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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-07 · Heft 6 (7.2.1896) · p. Seite 63

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 6 (7.2.1896)
Date
1896-02-07
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
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63 genommen. Die badischen Antisemiten können übrigens die Schlappe nicht verwinden, die ihnen die letzte Berathung derselben Petition in der zweiten Kammer beigebracht. Denn dort war es der nationalliberale Abgeordnete Fieser, der von „dem Misthaufen des Antisemitismus" sprach, der diese Bewegung „eine rohe, niederträchtige, einen Faustschlag ins Gesicht der christlichen Kultur" nannte. Und diese gar nicht zarte Zurechtweisung hatten sie sich selbst durch muihwilliges Heranfbeschwören einer Jndendebatte zugezogen. •$* Seit einiger Zeit kommen aus Rußland recht zuversichtlich klingende Nachrichten, denen wir aber doch ein gewisses Mißtrauen entgegenbringen. Herr Goremykin, der in diesen Mittheilungen so warm gelobt wird, ist nach unseren Informationen keineswegs ein so rechter Freund der Juden. Weht in den oberen Regionen der Zarenhanptstadt wirklich ein besierer Wind für unsere Glaubensgenossen. so ist Herr Goremykin mit den Ideen, mit welchen er ins Justizpalais einzog, unterlegen und hat sich arideren, maßgebenden Anschauungen löblich unterworfen. Als wirklicher Vertreter liberaler Anschauungen gilt dagegen der kürzlich zum Adlatns im Ministerium des Innern ernannte Geheimrath Nekljudow. Nekljndow, einer der besten Rechtsgelehrten des modernen Rußland, wies an der Hand von Thatsachen nach, daß die Verfolgung der Juden in Rußland, welche angeblich durch die Schädlichkeit derselben hervorgerufen wurde, sich durch nichts rechtfertigen lasse. Während der Regierungszeit Alexanders II., bemerkt Nekljndow in einer diesbezüglichen Denkschrift, war man bereits auf dem Wege, die Juden mit der orthodoxen Bevölkerung zu assimiliren, indem die damalige Regierung dem Aufenthalte der Inden iin ganzen Reiche keine Hindernisse in den Weg legte und ihnen die Pforten sämmtlicher Lehranstalten öffnete. Nekljndow äußert dann die Meinung, daß, wenn die im letzten Dezennium geschaffene abnormale Lage der Juden geändert werden solle, man in erster Reihe mit der Aufhebung der Wohnbeschränkung gegen die Juden beginnen müsse. Und in diesem Sinne wurde auch nn Ministerium des Innern ein Memorandum ausgearbeitet, welches im November des abgelaufenen Jahres dem Zar Nikolaus II. unterbreitet wurde. In dieser Staatsschrift wurde ausgefnhrt, daß die geltenden Gesetze in Bezug auf das Wohnrecht der Juden einer Aenderung bedürfen, da die Beschränkung ihres Ansiedelungsrechtes aus ökonomischeil Gründell nicht wünschenslverth sei. Als Ergebniß dieser Ausführungen ist eine Kabinetsordre des Zars Nikolaus II. voul 29. Dezember anzusehen, welche den Millister des Innern beauftragt. die vom Grafen Jgnatjew erlasienen Verbote gegen die Ansiedelungen der Juden in den Dörfern und Marktflecken sowie sämmtliche bestehenden Ausweisungsverordunngen einer strengen Prüfung und gründlichen Aenderuug zu unterziehen. Wie der gut unterrichtete „Graschdanili" meldet, besteht im Ministerium des Innern die Absicht, den Inden das unbeschränkte Wohnrecht einzuräumen; in allderen Kreisen verlautet dagegen, daß ihnen nur das Recht der Ansiedelmlg in den Dörfern und Marktflecken wiedergegeben und die Ausweisung aus den voll ihnen bewohnten Ortschaften untersagt werden soll. Wie der Entschluß des Ministeriums des Innern auch lauten mag, Eines steht fest: die Kabinetsordre des Zaren bedeutet in jedem Falle eine Wendung zu Gunsten der Juden. Me Juden in Oesterreich, v. ^b^awohl, die