Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- Seite 68 (sequence 8)
- Language
- German
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68 Nicht so gut erging es dem ersten Sohn des Lazarus von Geldern, Simon von Geldern, der im Charakter wie im Leben das volle GegenLild zu seinem Bruder darstetlt. . Aber gerade, weil aus der Mischung beider das Bild Heinrich Heine's vor unseren Augen wie von selbst emportaucht, sind diese beiden Brüder Gottschalk und Simon von Geldern die interessantesten aus Heinrich Heine's Ahnensaal. ' Simon ist zerfahren und flatterhaft, träumerisch und arbeitsscheu. Gottschalk gesammelt und von strenger Führung, nüchtern und emsig. Der Eine zielbewußt und ausdauernd, der Andere planlos und sprunghaft." Heine hat in seinen Memoiren (VII. 391. ff.) seinem Großoheim Simon von Geldern, dem „Morgenländer", ein Denkmal gesetzt. Dasselbe ist nach den Erzählungen jener alten Muhmen und Basen entworfen,- von denen er selbst sagt, daß sie der jungen Brut tagtäglich die alten Familienlegenden mit epischer Monotonie vorsangen. Kaufmann hat dieses phantastische Bild nun auf historische Wahrheit zurückgeführt. Aber auch in dieser Form ist es noch merkwürdig, intereffant und von poetischem Reiz. Ein Tagebuch des Mannes, das Heine in seinen Knabenjahren viel beschäftigt, hat sich in einem ausgezeichneten Seitenzweig dieses Geschlechts, in der Familie Bürger in Siegburg, erhalten. Auch ich hatte die Absicht, dieses Tagebuch herauszugeben, aber ich freue mich, offen gestanden, daß Kaufmann mir zuvorgekommen ist, da ich die Arbeit nicht so geschickt und gründlich hätte ansführen können wie er. Gleichwohl behalte ich mir noch vor, einzelne interessante und für die Zeitgeschichte charakteristische Mittheiluugeu daraus gelegentlich mitzutheilen. In der That, Heine hat Recht: sein Großoheim muß ein sonderbarer Heiliger gewesen sein. Man kann ihn ohne weiteres zu den Schwärmern und Schwindlern des 18. Jahrhunderts zählen. Er befindet sich unaufhörlich auf Reisen und ist im noch nicht vollendeten 54. Jahre seiner Lebenswanderungen durch Europa und den Orient 1774 zu Forbach im Elsaß gestorben. Sein Leben tvurde in der' Familieulegende bald zum Märchen. „Halb Ritter, halb Heiliger, bald als frommer Pilger, voll entfremdeter Anschauungen, bald als kühner Beduinenhäuptling, an bunten Abenteuern reich, waffenkundig und ein Rofsetmmnler, dabei träumerisch und ein Visionär, halb Faust und halb Don Juan, ein Gemisch von Scheich und Propheten, immer aber als fesselnde Erscheinung im morgenländischen Gewände, so steht der Einsiedler von Safed vor der Kinderphantasie des der dunklen Kunde andächtig lauschenden Heinrich Heine." Dieser Großohm hat die Einbildungskraft des Knaben so außerordentlich beschäftigt, daß er sich sogar in seineil Träuiueu mit ihm ideutifizirte und zu dem Geständniß gelangte: „Manche Idiosynkrasie, manche fatalen Sympathien und Antipathien, die gar nicht zu meinem Naturell passen, ja sogar manche Handlungen, die ini Widerspruch mit meiner Denkweise sind, erkläre ich mir als Nachwirkung aus jener trüben Zeit, wo ich mein eigener Oheim war." Ohm Zweifel werden alle künftigen Biographen Heinrich Heine's ctnjdie merkwürdige Erscheinung des Jerusalem-Pilgers Simon von Geldern zurückgreifen müssen, um viele Eigenthümlichkeiten im Charakter wie in der Poesie Heine's zu erklären. Ganz anderer Art war, wie schon gesagt, der Dr. Gottschalk' von Geldern. Er wurde bald der Liebling der Stadt und der Gegend, seines unglücklichen Vaters Stab und Stütze, der reichste ' Ersatz für alle fehlgeschlagenen Erwartungen, die sich für die Familie an den Namen des Erstgeborenen, cm Simon von Geldern, knüpften! Im Jahre 1754 führte Gottschalk Sarla, die Tochter des David Pinhas Bock aus Siegburg, als Gattin heim. Auch er war für das Wohl seiner Glaubensgenossen eifrig besorgt und hat das Amt. eines Vorstehers, welches in seiner Familie schon