Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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WWDMMWWDKWWWN WWW 54 zu spielen uud französische Anschauungen sich zu eigen zu machen. Dazu gehörte vor Allem die Meinung, daß die Juden aller Länder eine starke Solidarität empfinden müßten und daß die besser Gestellten unter ihnen berufen seien, für ihre unterdrückten oder verfolgten Glaubensgenossen einzustehen und zu sorgen, und ferner, daß in dieser Thätigkeit die Franzosen an der Spitze marschiren müßten. Solche Anschauungen theilte Geiger nie, nicht etwa, weil er in nationaler Eifersüchtelei den Franzosen nicht den Vorrang gegönnt hätte, sondern weil er überhaupt das Kosmopolitische dem Nationalen unterordnete nnd sich von dem groben Jrrthum fern hielt, die Juden als eine besondere Nationalität zu betrachten. Ihm waren die Juden nur eine Glaubensgenossenschaft. Diesem Glauben und den geistigen Gütern der Genoffenschaft galt seine nächste Sorge; aber zunächst sollte im Vaterlande, d. h. in Deutschland Alles zum Besten bestellt sein. Und noch ein Anderes. In der Frage: „Geist oder Geld?" war ihm die Antwort nicht zweifelhaft. Die Fürsorge für geistige Interessen blieb ihni innner wichtiger, als snr die materiellen, und er sah es als eine wesentliche, ja ihre ganze Thätigkeit absorbirende Aufgabe der deutschen Juden an, für ihre eigene Aufklärung und Besserung zn arbeiten. Seitdem er eininat festen Fuß gefaßt hatte, dachte Dernburg schwerlich im Ernst daran, Paris wieder zu verlassen. Gewiß machten die Wünsche Geigers auf ihn einen sehr starken Eindruck; die Lockungen, die jener erklingen ließ, um ihn zu einem gemeinschaftlichen Wirken in Breslau anzuregen, mögen ihn zeitweise gereizt haben. Aber er blieb in Paris, begründete eine Unterrichtsaustalt für Knaben, die bald außerordentlichen Zuspruch erhielt und die dem fleißigen, anspruchslosen, durch eine sorgliche, geistig angeregte Frau (die Heirath fand am 21. August 1843 statt, die Frau starb am 21. Oktober 1879) in seinem Hause beglückten und namentlich in den materiellen Sorgen unterstützten Manne ermöglichten, nach etwa einem Vierteljahrhundert eifriger Schulthätigkeit sich zurückznzieheu und in bescheidener Weise von seinen Renten zu leben. Gesehen haben sich beide Freunde seit Dernburgs definitiver Entfernung aus Deutschland selten. Die Entfernung zwischen Breslau und Paris war weit; ein beschäftigter Schulmeister und ein überfleißiger Rabbiner hatten zu weiten uud kostspieligen Reisen selten Zeit und Geld. Im August 1850 scheint eine Zusammenkunft beider Freunde in Frankfurt stattgefunden haben, bei Gelegenheit eines der seltenen Besuche, den Geiger in seiner Heimath machte. Nach Breslau kam Dernburg, wie schon erwähnt, niemals; nach Paris Geiger nur einmal, uud zwar 1856, bei Gelegenheit der Weltausstellung, aber weder in der Zwiichenzeit, von 1835, noch in den folgenden Jahren bis 1867 sahen sich, soweit ich mich erinnere, die Freunde von Angesicht zu Angesicht. Eine ziemlich lebhafte Korrespondenz, die mir freilich größtentheils unbekannt ist, denn die ununterbrochene Reihe der mir anvertrauten Briefe geht nur bis 1842, wurde zwischen den Freunden geführt. Auch der Briefwechsel hatte, wie dies bei der überaus, starken Beschäftigung beider Männer natürlich war, große Pausen. In den wenigen Proben, die mir seit 1842 vorliegen (je ein Brief aus 1846 uud 1862, zwei aus dem Jahre 1850), ist von starken, ja jahrelangen Unterbrechungen die Rede. Einzelne .wenige Proben nahm Geiger in die seit 1862 neu begründete „Jüdische ' Zeitschrift für Wissenschaft und Leben", eine dem Umfange wie dem Inhalte nach einigermaßen veränderte Auflage der alten Zeitschrift^ auf. Sieht man die mitgetheilten Proben aus Dernburgs.Briefen flüchtig an, so erkennt man weder eine Lücke noch eine Veränderung des Tons. Das Letztere schon deshalb nicht, weil Geiger bei diesen Auszügen aus Briefen von Freunden und Fachgenossen das Persönliche zurückdrängte, das