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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-31 · Heft 5 (31.1.1896) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 5 (31.1.1896)
Date
1896-01-31
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 den stets heiteren Angen, wie er den langen Korridor zum Zimmer meines Vaters hindurcheilte, halb lachend und weinend, dem Freunde in die Arme stürzte, wie eine Geliebte, die nach langem Sehnen endlich den Liebling Herzen und küssen kann. Das andere Mal war es in Berlin 1874. Die einzige Trübung war ein getreten'; nach erregten Auseinandersetzungen hatten die Freunde grollend geschwiegen. Da brachte eine philantropische Angelegenheit — irre ich nicht, eine Zusammenkunft au Gunsten der rumänischen Juden — Dernburg nach Berlin, das er damals zuerst betrat. Als er nun ins Zimmer treten sollte, da stürzte er nicht ins Zimmer hinein, obgleich nur wenige Jahre nach jener Zusammenkunft verflossen waren und er sich jugendlich genug erhalten hatte, sondern ging langsam, wenn auch festen Schrittes. Wortlos sanken sich die Beiden in die Arme, wie Geschiedene, die sich wiedergefnnden hatten uub sich nun nicht mehr lassen wollten. Ich wähle absichtlich, obwohl ich von zwei Männern rede, Bezeichnungen, die auf das Verhältniß von Mitgliedern zweier verschiedener Geschlechter zu passen scheinen. Denn Dernburg besaß, wenigstens im Verhältniß zu meinem Vater, etwas Hingebungsvolles, Weibliches. Er war ein hochgeachteter, gründlich gelehrter, geistvoller Mann geworden, und doch sah er stets zu meinem Vater, als dem Höheren, auf. Es war, als wenn er sich stets dem ltuv wenig altern Freunde, dem er sich ebenbürtig dünken durfte, gegenüber als der „Kleine" vorkann wie er sich in den Briefen aus der Jugendzeit gern bezeichnen ließ. „Ans der Jugendzeit". Mich haben die folgenden Briefe angemnthet wie Klänge aus ferner Zeit. Nicht blos die Männer waren jung, der, welcher hier zu Worte kommt, und der, zu dem geredet wird, sondern die Zeit war jung, voller Streben, voll Hoffnung. Wieviel oder wie wenig von dem, was damals gehofft wurde, hat sich verwirklicht? Gewiß ist Manches anders geworden: um deutsche Predigt wird kein Kampf mehr geführt; Anstalten für die Wissenschaft des Judeuthums sind begründet; viele politische Schranken sind geschwunden.' Aber ist die Lauheit und Gleichgiltigkeit der Gebildeten gefallen? Ist die Anerkennung des Judenthums, seine Auffassung unter den Andersgläubigen eine andere geworden? Und dann, ich möchte mich so gern irren , wenn ich die zweifelnde Frage stelle: Giebt es wirklich heute viele Rabbiner, die von einem so heiligen Eifer beseelt sind für ihren Glauben, von solcher Anspruchslosigkeit im äußern Leben, von so neidloser Anerkennung des Wirkens Anderer, von so grundehrlicher Ueberzeugungstrene, von so festeln Glauben an den Sieg ihrer durch schweres Ringen erworbenen Ansicht, von dieser verzehrenden Leidenschaft für Wissen und Lehren!? K? y Aus der Jugendzeit der jüdischen Theologie erschallt diese Stimme; mag sie nicht ungehört erklingen für die, so es angeht. Das Andenken an jene Männer ist hoffentlich nicht erloschen, es wäre trostlos, wenn ihre Ansichten als veraltet abgethan sein sollten, trostlos nicht für sie, sondern für uns. Aus Heinrich Armes Ahnenfaal. i. ^uf gewachsenem Boden wie ein vorsichtiger Baumeister, das soll ein Ergebnis; dieses Buches sein, hat auch bei Heinrich Heine der Genius sich angebauü Schichten von Geschlechtern setzen eben Alles voraus, was eine Geschichte zu haben berufen ist." Mit diesen Sätzen beginnt ein neues, eben erschienenes Buch von Professor Dr. Kaufmann in Budapest, das den Stammbaum der Familie Heine bis