Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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59 mir das Leben vergällt. Aber warum? Weil Malte die Wirthschaft' nicht führen konnte und doch nicht abgeben wollte, und weil sie hochmüthig war wegen ihrer Familie und ihrer Mitgift und meine Schwester Rachel sich nichts gefallen ließ, denn nur aus Liebe zu mir ist sie in meinem Hause, und auch unsere Familie kann sich sehen lassen. Wie aber wird das bei Eurer Tochter sein?! Wird sie^die Wirthschaft führen wollen, wird auch sie hochmüthig sein wegen ihrer Familie und ihrer Mitgift?! . . . Was aber meine Kinder betrifft, so sind sie eben jüdische Kinder, und was ihr Vater will, ist ihnen Gesetz, und dem Weib, das er heimsührt, werden sie die gebührende Ehre erweisen. Natürlich sind sie im Herzen gegen diese Heirath — ich wär's auch, wenn ich an ihrer Stelle wäre —, schon weil jeder Mensch lieber mehr, als weniger erbt. Denn meine Söhne wissen" — er richtete sich stolz auf —. „daß ich trotz meiner Siebeuzig ein kräftiger Mann bin, deni ein junges, gesundes Weib noch einen Benjamin gebären wird, und, so Gott will, ein Töchterchen dazu. Aber sie fügen sich, weil ich's so will, und ich will's. weil es nicht blos mein gutes Recht ist. sondern auch das Rechte; ich brauche deshalb vor Niemand die Augen niederznschlagen." Und wieder reckte sich der sonst gebeugte Nacken krastvoll empor. „Wer mich darum schelten will, melde sich F' „Das fällt Niemand bei!" riefen Chane und Mendele wie aus einem Munde. Auch Leib murmelte etwas wie eine Verwahrung gegen ein solches Unterfangeil. Jrn Stillen aber dachte er: „Ach, wenn es nur nicht eben mein Miriamchen toär’!" Der Greis nickte. „Was auch war' dagegen zu sagen?!" sagte er wieder so ruhigen Tons, als erörtere er ein Geschäft oder eine Talmudstelle. „Nichts! Vielleicht nicht einmal dann, wenn ich so alt wär', wie König David, da sie ihm die Abisag zuführteu. Denn das Weib blüht dazu auf, den Mann zu erfreuen. Aber ich bin nicht, wie König David, da sie ihm das Mädchen von Sunem brachten, und erfülle Gottes Gebot, inbeiu ich wieder heirathe, denn die Vermehrung seines Volkes ist Ihm wohlgefällig. Ein Christ oder ein „Deutsch" (aufgeklärter Jude) thäte es freilich wahrscheinlich nicht mehr, er würde das Gespött feiner Leute scheuen und sich lieber eine Geliebte halten, denn das ist bei ihnen für einen Greis keine Schande, aber lwch heiralhen ist schmählich. Ich aber bin gottlob ein Jude, habe nie ein Weib berührt, als mein augetrautes, und will's bis ans Ende so halten. Ich nehnie Eure Tochter, weil sie jung und schön ist, ich leugne es nicht. Und viel zärtliche Reden wird sie nicht von mir hören, — dazu Hab' ich nicht die Zeit, und es ist auch nicht meine Gewohnheit. Aber was ein Manu wie ich, den so viel Arbeit und so viele Jahre belasten, thun kann, dainit das Weib an seiner Seite sich glücklich fühle, soll geschehen. . . Und nun — Ihr hättet es früher überlegen sollen, Reb Leib, aber ich stell's Euch noch jetzt frei — entscheidet Euch!" „Es ist entschieden," erwiederte Chane und auch Leib widersprach nicht. So wurde.der Verlobungs-Vertrag unterschrieben. Nachdem dies geschehen, zog der Bräutigam seine Brieftasche hervor und legte eine Fünfzig - Gulden - Note vor die Mutter hin. „Reicht es nicht," sagte er, „so soll es mir auf einige Gulden mehr nicht ankommen. Aber ich meine, sie wird auch als mein-Weib noch Hemden und Kleider bekommen können. . ." Und weil er wohl gelaunt war und das Geheimniß nun nicht mehr bewahrt zu werden brauchte, so ließ er sich durch Meyerl einen anderen