Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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sä 56 anzusiedeln. Einen Schutzbrief aber zu erlangen,, war trotz der „treu gehorsamsten Dienste", die er dem Staate leistete und die von diesem . auch anerkannt wurden, erst unter Karl VI. möglich. Gerade damals hatte seine Tochter Sara Lea dem Sproß einer der angesehensten Familien am Rhein die Hand zum Herzensbund gereicht. Sein Schwiegersohn war Lazarus, der Sohn Joseph's von Geldern, der von Düsseldorf nach Wien gekommen war. In dem Schutzbrief für diesen, der als Buchhalter des Handlungshauses in. das Privileg mit eingezogen war, wurde die Erwartung ausgesprochen, er werde „ganz, treu und unklaghaft ohne alle ärgernuß, gleichwie von ihme Juden Simon Michel und denen seinigen die guete Mainung ist, sich verhalten". Simon Michael starb am 10. April 1719. Sein Grabstein kündet, daß unter ihm „ein Wohlthäter und Schirmer seiner Glaubensgenossen, ihr Anwalt und Fürsprecher vor Fürstenthronen, ein Schulstifter und Synagogenbegründer, ein Befreier der Gefangenen und ein Tröster der Beladenen" ruhe. Sein Schwiegersohn, Lazarus von Geldern, war damals kaum 24 Jahre alt. Dessen Schutzbrief hatte auf 10 Jahre gelautet. Drei davon waren bereits abgelaufen. Zunächst blieb Lazarus an der Seite seines Schwagers, der das Werk des Vaters fortsetzte, weiter in Wien im Geschäftshause thätig. Das Erlöschen des Privilegiums wartete er aber nicht ab, und etwa 1725 begab er sich wieder nach der Heimath. Dort stand sein Vater Joseph oder, wie man ihn in der „Gasse" damals nannte, Juspa von Geldern, in hohem Ansehen. Er erfreute sich nicht nur bei seinen Glaubensgenosien, sondern, was damals gewiß noch sehr selten war, auch im öffentlichen Leben hoher Anerkennung. Einer seiner Väter war wahrscheinlich entweder aus dem holländischen Geldern nach Deutschland oder, was noch näher, aus der benachbarten Stadt Geldern in Düffeldorf eingewandert und hat dadurch den Nachkommen den Namen Geldern oder „von", d. h. aus Geldern hinterlaffen. Sein Vater Jakob ließ seinem Sohn Juspa eine gelehrte Erziehung angedeihen. Er gab ihm dann zur Gattin die Tochter des angesehensten Mannes aus der Judengasse zu Düffeldorf, dessen Stammbaum ins 16. Jahrhundert bis zu dein „Landvorsteher der hessischen Judenschaft" Samuel Stuckert in Witzenhausen hinaufreicht. Als Juspa von Geldern in dieses an Erinnerungen und Ueberlieferungen reiche Haus eintrat, war für die Stadt Düsseldorf eine Zeit glänzenden Aufschwungs angebrochen. Es gelang Juspa von Geldern durch seine Tüchtigkeit, vom Kurfürst Johann Wilhelm, der die Stadt zu seiner bleibenden Residenz erkoren hatte, zum Hoffaktor oder Kammeragenten ernannt zu werden. Dies war aber kein bloßer Ehrentitel, sondern eine harte und schwere Arbeit für einen Juden in jenen Tagen. In diesem Amte hatte Juspa auch reichliche Gelegenheit, sein Ansehen und seinen Einfluß zum Schutz seiner bedrängten Glaubensgenossen einzusetzen. Zum Dank dafür ward er von diesen zum Vorsteher oder, wie man damals sagte, zum Ober-Vorgänger der gesummten verleiteten, d. h. auf Grund eines Schutz- oder Geleitbriefes gegen hohe Abgaben im Lande wohnungsberechtigten Judenschaft gewühlt und als solcher der Regierung gegenüber für deren Polizeiordnuug und Steuereingänge haftend und verantwortlich. Die Errichtung einer Bank in Düsseldorf im Jahre 1705, die allerdings