldgewirkten Mänteln und seiden - bebänderten Hüten; denn er galt für beredt und Annibale di Franchi kam in glänzendem Pomp hin. Auch ein Jude, Schlaumi der Narr, kam. der sich auf seine Geschicklichkeit, sich wegen der Verletzung des Banns herauszuwinden, verlassend, ein oder zwei Mahlzeiten dadurch zu verdienen hoffte, daß er den Tattari und den anderen Würdenträgern des Ghetto, auf deren menschliche Neugierde er rechnete, über die Verhandlungen berichtete. „Er ist ein Schwätzer, er wird die Saat allsstreuen," sagte Guiseppe di Franchi, ihn mit Freude erblickend. Spät am Nachmittag ging der junge Prediger in der Via Lepida, nahe beim Dominikanerkloster, spazieren. Da berührte Jemand seinen Mantel. Er wandte sich um. „Miriam!" rief er, zurückfahrend. „Warum weichst Du vor mir zurück, Josef?" „Weißt Du nicht, daß ich unter dem Banne stehe? Sieh', ist das nicht ein Jude, der uns dort beobachtet?" „Was kümmert's mich. Ich muß Dich sprechen." „Aber Du wirst angeklagt werden." „Ich muß Dich sprechen." Seine Augen leuchteten auf! „Ah, Du glaubst," rief er frohlockend. „Dü hast Gnade gefunden." „Nein, Josef, das wird nie geschehen. Ich liebe den Glauben unserer Väter. Mich dünkt, ich habe ihn bester verstanden wie Du, obgleich ich nicht tief eingedrungen bin, wie Du, in die heilige Lehre. Ich habe sie mit dem Herzen erkannt." „Weshalb dann kommst Du? Laß uns zum Kloster zurück gehen. Es ist ruhiger dort." Sie verließen die geschäftige Straße mit ihrem Lärm der Kutschen, derWasserträger mit ihren Eseln, Thürstehern, mit ihren Edelleuten und Gefolge und den schwertumgürteten Kriegern, die vielleicht durch Miriams Schönheit und seltsame Tracht gefeffelt, sie hätten beleidigen können. „Sind meine Eltern wohl?" unterbrach er ihr Schweigen. „Hast Du die Stirn, zu fragen? Deine Mutter weint den ganzen Tag, ausgenommen wenn Dein Vater daheim ist. Dann wird sie ebenso steinern wie er. Er, eine Säule der Synagoge! Du bringst sein graues Haar mit Kummer in die Gruft." Er unterdrückte ein Schluchzen. Dann sprach er mit dem steinernen Erlist seilles Vaters. „Leiden, Kasteien, Miriam, sie sind die Waffen Gottes." „Klag Gott nicht der Grausamkeit an. Ich hasse Dich." Sie schritt rasch vorall. „Im Ghetto wird das Gerücht ailsgestrellt, Du wollest Mönch des Dominikallerordens werden. Schlaumi der Narr verbreitet die Nachricht." „Es ist so, Miriam. Ich werde die Weihen nehmen." „Aber wie darfst Dll ein Priester werden. Dll liebst ein Weib." Er blieb stehen, wie angewurzelt. „Was sagst Du. Miriam?" „Geh, es ist llicht Zeit zum Leugllen. Ich kenne sie. Ich kenne Deine Liebe zu ihr. Es ist Helena di Franchi." Er wllrde blaß und unruhig. „Nein, ich liebe kein Weib." „Du liebst Helelia." „Woher weißt Du das?" „Ich bili ein Weib." Sie schritten langsam voran. „Und dies wolltest Du mir sagen?" „Nein, dies! Du mußt sie heirathen und glücklich seill." „Ich, ich kann llicht. Du begreifst nicht, Miriam." „Nicht? Ich lehr'Dich, wie Du das heilige Gesetz liest, ohne Vokale- Du glaubst, wir Jlldell lvürden mit bem Finger verachtungsvoll auf Dich weisen, weil wir sagen wurden, daß Du Helena liebtest, nicht den Gekrellzigten, unb daß wir Dein Evallgelium nicht allhören würden." „Aber ist es nicht so?" „Es ist so." „Dann —" „Es ist so; thue was Du willst. Schneide Dich selbst in kleine Stücke, wir werden weder Dir noch Deinem Evangelinnr glaubell. Nur ich habe Vertrauen zu Deiner Aufrichtigkeit, und mir bist Du nur wie ein vom StudillM Mld Ueberanstrengung wahllsinilig Gewordener. Joseph, Dein Traum ist eitel. Die Judeil hassen Dich. Sie nenlien Dich Haman. Gern säheli sie Dich an den höchsten Barun gehängt. Dein Andenken wird verwünscht werden bis ins vierte tmb fünfte Geschlecht. Du wirst sie so wenig bewegen, wie die sieben Hügel Roms. Sie stehen zu lange." „Ach, sie habell wie Steine gestalten. Ich werde sie schnlelzen, ich werde sie selig machen." „Du wirst sie zerstören; rette lieber Dich selbst, heirathe diese Frall uild sei glücklich." Er sah sie all. „Sei glücklich." wiederholte sie. „Wirf Deilr Leben llicht fort für eitle Schatten. Sei glücklich. Es ist mein letztes Wort an Dich. Voll jetzt an gehorche ich, wie eine treue Tochter Juda's, dem Banne, und würde ich eine Mutter in Israel, ich würde meine Kinder lehren, Dich ebenso zu hassen, wie ich es thue. Friede sei mit Dir!" Er hielt sie fest. „Geh' nicht von dannen ohne meinen Dank, obgleich ich Deinen Rath verwerfen muß. Morgen werde ich in den „Orden der Rechtschaffenheit" ausgenommen." In dem schwindenden Tageslicht erschicil sein Gesicht mit dem rabellschwarzen Haar zauberhaft, überirdisch. „Warum bringst Du Deinen guten Namen in Gefahr, um mir zu. sagen, daß Du mich hassest?"

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