Wagen aus der Dampfsäge holen und überließ den Schwiegereltern den seinen für die Heimfahrt. Sie nahmen dankend an und rollten leichteren Herzens, alssie es mitgebracht, ihrem Hause zu. Dort aber hatte sich inzwischen eine seltsame Szene begeben. In den Morgenstunden des Sonntags, während des Gottesdienstes und bis nach der Messe — gepredigt wird von den griechischkatholischen Kanzeln in Galizien nur selten, von den römischkatholischen fast nur zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten — bleibt die Schänke immer leer. Einmal deshalb, weil die Popen darauf achten, und ferner, weil die Bauern gerne ihren Rausch vom Abend vorher ausschlafen, bis die Kirchenglocken sie znr Andacht rufen. Und so kam's daß die Kasia volle zwei Stunden, von Sieben bis Neun, keine Menschenseele fand, der sie ihre Entdeckung hätte mittheilen können, daß Leib und Chane nach Halicz gegangen, um dort ihre Tochter mit dem Alten ans der Dampfsäge zu ververlobeu. Denn daß sie aus keinem geringeren Grunde beide ihr Haus verlaffeu haben würden, bezweifelte sie keinen Augenblick, dafür kannte sie sie zu genau. Keine Seele, oder doch keine gläubige. Denn der Miriam theilte es die „Goje" mit, aber das Mädchen lachte nur laut. auf. „Du bist verrückt," sagte sie, „davon müßt' ich ja auch etwas wissen!" „Aber bei Euch wird ja ein Mädchen nie gefragt!" rief die Kasia. „Vielleicht!" erlviederte die Miriam. „Aber mich würden meine Eltern fragen. . . Oder doch mein Vater," fügte sie nach einem Augenblick des Nachdenkens hinzu. „Er ist ja so gut! Er würde mich nicht zwingen, ein Kleid zu tragen, das mir nicht gefällt, — und mm gar einen so alten Mann nehmen!" „Dein Vater!" sagte die Kasia verächtlich. „Der trägt ja hier im Haus den Unterrock und die Mutter die Hosen! Die Mutter hat's eben befohlen, daß er schweigt." „Pfui!" rief das Mädchen heftig, und ihre Angen blitzten. „Dasi ich das nie wieder höre! . . . Aber über Deine Reden darf mau sich ja nicht ereifern," fügte sie wieder lachend hinzu. „Du bist eben ein Schwatzmaul!" Und sie ging trällernd an die Arbeit. Die Kasia trat vor die Hausthüre; vielleicht gelang es doch, irgend Jemand zu ergattern. Aber die Dorsstraße lag noch immer verödet, obwohl die Sonnenuhr am Pfarrhause fast schon auf neun wies Ihre einzige Genugthuung war, daß sie die Miriam plötzlich im Hofe singen hörte: „Janko, komm' nicht wieder her. Meine Mutter leid's nicht mehr. Und mein Vater warnt-" Da brach sie plötzlich ab. „Aha!" rief die Kasia triumphirend und eilte auf den Hof. „Was hast Du da gesungen?" fragte sie. Ihr Jubel wuchs, als das Mädchen darüber sichtlich verlegen wurde. „Was? Ein Lied. . .," erwiederte sie unsicher. „Du kennst es ja!" „Das Lied vom lieben Janko!" rief die Kasia höhnisch, änderte jedoch flugs die Tonart. „Miriam," bat sie, „vertraue Dich mir doch au! Ich habe ja auch einmal geliebt! Und er hat auch Janko geheißen." Aber da lachte die Miriam wieder. „Unsinn! — Ich Hab' nichts zu gestehen!" Aber es klang doch nicht so ganz unbefangen, und das eickging der Kasia nicht. „So?" fragte sie. „Warum bist Du daun so plötzlich verstummt? Weil Dir eingefallen ist. daß ich Dich hören kann?" „Nein!" betheuerte Miriam, und da log sie wahrlich nicht. Bei der Stelle von der Warnung des Vaters stand ihr Plötzlich _ die Szene vom Montag in Erinnerung und wie ihr der Vater im Moudlicht den Schwur abgenommen, nie wieder solche Lieder zu singen. Aber so ehrlich dies „Nein!" war. ganz unbefangen blieb sie dabei uicht, und als die Kasia sie scharf anblickte, schlug sie den Blick nieder und wurde roth. Dann plötzlich überkanl