in den Ausgang des 17. Jahrhunderts, ja noch höher hinauf verfolgt. *) Mit einer profunden Gelehrsamkeit, mit einem seltenen Kombinationstalent und mit einer großen historischen Ausfassung hat der Autor aus den entlegensten Gebieten Alles zusammeugetragen, um einen stattlichen Bau aufzurichten, den er mit Recht den Ahnenfaal des Dichters nennt. Was hätte der eitle Heine darum gegeben, wenn er einmal dieser! Ahnensaal hätte betreten können, oder wenn er — ich kann das Wortspiel nicht unterschlagen — von feinen Ahnen auch nur eine Ahnung gehabt hätte? Er hat nicht viel von ihnen gewußt, und das Wenige, was ihm bekannt war, hat er den Erzählungen alter Tanten zu verdanken, die bekanntlich sich nicht immer streng historisch ausdrücken. Eine geschichtliche Quelle sind also., seine-Mittheilungen keineswegs, und ein Familienhistoriker mußte ganz andere Quellen anfsuchen. Das hat nun auch Kaufmann mit redlichem Bemühen gethan, und der Erfolg krönte seine Bemühungen. Wir kennen jetzt die Familie Heine's, wir besitzen ihren weitverzweigten Stammbaum in einer Ausdehnung, wie sie bei uns Juden leider selten ist, wir wissen, daß die Ahnen des Dichters fast durchweg angesehene und gelehrte, durchwegs aber fromme und gebildete Juden gewesen sind, und die Liebhaber der Vererbungstheorie können nun an das Entwickelungsergebuiß verschiedener Geschlechter ihre mehr oder minder geschickten Kombinationen knüpfen. Aber selbst wer dieser Theorie nur kühl gegenübersteht, wird nicht in Abrede stellen können, daß auf der Abfolge von Geschlechtern doch wohl alles beruht, was jemals groß und bedeutend in der Geschichte gewesen ist. Wie kleinlich nimmt sich dem geistigen Erbadel gegenüber, dessen Bild Kaufmann uns in dieser Familiengeschichte Heine's aufrollt, die Streitfrage aus, die ja nun auch längst entschieden ist, ob die Familie blos ihres holländischen Ursprungs wegen sich van Geldern oder eines nicht existirenden Adelsdiploms wegen von Geldern zu nennen berechtigt war. Diese geistige Erbadel war vor Allem in der Familie' der Mutter des Dichters zu Hause, und die Betrachtung Kaufmauu's gilt also zunächst dem Geschlecht, aus dem die Mutter des Dichters, die ja auf ihren Sohn einen so großen Einfluß ausgeübt, hervorgegangen ist. Ihre Urgroßeltern, Großeltern, Eltern und Verwandten werden zu geschichtlichem Leben erweckt, so daß die Ahneuprobe Heinrich Heine's nachweislich neun Generationen hinauf zu dem Ursprung seines Geschlechts uns leiten kann. Jeder Ring ln der Kette, sagt Kaufmann mit Recht, ist auch Werth, daß der forschende Blick bei ihm verweile, wenn an ihrem Ende als krönendes Schlußglied Heinrich Heine steht. Aber die Wiege seines Geschlechts stand nicht am Rhein, wie selbst der Dichter wohl geglaubt hat. ■ Der Historiker führt uns bis an die Ufer der Donau, in das schöne Ungarland, wo trotz der Beschränkungen, welche auch dort auf ihnen lasteten, einige Juden zu öffentlicher Bedeutung und zu einer für jene Zeitläufte besonders merkwürdigen Stellung im Dienste des Staates sich aufzuschwingen vermochten. Einer der tüchtigsten von ihnen war Simon Michael in Wien und später in Preßburg, daher er wohl auch den Namen Simon Preßburg führte. Seiue Glaubensgenossen ernannten" ihn zum „Vorsteher der gesummten Judenschaft in Ungarn". Kaufmann erzählt uns sehr umständlich von seinen Finanzoperationen im Dienste der Kaiser Leopold I. und Joseph I., welch' Letzterer seinem Müuzjuden Simon Michael das Privileg verliehen hat, sich wieder in Wien J i) Aus Heinrich Heine's Ahnenfaal. Von Professor Dr. David Kaufmann. Breslau 1896. Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlagsanstatt.

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