auf schlechter national-ökonomischer Grundlage basirte, gab ihm Gelegenheit, dem Kurfürsten seine Dienstwilligkeit zu bezeugen. Johann Wilhelm aber gab Juspa einen außerordentlichen Beweis seiner Huld, indem er ihm nicht nur den Grund zur Erbauung eines Hauses und einer Synagoge, sondern auch völlige Steuer- und Abgabefreiheit für 30 Jahre und kräftigen Schutz gegen jede Beschwerde bei allen Behörden zu Theil werden ließ. Kaufmann schildert uns auch nach den Quellen das Milieu des Hauses, in dem Heine's Ahnherr waltete. Dies ist aber für uns gerade nach der Vererbungstheorie besonders interessante „Die gesellschaftliche Stellung des Vaters, seine angesehenen Verbindungen, seine Beziehungen zum Hof, die lebenswarme Nähe zu den öffentlichen Angelegenheiten und den Vorgängen der Politik, die Erfordernisse und Bedingungen des höheren Verkehrs hatten den Gesichtskreis'der Familie erweitert, ihr Bildungsideal gehoben, ihre Umgangsformen geadelt und allgemach die Scheidungswände niedergeriffen, die sonst das Ghetto gegen Licht und Luft der Umgebung absperrten. Man kvmmunizirte mit der Gesellschaft und hob sich naturgemäß auch im Geistigen auf ihr Niveau!" G. K. -II—Hl- Hl—II- FEUILLETON Josef der Träumer. ' Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedelt in Düsseldorf. (Fortsetzung.) s^u kannst nicht blind sein für die göttliche Eingebung, die eine Madonna des Boticelli schuf!" erwiederte Helena. „Hättest Du seine Fresken in der Villa Semmi, außerhalb Florenz, die köstlich zarte Grazie seiner Forluen, die entzückende Farbe gesehen, Du würdest verstehen, daß nicht nach geistiger Schönheit allein seine Seele begehrte." „Aber Rafael d'Urbino, aber Leonardo?" „Leonardo," wiederholte sie: „Hast Du seinen Bachus oder seine, Schlachtenfresken gesehen? Kennst Du die späteren Werke Rafaels! Und was sagst Du 311 unserem Fra Lippo Lippi? Ein christlicher Mönch, fürwahr! Was sagst Du zn Giorgione von Venedig und seinen Schülern, zu dieser Fülle von Lieblichkeit, zu unseren Bildhauern und Baukünstlern, zu unseren Goldschmieden und Musikern? Ah, wir haben das Geheimniß Griechenlands wieder entdeckt. Wir lieben Homer, Plato, die edle Einfachheit Sophokles; unser Dante log, als er sagte, daß Virgil sein Führer gewesen. Der Poet von Mantua führte niemals Sterbliche zu solchen Schmerzensregionen. Er singt von Lämmern und Bienen, von Vögeln und rauschenden Bächen und der ländlichen' Liebe der Schäfer, und wir lauschen ihm und athmen die süße Landluft, um so süßer in der Erinnerung an die Höllenflammen, die Jahrhunderte lang das Leben vergiftet haben. Apollo ist Herrscher, nicht Christus!" „Und so versucht Apollo Rom und damit die Welt und das Fleisch." „Ihr wißt, Ser Guiseppe, diese Dinge adeln, sie erniedrigen nicht unsere Seelen. Haben nicht auch Dich Schauer durchbebt, wie mich beim Schauen der Schönheit eines gemalten Gesichtes, beim Glanz, der leuchtenden Farbe, bei weißen Strahlen einer Statue? „Ich sündigte, wenn ich die Schönheit ihrer selbst willen liebte und vergieb mir, Herrin, wenn ich Dich kränke, diese Verehrung der Schönheit ist für die Reichen, die Wohlhabenden, die Wenigen! Was haben die Armen und Niedergetretenen, welche in Finsterheit weinen? Welchen Trost hat Dein Glauben für sie? All diese Wunder der menschlichen Hand und des menschlichen Gehirns wiegen wie Stroh gegen ein reines Herz, eine rechte That. Das Zeitalter der Kunst m >■ m m