Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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66. Wenn also die Tephillah der Centralpunkt für den Unterricht in der Religion nicht sein kann (auch schon nicht mit Rücksicht auf die Uebersetzungsschwierigkeit), so fragt es sich, worin der rechte konzentrirende Faktor gegeben ist. Jean Paul sagt: „Leben zündet sich nur am Leben an", und lebendig bleibt allezeit die Geschichte, welche die Menschheit früherer Zeit, wie der Gegenwart handelnd uns vor Augen führt. «Darin liegt das Interessante derselben, daß sie, selbst aus alten Zeiten geschöpft, sehr leicht die Brücke zum Kindesgeiste schlägt. Denn so verschieden auch die Geschichte der einzelnen Nationen rc. ist, ein Gedanke durchzieht die ganze Weltgeschichte, das Walten einer gerechten Gottheit, die Wahrheit des Bibelwortes: „Gerechtigkeit erhebt ein^Volk,doch die Sünde ist der Menschen Verderben. „Darum sagt Herbart mit Recht: „Die Geschichte ist die Lehrerin der Menschheit, und wenn sie das nicht wird, tragen die Jugendlehrer die Schuld daran." Die Geschichte unsereSVolkes aber ist ganz besonders geeignet.alle die Gesinnungen zu entwickeln, welche zur Bildung eines festen Willens, eines sittlich-religiösen Charakters gehören. Um mmdie Einheitlichkeit in der Bildung eines religiösen Gedankenkreises nicht zu stören, müßten nach Möglichkeit die biblischen Geschichten nach Art ihrer leitenden Ideen grnppirt werden. Doch kann und soll davon abgesehen werden, weil erstens aus einer Geschichte nicht alle darin enthaltenen Lehren gleichzeitig gezogen zu werden brauchen, weil zweitens das vorwiegend einklassige System unserer Schule;: die Kombination verschiedener Altersstufen dergestalt ermöglicht, daß bei Durchnahme desselben Lehrstoffes verschiedene ethische Gesichtspunkte demselben zu entnehmen und'.für die verschiedenen Stufen zu verwenden sind. Die so entstehenden Gedankenkreise aber zu vereinigen, fällt dem eigentlichen Religionsunterrichte als Aufgabe zu, welcher die im Unterrichte gewonnenen Resultate znm System verbindet. Da tritt also das Religionsbuch in seine Rechte. Als dritte in die Konzentration einzuziehende Disziplin — hachut liarnschullotli lo Limliero jinotek — bleibt noch die Tephillah, deren Angliederung nach Kräften zu erstreben, jedoch oft kaum zu ermöglichen ist. Rekapituliren wir kurz die Ergebnisse unserer Untersuchung, so ergiebt sich erstens, daß die bisherige Art der Konzentration höchst mangelhaft ist, da sie die Einheitlichkeit in den erworbenen Bildungsresultaten vermissen läßt, zweitens, daß der Versuch Dr. Kroners, die Tephillah znm Centralpunkt zu machen, psychologisch unzulässig ist. drittens, daß die biblische Geschichte der Mittelpunkt der religiöser Bildung dienenden Fächer sein muß, deren nach Gedankenkreisen geordnete Resultate der Religionsunterricht fixirt, znsammenstellt und znm System vereinigt. Diese Art der Konzentration muß aber den bisherige;: Lehrgang der Schulen vollständig verwerfen und in der sorgfältigen Aufstellung eines die acht Schuljahre umfassenden Lehrplanes, sowie in der entsprechenden Pensenvertheilung für die einzelnen Jahre basirt werden. Abraham Geigers Briefe an I. Derenbourg. (1833—42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. I. Frankfurt, den 2. August 1832. Liebster Dernburg! Das soll nun einmal einen recht lustigen Federkrieg geben, und wenn es uns bis jetzt noch nicht vergönnt ist, als Gelehrte auf die Kampfbahn zu treten und da unsere Klopffechterei zu üben, nun so mögen wir Freunde denn auch hierin einen Vorbereitungsvereiu bilden, worin wir auch im lebhaftesten Meinungsstreite die Worte gebrauchen, die Achtung und Liebe eingeben, so daß wir auch vielleicht später