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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-31 · Heft 5 (31.1.1896) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 5 (31.1.1896)
Date
1896-01-31
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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' ■. —-57 '- ■ * war immer das Zeitalter der Gräuel. Nicht in Schlauheit, sondern in Herzenseinfalt hat unser Erlöser sich offenbart. „So Ihr nicht werdet wie die Kindlein, ist das Himmelreich nicht Euer." „Das Himmelreich ist hier!" Ihre Augen glänzten, ihre Brust wogte. Das Feuer ihres Blickes traf seinen. Ihre Lieblichkeit, das unvergleichliche Gesicht und Wesen, welches jetzt die Reinheit einer Statue mit der Wärme eines lebenathmenden Weibes vermischte, erregte ihn. „Wahrhaftig, wo Christus ist, ist der Himmel. Ihr lebt in solcher Lichtfülle, daß Ihr Euer Vorrecht nicht zu verwirklichen braucht. Mer ich, der stets in Dunkelheit gewandelt, ich bin wie ein Blinder, der sehend geworden. Ich war ehrgeizig, wollüstig, zerristen durch Zweifel und Fragen, jetzt bade ich in himmlischem Frieden, all meine Fragen sind beantwortet, mein aufrührerisches Blut besänftigt. Liebe, Liebe, das ist Alles, die Entsagung, das Aufgeben des Willens zur Liebe, welche die Sonne imb alle Sterne bewegt, wie Euer Dante sagt. Und Sonne und Sterne sie bewegen sich nur zu dem Ende, Signora, daß menschliche Seelen leben und sterben, um in Einheit mit der Liebe zu leben. „Oh, meine Brüder" er breitete inbrünstig seine Arme aus, seine Augen, seine Stimme waren thränenerfüllt, „warum feilscht Ihr auf dem Markte? Warum häuft Ihr Gold und Silber auf? Warum jagt Ihr den flüchtigen Schatten irdischer Freude nach? Dies, dies ist die wahre Glückseligkeit, sich selbst Gott hingeben, alles in Allem nur der Ausfluß seines heiligen Willens sein!" „All' dies ist reine Tollheit. Deine Brüder werden jetzt ebenso wenig auf Dich hören, wie sie es je thnn werden." „Ich will beten Tag und Nacht, daß meine Lippen mit heiligem Feuer berührt werden." „Auch Liebe ist ein heiliges Feuer. Willst Du ohne sie leben?" Sie trat näher. Ihr Athcm streifte die schwarze Locke seiner Stirn. Er wich, zusammenschauernd, einen Schritt zurück. „Ich werde die göttliche Liebe erwählen, Signora." „Du bist entschlossen, Dominikaner zu werden?" „Ich bin's." „Wird Dich das Koster befriedigen?" „Es wird der Himmel sein." „Ach, dort, wo es keine Ehe und keine Hingebung in Liebe giebt? Welch' ein Simson-Glaube, der die Gruudsäulen der menschlichen Gesellschaft niederstürzt." „Nein, die Ehe ist das Symbol einer göttlichen Verbindung. Aber sie ist nicht für alle Menschen. Sie ist nicht für die, welche über göttliche Dinge anders denken, welche für ihre Mitmenschen das gekreuzigte Fleisch verbildlichen, die überwundene Seele. Sie ist nicht für Priester." „Aber Ihr seid kein Priester." „Das ist nur eine Frage von wenigen Tagen. Aber selbst wenn ich die Weihen verweigerte, würde ich doch das Cölibat auf mich nehmen!" „Das Cölibat —.warum?" „Weil mein eigenes Volk sich von mir abwendet. Und wenn ich eine Christin heirathe, wie so mancher jüdische Konvertit, so wäre die Kraft meines Beispiels' verloren. Sie würden von mir sagen, wie sie es von Jenen thun, daß es nicht das Licht Christi, sondern, die Augen einer christlichen Jungfrau waren, die mich blendeten und abwendig machten. Sie sind hart, sie glauben