Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
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62 Einmal kant der Direktor zu mir mit der Mittheilung, in die Prima wäre ein auswärtiger jüdischer Schüler eingetreten, der noch nie Religionsunterricht gehabt hatte; der wollte schon deswegen fernbleiben, weil er fürchtete, sich zu blamiren; ich scheute das böse Beispiel und wollte überdies auch diese Seele nicht ganz aufgeben; ich ließ mir. also den jungen Mann rufen und stellte ihm vor, ob er denn glaube, daß es mit der Religion vereinbar sei, einen Menschen,' der ohne sein Verschulden in der Religion Unkundig geblieben sei, wegen dieser Unknnde bloßzustellen. Da er nun mein Versprechen hatte, daß ihm seine Unkenntniß weder Spott noch Schaden eintragen werde, und ich ihm freundlich zuredete, kam er zum Unterrichte und nahm sogar daran, so weit er zu folgen vermochte, regen Antheil. Auch sonst darf es Schülern und Eltern beim Religionsunterrichte nicht schwer gemacht werden. In diesen Zeiten des Antisemitismus wird es jeder besonnene. jüdische Religionslehrer sich zehnmal überlegen, ob er eine Beschwerde über seine Schüler an den Direktor oder den Klassenlehrer bringt, sondern, so gut oder so schlecht es geht, selbst für Ordnung sorgen. Ans die Gefahr, des falschen Zeugnisses beschuldigt zu werden, wird er es doch vermeiden, einem Jungen die Censur zu verderben, und wird lieber manchem das Prädikat „genügend" in der Religion geben, der es nicht völlig verdient. Sein Gewissen braucht sich dadurch nicht bedrückt zu fühlen. Die Religionsschule umfaßt nicht die ganze schulpflichtige Jugend ' und unterrichtet die Schüler meist nur bis zum vierzehuten Lebensjahre. Aber wie wichtig ist es, den reiferen Schüler der höheren Gymnasialklassen für Religion zu gewinnen und zu erwärmen. Diese Arbeit wird nicht zu leisten sein, wenn nicht der jüdische Religionsunterricht an den höheren Schulen eine Stätte hat. Sehr wünschenswerth mtb einer allgemeinen Theilnahme förderlich ist es, wenn der Unterricht innerhalb der sonstigen Schulzeit ertheilt wird. Zu diesem Unterrichte gehört an vielen höheren Anstalten das Hebräische. Referent hat die Anfnahme des Hebräischen vor den Behörden damit begründet, daß jeder Religionsunterricht zur Theilnahme am öffentlichen Gottesdienste vorbereiten sott, da aber der jüdische Gottesdienst fast überall wesentlich in hebräischer Sprache abgehalten werde, so sei einige Kenntniß des Hebräischen für den jüdischen Schüler nicht zu entbehren. So kann wenigstens für das Nothwendigste gesorgt werden. Diejenigen, welche, sei es aus Eifer für die Religion, sei es ans dem Streben nach Gleichberechtigung, für die obligatorische Einführung des jüdischen Religionsunterrichtes an höheren und niederen Schulen streiten, haben sicherlich die besten Absichten, aber das Wichtigste bleibt doch, daß an der Schule und womöglich innerhalb der Schulzeit, Gelegenheit geboten wird, jüdische Religion zu lernen. Wir beurtheilen die Jugend zu schlecht, wenn wir glauben, daß sie nur vor dem Stocke, vor den disziplinarischen Mitteln Respekt habe. Die Jugend in der Schule ist oft besser als die Eltern zu Hause. Gerade für die Religion reicht die Macht der Schuldisziplin nicht aus, ja, sie kann oft das Feuer der Begeisterung ersticken, das in den jungen Herzen anfzuglühen beginnt. Manche Pädagogen, die sonst der Strenge das Wort reden, lassen beim Religionsunterricht die Milde walten. Der Staat kann dem jüdischen Neligionslehrer die Autorität nicht geben, deren er bedarf. Diese erwirbt