bei ernsterem Streite Meinungsverschiedenheit äußern können, ohne die Persönlichkeit des des litterarischen Gegners anzugreifen. Aus ähnlichem Grunde ist es mir auch sehr lieb, daß Du in ein immer näheres Verhültniß zu Frensdorff getreten und Dich so an Verschiedenheit in religiösen Ansichten gewöhnst und es Dir möglich wird, sie mit einem vorzüglich ansgebildeten Geiste und noch gebildeterem Gemüthe vereinigt zu denken. Ich halte dies für Dich noch mn so nützlicher, da Du gerade das direkte Gegentheil davon mitgebracht hast, da Du, wie ich glaube, bis jetzt noch gar Keinen kennen gelernt hattest, der nur im Geringsten auf eine solche allerdings seltene Mischung hingewiesen hätte —. um so nützlicher, da ich, Du wirst wohl dein Freunde diese freimüthige, offene Sprache verzeihen — selbst Deinen Bruder in den Banden dieses Jrrthums verstrickt glaube, welcher Glaube mir durch die Mittheilung des Dr. Rießer aus der Eingabe desselben an die großherzogliche Regierung bestätigt wird, indem es in jener heißt, die Talmudisten seien durchaus unbrauchbare und unnütze Bürger des Staates, und daselbst manche schielende Definitionen und Bemerkungen über Talmudisten und Mosaisten aufgestellt sind. Und leider kamen und kommen zum Theile daher die vielen und starken Reaktionen, die entweder die Geduld erinüden, oder doch wenigstens der schlechten Sache der Gegner durch ausflammenden Eifer wieder eine Zeit laug kräftige Nahrung geben. Und sollte man es wirklich denn diese:; Leuten so sehr verargen, daß sie so mit Leib und Seele an jeder Kleinigkeit hängen? Ich war verflossene Woche mit meiner Mutter spazieren und ließ mir da von ihr erzählen, wie in jener guten alten Zeit, als die Juden hübsch noch in ihre Gaffe eingepfercht waren, das Leben, die Sitten und Gebräuche waren, und ich fand nicht nur durch ihre salbungsreiche Erzählung, wie glücklich sie und ihre Gleichgesinnten sich darin fühlten und mit welchem Schmerze sie, selbst bei vollem Bewußtsein, daß das Aufgehobene und Abgekommeue keinen religiösen Grund habe, sich an das nun Vermißte erinnere, sondern auch, wie wirklich das danialige Leben der Juden ein geschlossenes, ein sich in einiges Ganzes war, und wie durch die Wegnahme mehrerer Glieder und durch die Wegnahme der Schranken eine für sie herzzerreißende Dissonanz entstand, so daß sie sich an jedes kleine noch gerettete Brett fest anklammern. Es geht ihnen wie einem beschränkten Denker, der, von gewissen als wahr angenoinmenen Grundsätzen ausgehend, sich sein Systemchei: aufrichtete und so sowohl für seinen Trieb nach Erkennen Nahrung, als auch für sein Streben, rein sittlich zu handeln, Beruhigung fand; plötzlich raubt ihm die Erfahrung einige gemäß seinem Systeme richtige Sätze, Zweifel erschüttern seine Axiome, so daß also sein Blick weiter wird und selbst in den früher;; Gren.zen sich ihm Lücken zeigen: kannst Du Dir ihn nicht denken in seinen: ängstlichen Bemühen, die Zweifel zu verkleistern, die Lücken aber so gut wie möglich ausznfüllen, die noch übrig gebliebenen Bruchstücke mit überzarter Sorgfalt zu bewahre;;? — Daher ist für den ruhigen, gewissenhaften Mann, der auf die sittliche gläubige und wissenschaftliche Ausbildung einer jüdischen Gemeinde geeignet wirken will, der Standpunkt sehr schwer und die Wahl der Mittel einer reifen Prüfung zu unterwerfen. (Den 3.) Ich setze meinen Brief an dem entscheidenden Tage,:) nicht zwar für inein Glück, ja nicht einmal über den Werth meiner *) Tag der akademischen Preisvertheilung in Bonn. Geiger bekam den Preis für seine lateinisch eingelieferte Arbeit, die 1834 u. d. T. „Was hat Mohammed aus dem Judenthum ausgenommen?" deutsch erschien. G. V. Freitag 1788-1861, war seit 1819 Professor des Arabischen in Bonn.