Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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MWK WW ernannt und half mit allen seinen Kräften, das Ziel zu erreichen, welches die Konferenzen hatten, die Zukunft der bedauernswerthen Vertriebenen günstiger zu gestalten. Nächst der Unterstützung der unglücklichen Brüder lag es Sir Julian Goldsmid stets am Herzen, für das geistige Wohl seiner Mitmenschen zu sorgen, und er förderte sehr viele Schulen mit Rath und That. Er war Präsident der jüdischen Kinderschule, er gehörte den Komitees für die jiidische Freischule, sowie für die höhere jüdische Mädchenschule an, und er war auch Vizekanzler der Londoner Universität. Es ist geradezu unbegreiflich, wie Sir Julian Goldsmid all den Ansprüchen gerecht werden konnte, welche diese vielen Ehrenämter an ihn stellten; es gehörte dazu eine unermüdliche Hingebung und eine stete Opferwilligkeit, die ihn vor vielen Lausenden anszeichneten. Um so mehr wird er jetzt vermißt werden, um so schmerzlicher ist der Verlust, den diese vielen Vereine und Anstalten durch seinen Tod erlitten haben! Mit tiefempfundenen Worten gab bei Sir Julian Goldsmids Beerdigung, am Freitag 10. Januar cr.. diesem Gefühle der Prediger der Reformgemeinde, Reverend Morris Joseph, Ausdruck, und die große Betheiligung an der Leichenfeier lieferte den Beweis, welcher Beliebtheit der Verstorbene sich erfreut hat. Mehr als 100 Wagen folgten der Leiche, eine große Anzahl von Vereinen war durch Delegirte vertreten, und ein reicher Blumenschmuck bedeckte den Sarg. In allen Synagogen Englands wurden dem Verstorbenen Nachrufe gehalten, und in allen jüdischen Kreisen Londons herrschte Trauer darüber, daß Sir Julian Goldsmid im besten Mannesalter scheiden mußte aus dieser Welt. Sein Andenken aber wird ein gesegnetes bleiben und wird fort bestehen, denn wer den Besten seiner Zeit genug gethan, der hat gelebt für alle Zeiten. Abraham Geigers Briefe an I. Aerenbonrg- (1833—42) Herausgegeben von Prof. Dr. Ludwig Geiger. Einleitung. l^^^u Joseph Derenbourgs, oder, wie wir schreiben können, >4^0 I- Dernburgs, da es sich um seine deutsche Zeit handelt, ehrendem Andenken sind die nachfolgenden Mittheilungen bestimmt. Ein Briefwechsel, wie ich ihn am liebsten gegeben hätte, kann leider nicht folgen. Mein Vater hatte keinen Respekt vor empfangenen Briefen. Er besaß weder Briefmappe noch Briefschrank, sondern ließ die unbeantworteten Episteln von Freunden — wissenschaftliche Anfragen und geschäftliche Korrespondenz erledigte er umgehend — bis zur Beantwortung, oder wohl noch eine Weile nachher, auf Tisch oder Pult herumliegen. Mußten sie, weil die Papierlast zu schwer wurde oder weil die Reinmachewuth auch gegen sie tobte, von dort weichen, so führten sie wohl ein kurzes idyllisches Leben in einer weiten Tasche des Schlafrockes. Auch dort genossen sie keine lange Ruhe, selbst wenn kein fremder mitleidsloser Angriff sie bedrohte. In früherer Zeit, in der man mit Streichhölzern sparsam umging, wurden sie wohl als Fidibus verbraucht; später dienten sie zur Unterhaltung oder Wiederbelebung des Ofenfeuers, wozu mein Vater die Dienstleistung Anderer ztl verlangen sich selten entschloß. Andere Briefe, die wissenschaftliche Notizen enthielten, die für'die Zeitschrift verwerthet werden sollten, wurden im Original als Druckmanuskript benützt und sobald sie als Druckvorlage gedient hatten, vernichtet. Auf diese Weise ist der bei weitem größte Theil der mehr als vierzigjährigen überaus reichhaltigen Korrespondenz zu Grunde gegangen. -Ein günstigeres Geschick.wurde