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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-07 · Heft 6 (7.2.1896) · p. Seite 64

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 64 (sequence 4)
Language
German
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der daselbst herrschenden nationalen Fehden und Kämpfe gelangen die Juden zn Mandaten in den verschiedenen Vertretungskörpern. Nirgends hat der Antisemitismus so festen Fuß gefaßt als in Wien. Es kann daher keinem Zweifel unterliegen, das; die daselbst zu seiner Bekämpfung ergriffenen Mittel nicht die richtigen waren. Am allerwenigsten hat die scharfe Tonart genützt. Sie hat vielmehr, wie Oel ins Feuer, die züngelnde Flannne des Hasses noch mehr lodern gemacht. Die einfache, offene, entschiedene Gegenrede des jungczechischen Abgeordneten Dr. Kaizl auf die maßlose Ueberhebnng des Antisemitenfnhrers Dr. Lueger dagegen war in ihrer Wirkung eine That von weittragender Bedeutung: Die Antisemiteupartei im Abgeordneteuhause ist seit dem 6. Dezember, dem Tage der Rede Kaizls, auf den Jsolirschemel gesetzt! In einem in Wien erscheinenden jüdischen Blatte entspann sich vor Kurzem eine Polemik, der man ein eminent aktuelles Interesse nicht absprechen kann; sie betrifft vornehmlich die heutigen Rabbiner und deren Bildungsstätten. Man muß zugeben, daß angesichts des Gesetzes vom März 1890, mit welchem den Rabbinern eine bedeutungsvollere Stellung im Rahmen der Kultusverwaltung eingerärimt wurde, es von wesentlichem Belange ist, der Qualifikation unserer dermaligen Rabbiner etwas näher ins Auge zu sehen. Kein Wunder, wenn Diejenigen, die noch in Erinnerung haben, von welcher Art die Rabbiner früherer Zeit waren, nicht immer von Befriedigung erfüllt sind, wenn sie mit denselben deren Epigonen in Parallele ziehen. Was liegt näher, als die Frage, worin die Ursache dieser Erscheinung liegen mag. So viel nun auch hierbei auf Rechnnng des Individualismus zu stellen ist, so kann doch nicht bestritten werden, daß ausschlaggebend die Schule ist, aus der der moderne Rabbiner hervorgeht. Gewiß ist, daß — um gleich in medias res zu gelangen — der Drill, wie er in manchen modernen Anstalten zur Heranbildung von Rabbinern sowohl in Bezug auf wissenschaftliche Ausbildung, als auf die religiöse Führung geübt wird, unter allen Bedingungen als verwerflich bezeichnet werden muß. Die Zunz, Luzatto, Rapoport, Geiger, Zacharias Frankl, Leopold Löw rc. rc. wären aus dem Drill solcher Lehranstalten nicht hervorgegangen, und die Salomon, Mannheimer, Jellinek, Sachs rc. hätten mit ihren Predigten nie so überwältigend auf die Gemüther der Zuhörer gewirkt, wenn ihre Beredsamkeit ein Werk des homiletischen Drills gewesen wäre. Gleichwohl kann ja nicht behauptet werden, daß diese Anstalten in Bausch und Bogen zu perhorresziren sind. Es kommt Alles auf die Organisation und den daselbst herrschendeil Geist an. Zunächst macht es einen eigenthümlichen Eindruck, daß in formaler Beziehung diese Anstalten mit penibler Genauigkeit beflissen sind, in all ihren äußeren Einrichtungen, Gebräuchen und Titeln eine Nachahmung nichtjüdischer Fakultäteil zu bilden. In jüdischen Lehranstalten muß aber, was man früher so nachdrucksvoll sagte, „gelernt" werden; Formalitäten, die lediglich nur als Firniß dienen, köimen wegbleiben. Soll die Verrichtuilg der Gebete nach dem Ausspruche unserer Weisen nicht knapp auf eine gewisse Zeit angewiesen sein, so gilt das umsomehr dem Studium. Lernen und wieder lernen muß die Devise lauten. Viel und nicht Vielerlei soll gelehrt werden. Namentlich gilt dies bezüglich jener Disziplinen, bie. für den rabbinischen Beruf eilte unabweisliche Nothwendigkeit sind. Ueberhaupt soll mehr in die Tiefe als in die Breite gegangen lmd,. anstatt Exkursionen auf die verschiedensten Gebiete nicht unmittelbar damit zusainnlenhängender Stoffe zu machen, nur bei dem Gegenstände geblieben werden, der gerade in Behandlung steht. Die in Uebullg stehende Lehrmethode des ex omnia aliquid hat zudem jenes Schriftstellerthum auf dem Gewissen, das