Wiffenschaftliche bevorzugte. Aber auch eine Lücke ist kaum bemerkbar, da Briefe vom 12. Mai 1870' 11. Februar 1871, 6.. März 1872 erwähnt und auszugsweise mitgetheilt werden. Und doch ist eine Lücke und eine Veränderung des Tons, und zwar beide hervorgerufen durch den nationalen Gegensatz beider Freunde. Wenige Monate nach dem Ausbruch des deutschfranzösischen Kriegs, im Herbst 1870, tvährend der Belagerung von Paris, schrieb D., der die Hauptstadt verlassen hatte und in einem nahe bei Paris gelegenem Dorfe Stille und Muße zur Arbeit zu finden hoffte, einen sehr erregten Brief an Geiger. Grund zur Erregung bot ihm nicht nur die Störung in seinen wissenschaftlichen Arbeiten, ferner der Gegensatz, der in dem Friedfertigen stets durch die kriegerischen Unruhen hervorgerufen wird, sondern hauptsächlich das Anschanender traurigen, durch die Heere hervorgerufenen Verwüstungen. Heißblütig, rasch in seiner Liebe wie in seinem Zorn,, schrieb Dernburg diese Zerstörungen der absichtlichen Roheit deutscher Soldateska zu, verglich, als Franzose, der er im Laufe eines in Frankreich verbrachten Menschenalters geworden war. die von ihm getadelte Unbildung mit der Feinheit der Franzosen, die er rühmend hervorhob und verspottete die Verblendung der deutschen Juden, die sich in Patriotismus berauschten, während sie doch erkennen müßten, daß ihnen viel mehr Heil bei den Freiheit liebenden und Gleichheit gewährenden Franzosen, als bei den Deutschen bereitet sei. Auf diese Herausforderung blieb Geiger die Antwort nicht schuldig. Trotz aller Friedensliebe mußte er diesen, den Deutschen aufgedrnngenen Krieg als einen nothwendigen erklären, entschuldigte, ohne sie ganz rechtfertigen zu wollen, die geschehenen Gräuel mit der nun einmal entflammten Kriegsfurie, verfocht aber mit aller Entschiedenheit den Satz, daß der deutsche Jude sich in diesem Gegensätze der Nationen nur als Deutscher zu fühlen und, unbekümmert uni Recht oder Unrecht, das ihm und seinen Glaubensverwandten irgendwo und irgendwann geschehen sei, mit Wort und Schwert die Sache seines, des deutschen, Volkes zu verfechten habe. Daß Geiger diesen Brief, ein schönes Zeugniß seiner vaterländischen Gesinnung uud eine kräftige Widerlegung, wenn es deren überhaupt noch bedarf, des sinnlosen Geredes von vaterlandsloser Gesinnung der deutschen. Juden, veröffentlichte (irre ich nicht in der „Allgemeinen Zeitung", die damals noch als Augsburger bezeichnet wurde), war gewiß sein gutes Recht; daß er dabei auch ein Stück von Dernburgs Brief mitabdruckte, der ihn ja zu seiner Ausführung angeregt hatte, war übereilt. Denn Dernburg würde gewiß niemals zur Veröffentlichung eines in sichtlicher Aufregung geschriebenen Briefes seine Zustiinmung ertheilt haben; nun vernrlheilte er, da sein Name, wenn auch natürlich nicht genannt, von den Nüherstehenden errathen werden mußte, den ohne seine Erlaubniß erfolgten Abdruck als einen Vertrauensbruch. Für eine kurze Zeit trat Schweigen, von Dernburgs Seite eine schmerzliche Verstimluung ein; aber das intime Verhältniß Beider gestaltete sich bald wieder in alter Stärke. Gerade das lange Getrenntsein, der politische, man muß in diesem Falle sagen, nationale Gegensatz, der Unterschied des Berufes, bei dem Einen ein stilles, der Außenwelt entrücktes Gelehrtenleben, bei dem Anderen ein, bei aller tiefgründigen Gelehrtenarbeit praktisches, kampffrohes mrd kampfgehärtetes Wirken, verstärkte das innige Freundschaftsgefühl. Oft zitterte in beiden Männern verhaltene Sehnsucht. Wenn sie sich dann sahen, dann begrüßten sie einander inniger, als es sonst Männer zu thun Pflegen. Bei zwei solchen Szenen war ich gegenwärtig. Das eine Mal in Frankfurt 1867. Dernburg hatte sein grundlegendes Buch über Palästina vollendet, wohl auch schon den Preis erhalten, doch wollte er es nicht drucken lassen, ehe er es dem Freunde vorgelegt hatte.^ Ich sehe ihn noch vor mir, den kleinen, beweglichen, wohlgekleideten Mann, mit seinen rothen Wangen und j n 4