den Briefen Geigers zu Theil. Joseph Dernburg hob sie sorgfältig auf. Freilich so sorgfältig, daß er sie 1875, als ich mich an ihn, wie an andere ineinem Vater Befreundete wandte, zunächst nicht finden konnte. Daher sind sie in der Biographie meines Vaters: Abraham Geigers Leben in Briefen, Berlin 1878, nicht benutzt. (Das Bruchstück 18. Februar 1833 ist dem Tagebuch entnommen, das Geiger gleichzeitig als Briefkopirbuch diente). Erst im Jahre 1893 .meldete mir der verehrte Greis, der nur, den: Sohne „seines Geiger", als köstliches Erbe seine Freundschaft geschenkt hatte und mit mir eine freilich infolge des Abstands der Jahre und der so verschiedenen Berufsarten und Studien minder häufige Korrespondenz führte, daß er die Briefe wiedergefunden hatte. Die Schriftstücke, die ich bald darauf empfing, dienten mir und wenige:: Eingeweihten zun: stillen Genuß; erst der (Ende Juli 1895) eingetretene Tod des Empfängers und ursprünglichen Besitzers konnte mich veranlassen, weiteren Kreisen daraus Mittheilungen zu machen. Denn an eine vollständige Veröffentlichung konnte ich nicht denken. Gewichtige Gründe hinderten eine unbeschränkte Mittheiluug. Theils werden, wenn auch sehr selten, Dinge sehr intimer Natur behandelt, theils persönliche Erlebnisse, die auch sonst bekannt waren, erzählt, theils, wie es in der Eigenart so vertrauter Aussprachen lag, sehr scharfe Urtheile über Personen gefällt, von denen einzelne noch jetzt leben, andere zu verdienstvoll sind, um nach den augenblicklichen Aufwallungen eines zornfähigen, leidenschaftsvollen Mannes beurtheilt zu werden, theils wissenschaftliche Anfragen gestellt und beantwortet oder auch wissenschaftliche Gegenstände ausführlich behandelt. Ich weiß am besten, was die Briefe durch ihre Kürzung verlieren. Zudem mußte schon aus äußeren Gründen der Zweckmäßigkeit das vorliegende Material ganz erheblich verringert werden. Denn wo giebt es heute, wenigstens in Deutschland, ein jüdisches Publikum, dem man die Lektüre oder gar den Kauf eines starken Briefbandes zumuthen könnte!? Aus allen diesen Gründen entschloß ich mich, die Briefe stark zu kürzen. Ich schied zunächst alle kleinen Billete aus, strich die wiffenschaftlichen Detailuntersuchungen, entfernte Allzupersönliches und tilgte scharfe Urtheile. Mein Hauptaugenmerk richtete ich darauf, das menschlich schöne, reine Verhältniß der beiden Freunde klar hervortreten zu lassen, Beiträge zur inneren geistigen Entwickelung Geigers, zur Geschichte des Rabbinerwesens, zur Erkenntniß der Frühzeit der jüdischen Reformbeweguug in Deutschland, zur Geschichte der jungen Stüru:er und Dränger von 1830 ff, die der witzige Dr. Goldschmidt in Frankfurt, mit Anspielung auf das junge Deutschland, „die junge Synagoge" nannte, zu geben. Abraham Geigers Leben brauche ich nicht zu erzählen, um so weniger, als ich das mir früher bekannte Material in der schon genannten Biographie zusammengestellt habe. Auch von Dernburgs Leben war in den bald nach seinem Tode erschienenen Nekrologen genugsam die Rede. Daher sei nur kurz an die Bildung und Gestaltung der. Freundschaft beider Männer erinnert. Geiger war 1810 in Frankfurt, Dernburg 1811 in. Mainz geboren. Trotz der Nähe beider Städte, auch trotz dem Umstande, daß Geiger mehrfach nach Mainz kam zum Besuche einer dort lebenden Stiefschwester, bildete sich* zwischen den Knaben keine Bekanntschaft. Geiger verbrachte die erste Studentenzeit in Heidelberg, Dernburg, d?r etwa ein Jahr später seine Universitätsstudien begann, mußte,, als Hesse, einige Zeit auf einer Landesuniversität zubringen