traditionell sich forterbte, mit seltener Treue und Aufrichtigkeit verwaltet. Als Lazarus von Geldern im Jahre 1769, nach einem Leben voller Mühsal, das Zeitliche segnete, da durfte er das Bewußtsein mit ins Grab nehmen, daß die ehrwürdigen Traditionen seiner Familie in seinem zweiten Sohne und dessen Kindern sich fortvererben würden. Fünf Kinder stammten aus dieser Ehe, zwei Söhne, Joseph und Simon, und drei Töchter, Bräunele^ oder Brunella, Hanna und Peierche oder Betty — die Mutter Heinrich Heine's. Joseph von Geldern, der älteste Sohn, war der Stolz der Familie. Er studirte an den Universitäten Bonn. Heidelberg, Mainz und Duisburg. Hier promovirte er, wie sein Vater es zuvor gethan hatte. Kaufmann hat sogar mit emsigem Forscherfleiß seine Differtation ausgegraben. Sie zeigt uns einen selbständig denkenden und begabten Kopf, der über die Grundfragen seiner Wissenschaft kühn und freimttthig mit den Meistern von Fach den Kampf aufninnnt. Der Erfolg seiner Staatsprüfung lenkte rasch die Aufmerksamkeit der Fachkreise auf ihn, so daß Karl Theodor den jungen Doktor zu seinem Leibarzt ernannte. Auch Simon von Geldern war ein fleißiger Student; wenn er aber trotzdem zu keiner Stellung gelangte, so lag dies an verschiedenen Verhältnissen, die sich der Erörterung entziehen. Das Nesthäkchen der Familie aber war Peierche, die am 27. November 1771 geboren winde. Mit Stolz verweilte das Auge des gelehrten Vaters auf ihrer geistigen Entfaltung. Sie las ihm lateinische Abhandlungen vor und wußte ihn durch ihre Fragen in Erstaunen zu versetzen. Philosophische Gedanken erfüllten ihren Geist, allen Offenbarungen der Poesie lauschte ihr reiches Gemüth. „Ihre Vernunft unb ihre Empfindung war die Gesundheit selbst," sagte ihr Sohn mit Recht. Im 69. Lebensjahr, am 12. Oktober 1795, starb, allgemein betrauert, Gottschalk von Geldern in Düsseldorf. Sein Bild, das sich in dem bereits oben erwähnten Seitenzweig der Familie erhalten hat uitbgegenwärtig im Besitz meines geschätzten Freundes, des rühmlichst bekannten Dr. med. S. Apfel in Köln ist. zeigt uns ihn in der Galatracht seiner Zeit. Die Gesichtszüge sind geistvoll, klar und liebenswürdig; ein Zug von Aehnlichkeit mit den Jugendbildnissen Heinrich Heine's erscheint mir unverkennbar. Auch das Bild Josephs von Geldern, der in jungen Jahren, am 25. April 1796, im Beginn seiner glänzenden Laufbahn, nach kurzem Leiden hinweggerafft wurde, befindet sich im Besitz derselben Familie. „Als mein-unvergeßlicher Vater starb," klagte Betty von Geldern einer Freundin, „war ich untröstlich, und als mein unvergeßlicher Bruder starb, dankte ich Gott, daß mein Vater meines Bruders Tod nicht erlebt hatte. Freilich muß man tief gesunken sein, wenn einem fein vergangenes Unglück sein gegenwärtiger Trost wird." Vergebens suchten ihre Freunde sie zu trösten, vergebens suchte sie mit Vernunftgründen ihr zerrissenes Herz zu beruhigen, erst die Zeit heilte ihre Wunde. Ihre verlangende Seele erwachte zu neuem Leben, als sie, die Verwaiste, sich zu Ende desselben Jahres entschlossen hatte, einem tüchtigen, guten und schönen jungen Manne, der um ihre Hand augehalten, durch das Leben zu folgen. Er war aus Hannover nach Düsseldorf gekommen und hatte sich dort rasch durch seine gute Laune und sein liebenswürdiges Wesen die Sympathien der Familie, das Herz des jungen Mädchens, das schon sehr viele Bewerber allsgeschlagen, gewonnen. Er hieß Samson Heine, er war der Vater des Dichters. Hier schließt das Werk Kaufmalln's, das uileingeschrällkte Anerkellnung verdient. Brauche ich noch besonders zu erwähnen, daß eine reiche Fülle gelehrter Noten dasBuch schmückt? Das ist bei dem Namen Kaufmann selbstverständlich. Darf ich noch einen Wunsch hinzufügeu, so wäre es der, daß der gelehrte Forscher, der zugleich so schön und interessant die Resultate seiner Forschung in gangbare Münze umzusetzen versteht, llun auch der Familie Samsoil Heine's, über die wir bis jetzt