er sich heut wie ehedem durch seinen Eifer, durch seine Liebe und durch die Erhabenheit seines Gegenstandes. Berlin, 3; Februar. f n den letzten parlamentarischen Debatten hat man die Juden gottlob in Ruhe gelassen. Rur int Abgeordnetenhause nahm Abgeordneter Rick er t in dankenswerther Weise Gelegenheit, über die Ausweisungen russischer und polnischer Juden zu itlterpelliren. Die Antwort, die ihm zu Theil wurde, ging auf die Frage selbst nicht ein, sondern erörterte nur verschiedene einzelne Fälle. Die Volkszählung hat übrigens, was bei dieser Gelegenheit bekatint wurde, nachgewiesen, daß die Einwanderung russischer und galizischer Juden in Preußen eine geradezu minimale ist. Für die Debatten, welche die bekannten antisemitischen Anträge "zweifellos heraufbeschwören werden, ist diese Notiz sehr wichtig. In wahrhaft komischer Weise hat der wackere Pastor I skr aut jüngst im Reichstage die Juden förmlich an den Haaren herbeigezogen. Mit dem ihm eigenen Pathos erzählte er: „Zwei Posteleven hatten das Examen bestanden und sollten angestelll werden. Die Anstellung unterblieb, weit der jüdische Rabbiner ungefragt zum Postdirektor ging und den jungen Leuten ein schlechtes Sittenzeugniß ausstellte. Evangelischen Geistlichen ist es nicht gestattet, ungefragt Führungszeugnisse auszustellen. Wenn der Einfluß des Judenthums derart um sich greifen sollte, daß jüdische Rabbiner über evangelische Schüler ungefragt sollen Sittenzeugnisse ausstellen dürfen, dann scheint mir doch der Geist innerhalb der Postverwaltung zu liberal, zu jüdisch." Leider vergaß der wackere Herr in der Hitze des Gefechts anzugeben, wo diese seltsame Begebenheit passirt ist. Uns erscheint es kaum glaublich, daß ein Rabbiner jemals Einfluß auf die Postverwaltung gewann, wohl aber wissen wir, daß im ganzen deutschen Postfach noch nicht zehn Juden augestellt seilt dürften. £ Eine moderne Tragödie hat in dieser Woche ihren Abschluß gefunden. 'Der am 20. Januar im Duell schwer verwundete Gerichtsassessor Wollstein aus Rakel ist am 30. v. M. hier in der v. Bergmannschen Klinik gestorben. An seinem Sarge trauerte eine unglückliche Familie, die in ihm ihre Zierde verloren. Das sind die Früchte und Erfolge des Antisemitismus! * Der Schulchan Aruch katm nicht zur Ruhe kommen. Es scheint, daß in jedem einzelnen deutschen Lande der Tisch von Neuem gedeckt werden soll. Nun hat sogar auch die zweite sächsische Kanlmer am 28. Januar, dem Kommissionscmtrage entsprechend, einstimmig beschlossen, die Petition betr. die Uebersetzung des Schulchan-Aruch auf Staatskosten auf sich beruhen zu lasten, nachdem vorher ein Antrag des konservativen Abg. Mehnert, die Petition der Regierung zur Kenntnißnahlne zu überweisen, mit41 gegen 29 Stimmen abgelehnt wordett war. Für die Berücksichtigung der Petition erklärte sich ntir der atttisemitische Abgeordnete Theuerkorn. Dagegen sprachen sowohl nationalliberale, wie fortschrittliche mit) sozialistische Abgeordnete. Dasselbe Schicksal hatte der seltsame Antrag im badischen Landtag. Dort berichtete Namens der Petitionskommission Hofrath Dr. Rümelin über das Gesuch des deutsch-sozialen Reformvereins Mannheim und mehrerer Einwohner von Heidelberg und Hopfenheim uni Uebersetzung des Schulchan-Aruch. Der Berichterstatter wies darauf hin, daß schon auf dem letzten Landtage das Haus sich mit dieser Petition beschäftigt habe. Sie habe daher keinen Grund gehabt, auf dieselbe nochmals einzugehen, und sie stelle daher den Antrag, über die Petition zur Tagesordnung nberzugehen. Der Antrag wurde ohne Debatte an-