Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- Seite 65 (sequence 5)
- Language
- German
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wenn auch dann die darauf bezüglichen Beschlüsse eine wesentlich andere Gestalt erhalten als die Anträge, so ändert dies an dem Effekte zu Gunsten der Antisemiten nichts. Wie ein milder, erquickender Frühlingshauch mitten aus dem Schauer winterlicher Fröste wehte uns die Rede an, welche das neue Mitglied des Abgeordnetenhauses, Dr. R. v.Demel, am 9. Dezember hielt. Mehr noch als die warmen Töne, die er ftir unsere Sache fand, indem er die markanteste Stelle aus einer Rede reproduzirte, welche der große Historiker und Staatsmann Macaülay für die Zulassung der Juden zum Parlamente hielt, verpflichtet uns der Muth zu Dank, mit welchem dieser Abgeordnete der Antisemitenpartei die Gloriole der Volkssympathie vom Leibe riß, von der sie umgeben zu sein vorgiebt. Millionen und Millionen Oesterreicher — rief er — kennen gar nicht den Namen Luegers und sind ganz apathisch gegenüber der Frage der Bestätigung oder Nichtbestätignng desselben zum Bürgermeister von Wien. Das Auftreten Demels glich dem Deu3 ex machina: ba§ ganze Haus war überrascht. T. Konzentration im Religionsunterricht. Von M. Lilienfeld, Lehrer in Siegen. c^C7ie die Wohlfahrt eines Landes durch das harmonische Zusammenwirken aller Theile der Bevölkerung bedingt ist, so ™ 0 erreicht auch die Schule ihren Bildungs- und Erziehungszweck nur da, wo die einzelnen Unterrichtsgegenstände in fruchtbringende Wechselbeziehung zu einander gebracht werden, einander fördernd und berichtigend. Diesem Zweck soll die Konzentration des Unterrichts dienen, welche deshalb in Konferenz- Vorträgen so energisch gefordert wird, daß man sich heute bei Besprechung dieses Themas leicht dem Vorwurfe aussetzen kann. Eulen nach Athen tragen zu wollen. Wenn trotzdem diese Abhandlung sich lediglich mit dieser Frage beschäftigt, so liegt der Grund darin, daß trotz ihrer großen pädagogischen Bedeutung dasWesen derselben nichttief genug erfaßt wird, so daß der Begriff Konzentration dringend einer Klärung utxb Richtigstellung dedarf. Konzentration bedeutet nicht so sehr, wie man gewöhnlich annimmt, eine gelegentliche Bezugnahme ans etwas Aehnliches oder Verwandtes, vielmehr ein zielbewußtes Zusammenfassen des Gesammtgedaukenkreises, Erzeugung der Einheitlichkeit in den aus allem Unterricht gewonnenen Resultaten. Das ist es auch, was Herbart und seine Anhänger bezüglich der Ethik Gesinnuugsunterricht nennen. Wennschon die Fächer rein wissenschaftlichen Charakters verlangen, daß die Unterrichtsergebnisse nicht isolirt im Geiste des Schülers bleiben, sondern durch iinrigr Verbindung mit einander sich gegenseitig ergänzen und festigen, so fordert der Unterricht in der Religion dies in ganz besonderem Maße. Ziller sagt: „Für jede Unterrichtsstufe, für jede Schulklasse muß ein Gedankenganzes und zwar wegen des sittlich-religiösen Erziehungszweckes ein Gesinnungsstoff als konzentrirender Mittelpunkt hingesteüt werden, um welchen sich alles Uebrige peripherisch herumlegt und von dem aus nach allen Seiten hin verbindende Fäden au^tcmfeu, wodurch die verschiedenen Theile des kindlichen Gedankenkreises fortwährend geeint und zusammengehalten werden. Auf diese Weise hört der Unterricht auf, ein loses Aggregat einzelner Lehrfächer zu sein, was außerdem unausbleiblich ist." Es muß also als völlig nnpädagogisch bezeichnet werden, wenn — wie oft geschieht — zu derselben Zeit in der Religionsstunde ganz anderes zur Behandlung kommt, als der biblische Geschichtsunterricht als religiös-sittliches Ergebniß gezeitigt