Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1896)
- Date
- 1896-02-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Nr. 6. Serlin, 7. Feliruar 1896. Gin unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. NedactLÜr: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner 1** Ludwig Philippson-Konn. Verlags-CrpeLition: illerün, Jerrrfatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des ZudenthumS", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Iuhaii. Leitartikel: Zur Organisation des jüdischen Religionsunterrichtes. — Die Woche. — Die Juden in Oesterreich. V. — Konzentration im Religionsunterricht. Von M. Lilienfeld. — Abraham Geigers Briefe an I. Derenbourg. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Aus Heinrich Heine's Ahnensaal. — Feuilletonr Josef der Träumer. Erzählung von I. Zanawill. — Leib Weibnachtskuchen und sein Kind. Novelle vonKarlEmilFranzos. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Potsdam. Seebad Kolberg. Kempen. Aus Schlesien. Aus Oberschlesren. Guttentag. Schwerin i. M.. Parchim i. M.. Magdeburg. Freiburg i. B.. Wien. New-Aork. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. Zur Organisation des indischen Religionsunterrichtes. Berlin, 4. Februar. (E^euerdillgs macht sich in den Fragen der Organisation des jüdischen Religionsunterrichts ein Fanatismus der Gleichberechtigung geltend, der, wie es scheint, den Werth rein schulpolitischer Errungenschaften oder Forderungen übertreibt. Soll der preußische Kultusminister, und sei es auch ein so wohlwollender und religiöser Mann wie Bosse, das Judenthnm und die jüdische Jugend retten? Gesetzt, wir Juden hätten in Preußen den obligatorischen Religionsunterricht und der Lehrer der jüdischen Religion säße in dem hohen Areopag der Lehrerkonferenz und sein Votum wäre gewaltig über Sein oder Nichtsein, über Versetzung und Nichtversetzung, und er könnte Strafarbeitell und Arreststunden verhängen, und er würde, um in dieser materiellen Zeit das Geld nicht zu vergessen, vom Staate bezahlt, wäre damit schon der Religiousuuterricht gesichert und geborgen? Auch der Lehrer würde an allen diesen Erfolgen nur ein mäßiges Ergötzen haben; er würde an den Konferenzen mehrerer Schulen theilnehmen müssen;.er säße da auf seiner sella curalis und Hörle stundenlang Erörterungen zu, die ihn nichts angehen, in die er nicht Eingreifen kann, weil er die Schüler gar nicht kennt. Endlich kommen seine Schüler an die Reihe; aber er kann unmöglich aus den zwei Religionsstunden ein abschließendes Urtheil über sie haben; er ist leichter als jeder andere Lehrer Mißverständnissen ausgesetzt; es wird ihm nicht angenehm sein, einem jüdischen Schüler, der ohnedies nicht gut angeschrieben ist, noch neue Sünden ins Kerbholz zu schneiden-; soll er stets vertheidigen, so wird er dadurch gleichfalls sein Ansehen nicht erhöhen; vielleicht dient er in solchen Lagen sich und der Sache am besten, wenn er möglichst viel schweigt; aber er wird in keinem Falle eine ganz glückliche Rolle spielen. Dekorativ hat, das soll zugegeben werden, die Theiluahme an der Schulkonferenz keine üble Wirkung. Der Schüler sagt sich auch vielleicht: Mein Religionslehrer ist ein mächtiger Mann, er kann mir einen Span einhauen, und diese nicht gerade feinen und vornehmen Erwägungen können seinen Eifer für die Religionsstunde -erhöhen. Aber nun denken wir an das Gefühl der Oede, an die viele verlorene Zeit, die der Lehrer, der in mehreren Schulen unterrichtet, durch die Theilnahme an so vielen Konferenzen zu beklagen hat, und der Lehrer sagt sich, wenn er Nutzen und Schaden zusammenhält, du bezahlst zu viel für deine Pfeife. Und vor Allem gerade bei der Religion ist das Interesse, das der Schüler bekundet, indem er die Aufgaben erledigt, indem er den Stoff einlernt, nicht zu verwechseln mit einer Liefern Theilnahme für den Inhalt des Unterrichts. Das Wichtigste am Unterricht der Geschichte, sagt ein weiser Mann, ist die Begeisterung, die sie erweckt. Das gilt in erhöhtem Maße vom Unterricht in der Religion. Aber diese äußeren Momente, die dem Schüler imponiren, werden auch nur eine äußere Wirkung Hervorrufen und die Wärme des religiösen Gefühls in den jungen Seelen beeinträchtigen. Ganz dasselbe beklagenswerthe Resultat wäre zu verzeichnen, wenn ^es dem Lehrer gelänge, wegen schlechter Leistungeil in der „Religion" ' einen Jungen vom Aufsteigen nach einer höheren Klasse zurückzuhalten. Die Religion würde dadurch im Gemüthe der Eltern und des Kindes nicht gewinnen. Wären alle diese Mittel der Disziplin dem jüdischen Religions- ^lehrer gegeben, könnte er int Lehrerkollegium seine Meinung zu Gunsten und zu Ungunsten eines Schülers in die Wagschale werfen, könnte er durch Strafen dem Eifer nachhelfen, könnte er die Versetzung hindern oder fördern, so wäre immer noch zu rathen, von diesen Mitteln der Disziplin den vorsichtigsten Gebrauch zu machen, jedenfalls nicht von ihnen allein das Heil zu erwarten. Die christlichen Lehrer, die mit allen diesen Machtmitteln ansgestattet sind, erfahren es häufig genug, daß die Schüler, die den Lehrer fürchten, an Religionskenntnissen, aber nicht an Religiosität zunehmen. Die Einreihung des jüdischen Religionsunterrichts in den Lehrplan unserer öffentlichen Schulen, ganz gleich, ob er fakultativ oder obligatorisch aufgenommen wird, hat ihren Segel! vorerst darin, daß der Lehrer dadurch Schüler gewinnt, die der speziellen Religions- " schule,, wie mm einmal der Lauf der Welt ist, fernbleibeu. Bei der nichtjüdischen Bevölkerung lulseres Landes gilt es als vornehm, ^Religiosität zu zeigen, bei den Juden gilt das Gegentheil für vor-!..nehm. Das Eine ist so sonderbar als das Andere, aber es ist nun ■ einmal so. In der öffentlichen Schule wird sich so leicht Niemand ausschließen. Referent unterrichtet an zwei Gymnasien seit fast eineni Vierteljahrhundert bis zur Prima jüdische Religion, und bis jetzt ist ihm der Fall noch nicht vorgekommen, daß sich ein Schüler am Unterricht nicht betheiligt hätte.