nicht an die Möglichkeit eines wahren Uebertritts. Andere haben sich durch Abfall bereichert oder, wenn sie reich waren, aussaugende Stellern und Geldstrafen vermeiden wollen. Ich aber habe mein Erbtheil verloren, und ich will nichts nehmen. Deshalb nahm ich Deines Vaters gütiges Anerbieten nicht an, deshalb nicht die bescheidene Würde des Szepterträgers Sr. Heiligkeit. Wenn meine Brüder erkemlen, daß ich keinen Zuschuß, fein Geld, nicht einen rothen Heller voll ihnen verlange, daß ich ohne Lohn ihnen predige, in Wahrheit um der Liebe himmlischen Liebe willen, die Euer Glaube lehrt, wenn sie sehen, daß ich rein und. einsam lebe, bcmn werden sie auf mich hören. Vielleicht werden ihre Herzell gerührt und ihre Augen geöffnet werden." Sein Angesicht erstrahlte in blassem Glanze. In der That, das fehlte ihlnn bisher, deß war er gewiß. Niemals hatte ein Jude vor feinen Brüdern als vorwurfsfreier Christ gestanden, über jeden Argwohn erhaben, ohne Fllrcht und ohne Tadel. O, glückliches Loos, diese apostolische Sendung zu vollbringen! „Aber voransgesetzt —" Helena zögerte, dann sah sie ihn an mit furchtloser Offenherzigkeit — „die, welche Dll liebst, sei keine Christin." Erzitterte und preßte seine Hände zusammen, um die tolle Woge irdischer Regung, die ihn, wie die Fluth bei Mondschein anschwillt. bei der Gluth ihrer Augen durchfluthet, zurück zu dämmell. „Ich würde meine Liebe ertödten", sagte er heiser. „Die Juden sind hart. Sie werden so feine Ullterschiede nicht machen. Sie feinten nur Juden und Christen." „Mich dünkt, ich sehe meinen Vater die Straße heraufreiten," sagte Helena, sich zu dem Erkerfenster wendend. „Es scheint seine Feder, fein braunes arabisches Pferd zu sein. Die Sonne blendet meine Allgen. Ich muß Dich verlassen." Sie ging zur Thür, ohne ihn allzusehen. Dann watidte sie sich plötzlich so, daß seine eigenen Allgen geblendet wurden und sagte: „Meiu Herz ist bei Dir, was auch immer Dll wählst. Nur besinne Dich wohl, ehe Du Mönchskappe und Kutte erwählst; dies herbe Gewand, welches nach Deinen eigenen Worten, alles das, was hart lllld schwer ist, symbolisirt. Addio." Er folgte ihr und sich niederbeugend, küßte er ehrfurchtsvoll ihre Hand. Sie entzog sie ihm nicht. „Hast Du die Kraft für die Geißel, den Strick, Ouisseppo mio?" frug sie sanft. „Ja", sagte er. Du sollst mich begeistern, Helena, der Gedanke an Deine strahlende Reinheit soll mich rein und sicher, nie schwailkend finden." Ein qualvoller Ausdruck zog über Helenas Gesicht. Sie entzog ihm ihre Hand. „Ich kann nicht zum Tode begeistern, nur zum Leben." Er schloß seine Augen in ekstatischer Vision. „Das ist nicht Tod! Er ist die Auferstehung und das Leben!" murmelte er. Als er die Augen öffnete, war sie verschwunden. Er fiel auf die Knie in inbrünstigem Gebet, in den Todesschauern der Kreuzigung des Fleisches. (Fortsetzung folgt.) Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) ine halbe Stunde später fuhr David Münzer in seiner Britschka bei der „Akentschaft" vor. Mühsam kletterte der Greis vom Wagen, aber nur seiner Beleibtheit wegen. Als er vor dem- Ehepaar stand, mußten sie sich sagen, daß er rüstiger sei, als die meisten feiner Altersgenossen. Eine hohe, breitschultrige Gestalt von mächtiger Körperfülle; der Rücken war gekrümmt, das Haupt geneigt, die Augen blickten aus den halbgeschloffenen, gerötheten Lidern müde

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