hat, daß beispielsweise dann, wo die Geschichte edle Vorbilder echter Freundschaft vor Augen führt, in der nächsten Religionsstunde (im engeren Sinne) die Lehre von den Fest- und Fasttagen dargeboten wird und so das Dichterwort: Eins soll in das Andere greifen, Eins durch's Andere gedeiy'n und reifen", keine Beachtung findet. Beim Unterrichte in der Religion (im weiteren Sinne) liegt nicht der Schwerpunkt in der Erwerbung eines großen Wiffensstoffes, vielmehr in der planmäßigen Beeinflüffung des Willens zum Guten, in der Erwerbung sittlicher Ideen, in der Veredelung der Vorstellungen und der harnionischen Heranbildung des Charakters. „Charakterbildung ist Bildung des Willens. Dieser geht aus dem Gedankenkreise hervor, welchen der Unterricht zu bUbeii hat. Der erziehliche Werth des Unterrichtes besteht also in dem Einflüsse, welchen er hinsichtlich des Willens zeigt." (Ufer.) Dieser aber basirt auf den im Unterricht gewonnenen Grundsätzen. Grundsätze entstehen jedoch nur durch oft sich wiederholende Eindrücke, so daß durch die Menge und Jntensivität derselben die Festigkeit der Willensrichtung bedingt wird. Damit aber die Vorstellungen nicht gehemmt und nicht der-, flüchtigt werden, dürfen gleichzeitig nur ähnliche oder verwandte auftreten, welche ein Gedankenganzes bilden. Dadurch entsteht ein fester Vorsatz, ein sittliches Urtheil; aus diesem aber wächst ein Lustgefühl am Schönen und Guten hervor, welches wiederum zum sittlichen Handeln drängt. Demgemäß müssen die Resultate der verschiedenen zum Religionsunterrichte gehörigen Fächer derartig sein, daß sie gleichzeitig denselben Gedankenkreis erzeugen und nach derselben Richtung hin den Willen beeinflussen. Diesem Prinzip sucht Dr. Kroner in seinem für den kombiuirten Uebersetzllngs- und Religionsunterricht heransgegebenen Gebetbuche dadurch gerecht zu werden, daß er den Religionsunterricht ganz an die Tephillah anknüpft. Doch ist dies Verfahren, wie im Folgenden nachgewiesen werden soll, psychologisch nicht gerechtfertigt. Im Gebete krystallisirt sich gleichsam die Empfindung betender Menschen, sowohl das Bewußtsein der Abhängigkeit von einem höheren Wesen als auch die Erkenntniß von dessen Güte und Majestät. Diese Ergebnisse inenschlichen Fuhlens und Denkens sind aber keineswegs die Reflexionen des betenden Individuums, vielmehr Betrachtungen der jedesmaligell Gebetsverfasser. Ihre Form entspricht deshalb nicht der Art, in welcher der Einzelne seine Gedanken allsprägt, ja sie wirkt durch die unserenl Sprachgefühl ungewohnte Häufung synoilymer Ausdrücke, an delien unsere Tephillah leidet, sogar vielfach störend und beu einheitlichen Gedankengaug unterbrechend. Der Einwurf, daß der Erwachsene doch durch Predigt und Gebete oft einen überwältigellden Eindruck empfängt, ist deshalb nicht stichhaltig, weil der Erwachselle sowohl durch seine Erfahrung als auch durch seine Vertrautheit mit den verschiedenen Ausdrucksweisen rc alle auf ihn von außell eindringenden Ideen nach dem Gesetze der Apperzeption aufnimmt, mit den eigenell verschmelzt Mld so identifizirt. (Vergl. Lazarus, Leben der Seele I. Band.) Unvermittelt und fremd wird darum bem Kinde jeder Begriff nnd jede Idee bleibell, wenn llicht in der Seele desselben jene „geistigell Haken" sich befinden, an welchen das Neue aufgehällgt bezw. befestigt wird. „Alles ist im Keim enthalten. Alles Wachsthum ein Entfalten, Leises Auseinanderrücken, Daß sich einzeln könne schmücken. Was zusammen war geschoben. Wie am Stengel stets nach oben Blüth' um Blüthe rücket weiter. Sieh' es an' und lern' so heiter Zu entwickeln, zu entfalte». Was im Herzen ist enthalten!" Rücke rt.