Einsicht!" Mit dieseul Ausrufe, den mir in dem Xi/ letzten Artikel gebrauchten, erscheint der ganze Jammer unserer Verhältnisse gekennzeichnet. Tief sind die Wunden, welche der Antisemitismus der öffentlichen und privaten Wohlfahrt geschlagen hat, aber linheilbar sind sie erst geworden durch die Art, wie voll mancher Seite das Werk der Abwehr betrieben wird. Als haildelte es sich um einen Wettkampf, weul auf dem Gebiete der „scharfen Tonart" die Palme gebühre, wird hüben wie drüben das grobe Geschütz des Spottes und der Hetze aufgeführt. Kann damit llnserer Sache gedient sein? Die Thatsachen lehren das Gegentheil. Seitdem diese Kampfesmethode beliebt wird, ist der Antisemitismus glialitativ rnld quantitativ weseiltlich erstarkt. Er tritt vehementer auf und llimmt all Zahl feiner Bekellller zu. Vergesse Ulan llicht, daß jede Turbulenz an einander gerathellder Parteien lvie ein elektrischer Funke auf die niederen Instinkte des in den linieren wie oberen Schichtelt der Gesellschaft befindlichen Pöbels wirkt uild zu exzessiveli Ausbrücheit reizt. Jnsbesoildere muß dies in einem Momente der Fall fein, wo die allgemein herrschellde Ullzufriedenheit ohnedies die Gemüther so gewaltig ergreift. Humboldt nennt das Erdbeben eine Reaktion des Erdillnern gegen die Erkaltung der Kruste; ist es nun nicht erklärlich, wenn die Vertrockllling alles frischen, kräftig pulsirenden Lebens das soziale Erdbeben erzeugt? Und inllß nicht diese Vibration durch heftiges Schüren noch potenzirt werden? Aller Dank mld die vollste Allerkennung Denen, die mannhaft und entschieden für die angegriffene Gerechtigkeit unserer Sache eintreteu; ist aber hierbei auch die Führung der „scharfen Tonart" erforderlich? Nicht ganz mit Unrecht könnte wohl der Einlvand erhobell werden: „Warum sollte auf unserer Seite das Hinüberschießen aufgegeben werdell, wenil die Gegner nicht das Herüberschießen einstellen?" Wir benfeu aber, daß ein zweitausendjähriges weltgeschichtliches Martyrinul uns bereits die Lehre beigebracht haben sollte, daß — um mit der Sprache des Talmuds zu reden — die Sonne der Wohlfahrt Nils dann bescheint, wenn wir es vorziehen, die Beleidigten und nicht die Beleidiger zu sein. Auch das scheint eine Mission des jüdischen Volkes zu sein! Wir konstatiren mit Geliugthnung, daß die mährische Judenschaft diese Einsicht gewann. Als vor einiger Zeit im Wahlbezirk Proßnitz eine Ersatzwahl für beu verstorbenen Reichsrathsabgeordneteu * Dr. Weber nothwendig getvorden war. wurde seitens eillzelner Wiener Vereinsmatadore der Versuch geniacht, die dortigen jüdischen Wähler zu einer gegnerischeli Haltung gegeilüber dem deutsch-liberalen Kandidaten zu veranlasseli; sie widerstailden jedoch diesem Versuche ulld zogeli es vor, durch den Mund des Vorstandspräsidenten der Proßllitzer Kultusgemeinde, Herrn Josef Singer, in entschiedener Weise der liberalen Partei des Abgeordnetenhauses ihr passives Verhalten in der Frage des Antisemitismus vorznhalten und der bestimmten Erwartung Ausdruck 311 geben, daß sie fürder in dieser Richtung an einer Ein- und Umkehr es nicht fehlen lasten werde. Diese recht energische, aber taktvoll und urban vorgebrachte Apostrophe blieb nicht ohne Erfolg; die liberale Partei hat seitdem ihre Stellung gegenüber dem Antisemitismus gründlich geändert, und sie findet die entsprechenden Töne, um seine Anmaßungen und Provokationen gebührend zurückzuweisen. Ueberhanpt hängt in der Frage der successiven Heilung dieser bis zur Unerträglichkeit gediehenen Misere viel, vielleicht das Meiste von dem klugen Verhalten der jüdischen Wählerschaften ab. Es zeigt sich dies in Böhinen, Galizien und in der Bukowina. Trotz

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