eine moderne Krankheit geworden ist und im Kreise junger Rabbinatsbeflissener zu einer Büchermacherei führt, die bereits eine wahre Landplage ist. Noch Eines sei erwähnt. Wir huldigen durchaus nicht der Meinung des Jonathan, der zu Ainos II, 11 den Lehrer zum Nasir macht, weil, wie Raschi kommentirt, der Lehrer sich alle Entbehrungen auferlegen und nur der Lehrtätigkeit sich weihen soll; aber eine gewisse Resignation in Beziehung auf Lebensgenüsse muß der Lehrer des Volkes sich auferlegen, wenn er des Lebens Nothdurft soll leichter befriedigen und mit Liebe, Zufriedenheit und Hingebung seinen:; Berufe soll dienen können. Wie anders erweisen sich manche unserer heutigen Rabbiner! Sie wollen das Leben ganz und voll genießen, sind unzufrieden mit ihrer Stellung unb beanspruchen eine Machtfülle, die ihnen nicht gebührt. Dadurch wird nicht selten das friedliche Zusammeilwirken mit dem Vorstande gestört und das Allsehen der Rabbiner geschädigt. Auf alle diese aphoristisch kurz berührten Momente müssen diese Lehranstalten, insoweit sie propädeutisch auf die Bildung nnd den Charakter des zukünftigen Rabbiners wirken sollen, Rücksicht nehmen, wenn sie den Forderuilgen entsprechen wollen, die man an sie zu stellen das Recht hat, imb aus ihnen Rabbiner hervorgehen sollen, welche den Bedürfnissen der Zeit uub der Gemeinde entsprechen sollen. Wir kommen übrigens auf dieses Kapitel noch zurück. Am 2. Dezember hat bekanntlich ein Straßenexzeß fanatisirter antisenlitischer Weiber in Wien stattgefunden. Die „N. Fr. Pr." gab eine ausführliche Schilderlllig hierüber. Die Polizeibehörde sah sich , veranlaßt, diese Schilderung als „übertrieben" zu bezeichnen. Die „N. Fr. Pr." war aber in der Lage, ihre Schilderullg auf Grund selbst von der antisemitischen Journalistik gegebener Darstelllmg dieser Szenen als den Thatsachen vollkommell elltsprechend aufrecht zu erhalten. Warum die Polizei sich überhaupt zu ihrer genannten Deklaration veranlaßt faild, ist schwer erfindlich. Man hätte glauben solleil, daß es der zu Präveiltivmaßregelll zunächst berufenen Behörde nur willkommen sein muß, Anlaß zu finden, einem Spuke ein Ende, zu machen, der tu seiner weiteren Entwickelung gefährlich werden kann. Denn, gefährlicher als den Len, ist's, den Fanatisnllls der Weiber zu wecken. Thatsächlich habell scholl am 8. Dezember wieder antisemitische Frauenversammlungen stattgefunden, die von Liechtenstein, Llieger, Pattai, Ebenhoch haranguirt wurden. Von da zu wiederholten Straßenexzessen ist mix ein Schritt. Welche geistige Verblendung der Antisemitismus herbeizuführen vermag, hat man wahrzunehmen immer mehr Gelegenheit. Nicht nur in den breiten Massen, die infolge mangelnder Intelligenz den Jrreführuilgen leichter preisgegeben sind, svllderll selbst in Kreisen, in welchen nlan einen aufgeklärten Sinn anzunehmen berechtigt ist, zeigt sich unverkennbar sein verblendender Einfluß. Der Antisemitismus verkülldet allüberall seine volksbeglückende Lehre voll der Bekämpfung des Kapitalismus; thatsächlich hat er dabei weniger die Verbesserung des Looses der „Elenden und Enterbten" im Auge, als die Schädigung Aller, die noch etwas ihr eigen nennen und des Lebens Last unter weniger Kämpfen unb Widerwärtigkeiten tragen. Also ganz und gar nicht Wohllvollen für die Besitzlosen, als vielmehr Uebelwollen gegenüber den Besitzenden ist die Triebfeder seines Dichtens uub Trachtens, Handelns und Strebens. Die antisemitischen Mitglieder des Parlaments bringen auch regelmäßig Anträge ein, die auf die Erreichung dieser ihrer Intention abzielen. Anstatt aber das zu durchschauen und solche Anträge abzuweisen, gehen selbst die Liberalen des Hauses auf dieselbell ein und verschaffen damit den Antisemiten den Ruf der Volksfreundlichkeit und zwar ausschließlich aus dem Grunde, weil sie verblendet genug sind zu fürchten, für volksfeindlich gehalten zu werden, wenn sie llicht, oft gegen ihre bessere Ueberzeugung, derlei Anträge zum Gegenstände ernster Erwägllng machen. Und

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